Kommentar: Der KI-Hype erfasst auch die Börsen – Enttäuschungen sind programmiert

Tech-Ultras an der Börse sehen den Vorteil von KI darin, dass sie knallharte Investmententscheidungen ohne Sentiment trifft.
Foto: ReutersDas Fintech Equbot lässt Künstliche Intelligenz (KI) entscheiden, in welche Börsenwerte seine Kunden investieren sollten. Damit ist der Silicon-Valley-Spross sogar recht erfolgreich, erfolgreicher jedenfalls als der US-amerikanische Aktienindex S&P 500, wie die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen.
Doch die Schwächen der neuen Super-Siri zeigen sich auch dort: KIs sind zwar mit massenhaft Zahlen gefüttert, jedoch nur mit solchen über die Vergangenheit. Das Wissen von ChatGPT reicht nur bis ins Jahr 2021. Danach? Leere.
Diese Unkenntnis über Gegenwart und Zukunft ist gefährlich. Laut der KI pflegen Berlin und Moskau enge Beziehungen. Vom Erdbeben an der türkisch-syrischen Grenze hat ChatGPT nie erfahren.
Als Werkzeug für Börsenanleger und Analysten ist das Programm somit ungeeignet. Die Finanzwelt verbessern kann KI dennoch – im Kundensektor. KI schläft nicht, trinkt nicht und ist auch nicht genervt von den immergleichen halbgaren Fragen. Einfache Anfragen, mit denen sich Fondsmanager vorher persönlich herumplagen mussten, können jetzt von ChatGPT beantwortet werden.
Auch in der einfachen Marktanalyse könnte die KI nützlich sein: Lassen wir ChatGPT Zeitungsartikel lesen und auswerten! Der I-Index, den Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund entwickelt haben, beweist, dass solche Analysen früh vor einer Inflation warnen können.
KI trifft Entscheidungen ohne Gefühle – ist das ein Vorteil?
Doch einen ETF bauen, der dauerhaft besser ist als der Markt? Schwierig, denn dazu braucht es das gewisse Etwas: Gefühl. Fragt man das Programm „ChatGPT, hast du Gefühle?“, antwortet es:
Als Künstliche Intelligenz habe ich keine eigenen Emotionen, aber ich kann programmiert werden, um menschliche Emotionen zu simulieren, z.B. auf traurige Fragen empathisch zu antworten.
Tech-Ultras an der Börse sehen den Vorteil von KI eben genau darin: dass sie knallharte Investmententscheidungen ohne Gefühle trifft. KI-basierte ETFs wie die von Equbot würden das beweisen. Doch was den Cyber-Fonds fehlt, ist das Gespür dafür, was Erdbeben, Invasionen und plötzliche Lockdowns auslösen können. Womöglich wird auch diese Hürde irgendwann überwunden, noch müsste man die KI dafür allerdings an alle Seismografen und Kabinettssäle dieser Welt anschließen.
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Derzeit ist ChatGPT noch das Windows 95 der Künstlichen Intelligenz. Nimmt KI jedoch die gleiche Entwicklung wie Microsofts erstes Erfolgsprodukt, die Software, wird sich das Programm rasant entwickeln.
Bis dahin müssen Analysten und Fondsmanager nicht um ihre Zukunft bangen. Ihr Vorteil ist, dass sie Annahmen über die Zukunft machen können, die auf Erfahrungen und Emotionen basieren. Es heißt, ein Computer sei nie schlauer als sein Programmierer. Dazu muss gelten: Der Markt ist immer so menschlich wie die Händler.