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Kommentar Der Libra-Effekt schreckt alle auf

Noch ist der Bitcoin geprägt von Anarchismus. Doch Notenbanken, Regierungen und die Finanzbranche müssen sich auf eine Zukunft mit Kryptowährungen einstellen.
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Mit Libra hat sich das alles gründlich geändert. Dabei steht das Projekt einer virtuellen Währung des Internetriesen Facebook allenfalls in seinen Grundzügen fest. Quelle: Reuters
Libra

Mit Libra hat sich das alles gründlich geändert. Dabei steht das Projekt einer virtuellen Währung des Internetriesen Facebook allenfalls in seinen Grundzügen fest.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Lange schien es sich um Spielerei zu handeln. Der Bitcoin war ein cooles Mittel zum Bezahlen – bis heute dient er aber hauptsächlich zum Spekulieren. Und bis zum heutigen Tag ist die Mutter aller Kryptowährungen geprägt von einer Mischung aus mildem Anarchismus, verbunden mit der Abneigung gegen staatliches Geld im Sinne des ultraliberalen Ökonomen Friedrich von Hayek, und einer Gleichgültigkeit gegenüber dem irrsinnigen Energieverbrauch des neuen Zahlungsmittels.

Auf den Bitcoin folgten Hunderte andere Kryptowährungen. Bedeutung gewann vor allem Ethereum – ein Konzept, das eine ganz neue Welt zu erschließen scheint. Auf virtuelle Währungen folgten virtuelle Unternehmen und virtuelle Börsengänge. Der harte Kern der Progressiven sagt sogar den Untergang der Internetriesen wie Facebook und Google voraus. Dezentrale, autonom agierende Unternehmen sollen die Konzerne ersetzen. Mithilfe der dezentralen Technik der Blockchain würde die neue Generation von Firmen quasi überall und nirgends existieren.

Alles Spielerei – so lautete, wenn auch sachlicher formuliert, lange Zeit das Urteil der Notenbanken. Als richtige Währung erkennen sie Bitcoin und Co. nicht an. Für groß und bedeutend genug, um ernsthaft die Finanzbranche oder die wirklichen Währungen der Welt durcheinanderzubringen, wurden die Kryptowährungen nicht erachtet. Die Finanzbranche näherte sich den neuen virtuellen Münzen nur zögerlich, vor allem auf der Suche nach einer neuen Marktnische. Etwas ernster nahm sie die Blockchain – die Technik, die mit dem Bitcoin in die Welt kam. Aber selbst auf diesem Gebiet gehen viele Projekte nur recht langsam voran.

Mit Libra hat sich das alles gründlich geändert. Dabei steht das Projekt einer virtuellen Währung des Internetriesen Facebook allenfalls in seinen Grundzügen fest. Entscheidend ist aber, dass es von einem Unternehmen mit mehr als zwei Milliarden Nutzern kommt. Mit mehr virtuellen Bürgern sozusagen, als irgendein Staat dieser Welt an Einwohnern hat. Damit tut sich eine ganz neue Perspektive auf. Was, wenn es normal wird, innerhalb von Facebook mit Libra zu bezahlen?

Wenn User, die einen großen Teil ihrer Kontakte über Facebook pflegen und einen großen Teil ihrer Informationen dort beziehen, auch ihre Geschäfte darüber abwickeln? Möglicherweise fängt das in Ländern mit schwachen Währungen an, breitet sich dann aber weltweit aus. Und Facebook ist nicht allein. Andere Megaplattformen wie Google oder vor allem Amazon könnten nachziehen und ebenfalls eine eigene Währung ins Leben rufen. Oder sich vielleicht sogar mit Facebook zusammentun.

Damit ist klar: Das Thema Kryptowährung lässt sich nicht mehr verdrängen. In seltener Eile befassen sich jetzt Regierungen und Notenbanken damit. Die chinesische Zentralbank hat flugs angekündigt, ihre eigene Währung schon sehr bald auch in Form von virtuellem Cash, also ähnlich wie Bitcoin oder künftig Libra, zur Verfügung zu stellen. Andere Notenbanken sprechen jetzt auf einmal sehr viel ernsthafter von ähnlichen Plänen. Regierungen und Finanzaufseher reden über Regulierung und Verbote.

Aber Unternehmen wie Facebook lassen sich schwer regulieren. Das Internet ist mit nationalen Gesetzen kaum zu fassen, und internationale Regelungen sind schwer zu finden und durchzusetzen. Der Ansatz, mit eigenen Angeboten Facebook zuvorzukommen, dürfte damit die besten Erfolgschancen haben.

Und diese Chancen stehen gar nicht schlecht. Denn die etablierten Währungen bieten etwas, von dem sonst Facebook profitiert: den Netzwerkeffekt. Sie funktionieren und genießen Vertrauen, weil bereits viele Leute sie nutzen und ihnen vertrauen. Deswegen hat Facebook ja Libra auch als „Stable Coin“ angekündigt, will die neue hauseigene Währung also an bewährte Werte wie Dollar und Euro koppeln.

Das allein ruft schon die Aufseher auf den Plan, weil die Libra-Stiftung die neuen Coins mit Vorräten an traditioneller Währung unterlegen will und damit Chaos an den Märkten auslösen könnte. Allerdings: Möglicherweise funktioniert Libra oder ein ähnliches Konzept auch ohne diese Unterlegung, wenn sich ein Mechanismus eingespielt hat, durch Ausgabe oder Einziehung neuer Coins den Wert stabil gegenüber Dollar oder Euro – oder einer Mischung mehrerer Währungen – zu halten.

Die Notenbanken sollten ihre Projekte – ähnlich, wie China es handhabt – also zügig vorantreiben. Noch wichtiger aber: Auch die Banken müssen sich auf Libra oder Krypto-Euros und -Dollars vorbereiten. Wenn das kommt, wird es ihr gesamtes Geschäftsmodell umkrempeln. Sie könnten den Zahlungsverkehr verlieren und damit auch zinslose Einlagen. Die genauen Auswirkungen sind noch nicht absehbar, aber vielleicht passiert so etwas, was ohnehin geschehen muss: die Auflösung eines Systems von Universalbanken in eine Branche mit spezialisierten Anbietern mit ganz neuem Zuschnitt. Manche Fintechs zeigen schon die Richtung an, in die es geht.

Mehr: Die Bundesregierung hat ein umfassendes Konzept zur Nutzung der Datenbank-Technologie Blockchain vorgelegt.

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