Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Der Milliardenbetrug von Steinhoff kam mit Ansage

Die Aufklärung des Bilanzskandals des Möbelriesen Steinhoff dürfte Unsummen kosten. Der entstandene Schaden ist trotzdem unwiederbringlich.
Kommentieren
Der Möbelkonzern hat Gewinne von bis zu 6,5 Milliarden Euro künstlich kreiert. Quelle: dpa
Steinhoff Möbel

Der Möbelkonzern hat Gewinne von bis zu 6,5 Milliarden Euro künstlich kreiert.

(Foto: dpa)

Düsseldorf14 Monate lang haben insgesamt rund 100 Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC Terabytes an Dokumenten durchforstet und alte Geschäftsberichte des deutsch-südafrikanischen Möbelriesen Steinhoff neu überprüft. Jetzt kommen sie mit handfesten Ergebnissen und erschreckenden neuen Details: Bis in das Jahr 2002 gehen Zahlen-Hokus-Pokus und Schiebereien des Konsumgütergiganten mit Sitz im südafrikanischen Stellenbosch zurück. Beteiligt war nicht nur ein Einzelner, der 58-jährige Ex-Chef Markus Jooste. Es war vielmehr das Zusammenspiel eine ganze Truppe von Führungskräften.

Ein Milliardenkonzern, fast so groß wie Ikea und mit Engagements auf der ganzen Welt, hat es geschafft, über viele Jahre die Welt zu foppen. Das eigentlich Erschütternde daran ist: Dass da irgendetwas nicht stimmt, hätte längst auffallen müssen. Ratingagenturen, Kreditabteilungen der Banken, Buchprüfer, Börsenfachleute. Niemand, so scheint es, wollte die Wahrheit überhaupt wissen.

Der Billigmöbelhändler Steinhoff, dessen Namensgeber der deutsche Unternehmer Bruno Steinhoff ist, ist nach einer Sitzverlegung nach Südafrika über immer neue Zukäufe in atemberaubendem Tempo gewachsen. Bis September 2016 erreichte die Bilanzsumme sagenhafte 32 Milliarden Euro. Erst ein Krach mit Joostes langjährigem Geschäftsfreund Andreas Seifert, Mitinhaber des österreichischen Konzerns XXXLutz, brachte das Lügengebäude zum Einsturz.

Die kleine Staatsanwaltschaft im niedersächsischen Oldenburg begann mit Ermittlungen. Da erst wurde es auch den damaligen Wirtschaftsprüfern des Steinhoff-Konzerns von Deloitte zu heiß. Sie verweigerten im Dezember 2017 die Unterschrift unter das Zahlenwerk. Die Steinhoff-Aktie stürzte ab, sie verlor binnen Tagen über 90 Prozent an Wert.

6,5 Milliarden Gewinne und Vermögen kreiert

Nun stellen die Prüfer fest: Über nur scheinbar unabhängige Firmengründungen hat ein Führungszirkel im Konzern allein von 2009 bis 2017 Gewinne und Vermögensposten von 6,5 Milliarden Euro künstlich kreiert. Die angeblich außenstehenden Steinhoff-Gewächse hießen Talgarth Group, GT Global Trademarks oder Triton.

Kränkelnden Steinhoff-Töchtern habe diese scheinbaren Fremdfirmen dann Grundstücke, Konsumentenkredite oder Markenrechte zu völlig überhöhten Preisen abgekauft. Es flossen fiktive Einkünfte, die jeder Grundlage entbehrten.

Was da im Einzelnen so lief, beschreibt die Südafrika-Redaktion der Nachrichtenagentur Bloomberg an einem kleinen Beispiel: Markus Jooste kaufte etwa 2001 im Osten von Johannesburg über eine Tochterfirma eine kleine Gewerbefläche für 41.000 Euro. Fünf Jahre später verkaufte er dann das Grundstück an den Steinhoffkonzern weiter: zum Preis von 2,06 Millionen Euro.

So ging das auch mit Markenrechten, faulen Konsumentenkrediten, überteuerten Firmen-Zukäufen. Transaktionen waren komplex, unzählige Firmen waren beteiligt, mit ähnlichen und wechselnden Namen. Schlimmer noch: „In vielen Fällen wurden Dokumente und professionelle Kommentare nachträglich erzeugt und zurückdatiert“, schreiben die Prüfer.

Fast mafia-ähnliche Strukturen also, mit dem Unterschied, dass Steinhoff als börsennotiertes Unternehmen regelmäßig den Kapitalmärkten Bericht erstatten musste. Nicht alles lässt sich da verstecken. Wer nur ein bisschen Ahnung von Zahlen hat, hätte beim Blick in Jahresberichte misstrauisch werden müssen. Die 32-Milliarden-Bilanzsumme von 2016 bestand mit 16,5 Milliarden Euro zur Hälfte aus Goodwill (über dem Buchwert liegender Wert einer Tochterfirma) oder aus immateriellen Vermögensgegenständen wie etwa Markenrechten. Posten, die für Fantasiebewertungen wie geschaffen sind. Hinzu kamen kurzfristige Forderungen von fast zwei Milliarden Euro. An wen und wieso? Alles Positionen, die gründliche Nachfragen verlangt hätten.

Die Chefs haben gerne gemeinsam gefeiert

Stattdessen haben Vorstände und Aufsichtsräte gerne und ausgiebig gemeinsam gefeiert und sich über den steigenden Aktienkurs die Hände gerieben. Die Deutsche Börse hat am Börsengang in Frankfurt gut verdient, ebenso wie die begleitenden Banken. Niemand störte, dass Jooste meist mehr Geld aufnahm, als ein neuer Firmenzukauf kostete. So gab er das Geld von Fremdkapitalgebern und Aktionären mit vollen Händen aus.

Alarmstimmung gab es höchstens mal vor Veröffentlichung eines Jahresberichts. Tochterfirmen mit schlechten Zahlen mussten dann eilends Wege finden, mit fingierten Einkünften alles glatt zu bügeln, berichten Personen, die mit den Vorgängen vertraut sind. Alle Akteure wurden fürstlich entlohnt. Und Aktionäre interessierte nur der stetig steigende Kurs. Einziger Trost für sie heute: die Töchter Pepkor (Südafrika), Poundland (Großbritannien) und Pepco (Osteuropa) sind nicht von den Mauscheleien betroffen.

Wieviel die Aufarbeitung des Skandals den Konzern gekostet hat, steht nicht in der Zusammenfassung. Die Arbeit der Wirtschaftsprüfer dürfte einen Großteil der Gewinne verschlingen. Hinzu kommen mehrere Sammelklagen. Sie sind im Zahlenwerk noch gar nicht berücksichtigt. „Der Schaden ist unwiederbringlich“, sagte ein Profi-Investor zu Bloomberg.

Mit dem Enron-Skandal von 2001 wird der Steinhoff-Skandal gerne verglichen. Damals verloren Geldgeber durch aufgeblähte Bilanzen des Energie-Riesen insgesamt 60 Milliarden Dollar. Eine einziger Analyst hatte Monate zuvor nachgefragt, was hinter den merkwürdigen Fußnoten im Geschäftsbericht steckte. Die Akteure der Kapitalmärkte habe, so scheint es, seit damals nicht viel dazugelernt.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar - Der Milliardenbetrug von Steinhoff kam mit Ansage

0 Kommentare zu "Kommentar: Der Milliardenbetrug von Steinhoff kam mit Ansage "

Bitte bleiben Sie fair und halten Sie sich an unsere Community Richtlinien sowie unsere Netiquette. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar. Wir behalten uns vor, Leserkommentare, die auf Handelsblatt Online und auf unser Facebook-Fanpage eingehen, gekürzt und multimedial zu verbreiten.