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Kommentar Der Rückzug von der Börse ist ein gefährlicher Trend

Metro, Springer, Osram: Durch Delisting mutiert der Kapitalmarkt zum Spielplatz für gierige Manager, denen das Schicksal der Unternehmen völlig egal ist.
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Aktien: Der Rückzug von der Börse ist ein gefährlicher Trend Quelle: dpa
Börse Frankfurt

Die Zahl der Unternehmen, die ihre Papiere öffentlich handeln lassen, sinkt in diesem Jahr besonders schnell.

(Foto: dpa)

Carl Fürstenberg hatte unrecht. Aktionäre seien dumm und frech, wird der Banker aus dem 19. Jahrhundert zitiert. „Dumm, weil sie ihr Geld anderen Leuten ohne ausreichende Kontrolle anvertrauen, und frech, weil sie Dividenden fordern, also für ihre Dummheit auch noch belohnt werden wollen.“

Das Gegenteil ist der Fall, Aktionäre nehmen heute ihr Investment ernst, fordern Mitwirkung und Informationen. Natürlich fordern sie dann zu Recht ihre Belohnung. Und dafür werden Aktionäre oft kaltgestellt. Die Bezeichnung dafür ist einer diesen Anglizismen, die die meisten nur halb verstehen: Delisting. Potente Investoren übernehmen Aktiengesellschaften und zahlen alle restlichen Miteigentümer aus.

Der Rückzug von der Börse liegt im Trend. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Papiere öffentlich handeln lassen, sinkt in diesem Jahr besonders schnell. Metro, Springer-Verlag und jetzt auch Osram wollen sich verabschieden. Doch es sind wohl nur die prominenten Namen, die aufhorchen lassen.

Der geregelte Markt in Deutschland ist binnen zehn Jahren von 761 Gesellschaften auf 464 geschrumpft. Auch weltweit leiden die Börsen seit Jahren unter Schwindsucht, von dem Boomland China vielleicht einmal abgesehen. Selbst im Mutterland des Kapitalismus ist Rückzug angesagt. In zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der an der Wall Street notierten Aktien fast halbiert.

Eine wohlbekannte Begründung für das Delisting lautet, die Unternehmen sollen in Ruhe saniert, restrukturiert oder strategisch neu ausgerichtet werden. Ohne lästige Miteigentümer, die informiert werden müssen, ohne Querschüsse von aggressiven Investoren wie Hedgefonds. Klingt überzeugend, führt aber den Anspruch des Kapitalmarkts ad absurdum, Geld zum Wohle der Gesamtwirtschaft immer in die sinnvollste Anlage zu steuern.

Wenn Börsennotierungen je nach Gusto mal an-, mal ausgeschaltet werden, mutiert der Kapitalmarkt zum Spielplatz für gierige Manager und Geldverwalter mit Anlagenotstand, denen das Schicksal der Unternehmen völlig egal ist. Die einen spekulieren auf möglichst hohe Abfindungen, die anderen auf einen baldigen und natürlich lukrativen Exit. Im schlechtesten Fall sogar nur auf Zerschlagungs- oder finanztechnische Sanierungsgewinne.

Der Klassiker sieht nicht selten so aus: Eine Aktiengesellschaft wird für zwei Milliarden Euro von der Börse genommen. Die Private-Equity-Aufkäufer investieren eine Milliarde und nach fünf Jahren kehrt das Unternehmen zurück an den Kapitalmarkt – für vielleicht vier Milliarden Euro. Mit anderen Worten, vom Sanierungseffekt profitiert nur einer, Private Equity. Alle anderen Investoren und Kleinanleger müssten sich teuer wieder einkaufen.

Das Argument, ohne eine Börsennotierung ließen sich Unternehmen leichter neu ausrichten, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Die Frage lautet dann aber: Warum gibt es überhaupt eine Börse, an der die Anteile von Unternehmen gehandelt werden, wenn diese Börse in kritischen Zeiten versagt?

Dazu kommt: Investoren, die das Delisting betreiben, nutzen die klaren (Übernahme-) Regeln des Kapitalmarkts inklusive Squeeze-out, also der Abfindung lästiger Kleinaktionäre, aus, um ihr eigenes Investment gegen ebendiesen Kapitalmarkt abzusichern. Das erscheint absurd.

Delisting ist kein deutsches Phänomen

Bemerkenswert daran ist, dass der Abschied von der Börse kein deutsches Phänomen ist. Sonst ließe sich argumentieren, dass sich dieses Land nie so richtig mit dem globalen Kapitalmarkt und seinen Regeln habe anfreunden können. Ausgerechnet aber in den USA bereitet der Delisting-Trend auch Sorgen.

Dort wird viel von Managern und Anlegern über zu viele Auflagen und Bürokratie für börsennotierte Unternehmen geklagt. Das mag sein. Aber selbst das Lockern von Vorschriften würde das eigentliche Problem, das mit der Delistingwelle einhergeht, nicht lösen. Dafür sind die Zahlen zu stark.

Werden Unternehmen bald nur noch von einer Handvoll finanzstarker Investoren beherrscht? Denn die Aufkäufer der Aktiengesellschaft sind in der Regel ja keine Familienunternehmer im typischen deutschen Sinne, die ihr Firmenreich zwar in Gutsherrenart führen mögen, die aber auch niemanden um Geld bitten. Finanzinvestoren legen das Geld anderer Leute an, und ihr Ziel ist es, den Ertrag zu maximieren. Und nicht unbedingt, ihre erworbenen Unternehmen ins nächste Jahrhundert zu führen. Das ist keine schlechte, aber eben eine vollkommen andere Geschäftsphilosophie.

Der Leuchtkonzern Osram wird deshalb ein interessanter Fall sein. Die vom Management und sogar von den Arbeitnehmern begrüßten Finanzinvestoren Bain und Carlyle müssen jetzt zeigen, was sie draufhaben. Wird es ihnen gelingen, dem traditionsreichen Lampenhersteller in einem schwierigen Markt zukunftsfest zu machen? Haben sie überhaupt Interesse daran? Das Delisting als Schutzmaßnahme gegen feindliche Übernahmeattacken aus China wäre ein bisschen arg dünn.

Mehr: Finanzinvestoren suchen nach unterbewerteten Unternehmen an der Börse, um sie vom Kurszettel zu nehmen. Privatanlegern winken dabei hohe Gewinne.

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