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Kommentar Der Spendensegen für Notre-Dame wird langsam unheimlich

Die immens hohen Spenden für den Wiederaufbau von Notre-Dame sprengen die Dimensionen. Aber für viele andere wichtige Hilfsprojekte fehlt Geld.
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Die internationale Spendenbereitschaft und das Tempo, mit dem Hunderte Millionen versprochen werden, sind beeindruckend. Quelle: AP
Notre-Dame nach dem Brand

Die internationale Spendenbereitschaft und das Tempo, mit dem Hunderte Millionen versprochen werden, sind beeindruckend.

(Foto: AP)

Düsseldorf Starke Symbole sind mächtig in unserer Zeit. Und Notre-Dame, die gotische Kathedrale im Herzen von Paris, lichterloh brennend, das ist ein solches Symbol. Menschen weinen, diskutieren – und geben Geld, viel Geld, für den Wiederaufbau.

Die internationale Spendenbereitschaft und das Tempo, mit dem Hunderte Millionen versprochen werden, sind beeindruckend. In weniger als 48 Stunden kamen nach dem Spendenaufruf des französischen Präsidenten Emmanuel Macron 880 Millionen Euro an Spenden und Spendenzusagen zusammen.

Das ist schon jetzt dreimal mehr als das, was Frankreich im Jahr für seine Tausenden Kirchen, Burgen und anderen Denkmäler im ganzen Land ausgibt.

Es ist mehr als viermal so viel, wie die Restaurierung der Frauenkirche in Dresden gekostet hat. Und doppelt so viel wie das, was der Förderverein von Notre-Dame für den Wiederaufbau schätzt – auch wenn solche Berechnungen derzeit noch sehr ungenau sein müssen.
Nicht umsonst sagte Frankreichs Kulturminister Franck Riester am Mittwoch, es werde beim Wiederaufbau von Notre-Dame an Geld nicht mangeln.

Viele finden die hohe internationale Spendenbereitschaft tröstlich, empfinden sie als Zeichen der weltweiten Empathie für Frankreich und für Paris, eine Stadt, die nach Terroranschlägen nun auch ein solch verheerendes Feuer bei einem ihrer wichtigsten Baudenkmäler verkraften muss. Aber sollte uns die überbordende Spendenfreudigkeit nicht auch nachdenklich machen?

Die Vereinten Nationen brauchten Monate, um in diesem Frühjahr schließlich auf einer Geberkonferenz für den vom Krieg gebeutelten Jemen, wo derzeit mehr als zehn Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind, 2,3 Milliarden Euro von allen Staaten der Welt einzusammeln. Beim Brand von Notre-Dame kam niemand ums Leben. Es geht um den Wiederaufbau einer Kathedrale. Mehr, so muss man es auch einmal sagen, nicht.

Keine Geberkonferenz nötig

Eines ist klar: Eine „internationale Geberkonferenz“ für den Wiederaufbau von Notre-Dame, wie die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo fordert, die braucht es nicht. Das Geld ist da, um den geplanten Architekturwettbewerb ohne große Verzögerungen auszuschreiben. Die internationale Solidarität und Hilfsbereitschaft, mit Wissen und Erfahrung beim Wiederaufbau zu unterstützen, auch.

Da ist keine Geberkonferenz nötig – und der Begriff ist auch, wenn wir bedenken, für welche Anlässe sonst Geberkonferenzen abgehalten werden, denkbar schlecht gewählt.

Natürlich ist es schwierig, ein Kulturbauwerk mit einer Krisenregion zu vergleichen. Aber stimmen die Dimensionen noch, wenn, überspitzt gesagt, schneller Geld für Steine als für hungernde Menschen da ist? Ja, Notre-Dame ist mehr als Steine, mehr als irgendeine Kirche.

Die gotische Kathedrale hat unbestreitbar einen hohen kulturellen und historischen Wert, hat als Wahrzeichen der französischen Hauptstadt und Ort des nationalen Zusammenhalts einen Symbolwert wie nur wenige andere Bauwerke. Natürlich soll sie wieder aufgebaut werden. Und jede Spende ist ehrenwert.

Doch es befremdet, mit welcher Schnelligkeit und Leichtigkeit Großspenden von zehn, 100 oder gar 200 Millionen Euro in den vergangenen zwei Tagen geflossen sind. 200 Millionen Euro vom Luxusgüterriesen LVMH, ebenso viel von L’Oreal, dessen Eigentümerfamilie Bettencourt Meyers und deren Familienstiftung. 100 Millionen Euro vom Luxuskonzern Kering, ebenso viel vom Ölproduzenten Total.

Mit der Kommunikation ihrer Hilfsbereitschaft hielten sich die Spender nicht zurück. So nutzen sie die Chance, von der Strahlkraft Notre-Dames etwas abzubekommen. Sich quasi unvergesslich in die Steine des neuen Gebäudes einzuschreiben.

Symbole und Bilder statt Nutzen

Mäzenaten- und Spendertum in allen Ehren, aber hätte es vor dem Brand nur einen Bruchteil für die Sanierung von Notre-Dame gegeben, vielleicht wäre das Unglück gar nicht passiert.

Stattdessen gab es jahrelange Diskussionen über Zuständigkeiten. Das schafft keine starken Bilder. Jetzt aber wird bereits zwei Tage nach dem Brand über ein neues Gesetz gesprochen, das die steuerliche Absetzbarkeit von Kleinspenden für Notre-Dame verbessern soll.

Hilfsorganisationen beklagen immer wieder, dass die Spendenbereitschaft sich oft auf große Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben oder Taifune konzentriert.

Die Bilder der Naturgewalten in den Medien, der Menschen, die um ihr tägliches Leben kämpfen, berühren weltweit. Die Menschen spenden zweckgebunden für diesen Anlass. Nicht selten wissen die NGOs dann aber gar nicht, wie sie das viele Geld sinnvoll und schnell einsetzen können, während bei anderen Hilfsprojekten, die keine dramatischen, emotionalen Bilder eines Einzelereignisses produzieren, Geld fehlt.

Symbole und Bilder ziehen Aufmerksamkeit auf sich – und auch Geld. Das ist beim Brand von Notre-Dame in ganz besonderem Maße so.

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