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Kommentar Der Tech-Hype frisst seine Einhörner

Das Silicon Valley lebt von seiner Aura – und dortige Start-ups wachsen durch üppige Börsengänge. Doch der IPO-Boom hat seine Tücken.
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Die Aktienemission von Lyft ist überzeichnet – obwohl der Börsengang ein hohes Risiko birgt. Quelle: AFP
Mobilitätsanbieter Lyft und Uber

Die Aktienemission von Lyft ist überzeichnet – obwohl der Börsengang ein hohes Risiko birgt.

(Foto: AFP)

Von jeher kultivieren Wall Street und Silicon Valley eine Fehde, wie sie sonst nur in Rapper-Kreisen vorkommt: Westküste gegen Ostküste. Die Banker halten die Kalifornier für größenwahnsinnige Spinner, die Geschäftsmodelle ohne Zukunft züchten. Die Westcoast wiederum verspottet die spröden Börsianer, deren Horizont ihrer Meinung nach nur bis zum nächsten Quartal reicht.

Der Zwist geht so weit, dass Gründerlegende Eric Ries und Investor Marc Andreessen die Wall Street ersetzen wollen. Der von ihnen mitgegründete alternative Handelsplatz Long Term Stock Exchange (LTSE) soll Investoren belohnen, die langfristig denken.

Nun geht der Konflikt in die entscheidende Phase. Die Westcoast will es der Eastcoast beweisen. Mehr als je zuvor streben in den kommenden Wochen hochbewertete Technologiefirmen, auch „Einhörner“ genannt, an die Börse. Die Start-ups wuchsen abseits des Parketts dank der Milliardeninvestitionen der Venture-Kapitalisten, kurz „VCs“, die jahrelang verlustreiche Geschäftsmodelle finanzieren. Statt um Profite ging es um Wachstum, koste es, was es wolle. „Blitzscaling“, so brachte Unternehmer Reid Hoffman die beliebte Valley-Strategie auf den Punkt.

Der Hype um Einhörner ist ungebrochen. Die Börsengänge werden nicht enttäuschen und die Kassen der Investoren mit Milliarden füllen. Doch der Hype bedroht den Erfolg der Firmen. Statt auf einen bombastischen Börsengang zu setzen, sollten die Start-ups lieber an ihre Zukunft denken.

Die große Wall-Street-Party beginnt am Freitag mit Lyft, gefolgt von Rivale Uber, Pinterest, Palantir oder Slack. Über den Erfolg der Geschäftsmodelle sagt ein Topauftritt in New York aber kaum etwas aus. Laut Jay R. Ritter, Cordell Professor of Finance an der Universität Florida, explodieren die Kurse von Börsenneulingen am ersten Handelstag, um in den kommenden drei Jahren deutlich unter Marktniveau zu performen. Genau so war es beim Facebook-Konkurrenten Snap. Der Hoffnungsträger startete 2017 mit Rekordwerten in den Handel, stürzte danach von Krise zu Krise und versucht nun ein Comeback.

Für VCs, die bei einem Börsengang ihre Anteile verkaufen und abkassieren, sind das gute Nachrichten. Für das Start-up oder die neuen Aktionäre eher nicht. Ein Blick in die Zahlen von Snap zeigte schon damals die schwierige Lage. Im Jahr vor dem Börsengang verlor Snap eine halbe Milliarde Dollar.

Ähnlich sieht es heute bei Lyft aus, dessen Aktienemission seit Tagen überzeichnet ist. Der Fahrservice erhöhte den Ausgabepreis von 62 auf 68 Dollar pro Aktie. 2018 machte der Mobilitätsdienst 911 Millionen Dollar Verlust – mehr hat noch kein Börsenaspirant in den zwölf Monaten vor dem Debüt verloren.

Uber wird diesen Rekord brechen, wenn der Fahrdienst demnächst an die Börse geht. Er macht mehr als 800 Millionen Dollar Verlust pro Quartal. Immerhin: Die börsenreife Plattform Pinterest halbierte das Minus 2018 auf 63 Millionen Dollar. Doch ihre Zukunft ist ungewiss. Sie streicht nur 0,3 Prozent der weltweiten digitalen Werbeumsätze ein. Zum Vergleich: Google und Facebook kommen gemeinsam auf knapp 60 Prozent.

Offenes Rennen der Einhörner

Investoren rechnen nüchtern. Für sie reicht ein erfolgreicher Exit pro Fonds, um Duzende Misserfolge mitzufinanzieren. Für Gründer hingegen geht es um die Existenz. Sie sollten widerstehen, unbedarft der Versuchung Wall Street nachzugeben. Ein gutes Beispiel für Beharrungswillen ist Brian Chesky von Airbnb, der eher den Finanzchef hinauswarf als sich an die Börse drängen zu lassen.

Sicher, Start-up-Mitarbeiter wollen ihre Anteile irgendwann vergolden und weiterziehen. Die Financiers stehen ebenfalls unter Druck, viele Fonds besitzen nur begrenzte Lebenszeit. Doch während Investoren Start-ups zum Blitzscaling ermuntern, verteilen sie ihr eigenes Risiko breiter als früher.

Noch 2010 zählte der Investmentanalyst Pitchbook weniger als zwei Dutzend hochbewertete Technologiefirmen. Heute sind es 160. Und während die Start-ups 2010 von rund 200 Geldgebern finanziert wurden, sind es nun fast 2 000. Durchschnittlich geht ein Start-up heute mit 50 Investoren an die Börse, Uber zeichnen mehr als 100.

Niemand weiß, wie sich der Markt entwickelt. Wer hätte gedacht, dass der ehemalige Buchhändler Amazon heute alles verkauft. Ebenso schwer ist abzusehen, welches börsenhungrige Einhorn nun die besseren Zukunftschancen hat. Nehmen wir Lyft: Der Mobilitätsservice bietet seine Dienste bislang nur in den USA und Kanada an. Der ungleich größere Rivale Uber hingegen baut eine große Mobilitätsplattform mit E-Scootern, E-Fahrrädern und Essenslieferungen auf und vermittelt Lkw-Fahrten.

Nach wie vor feiert das Westküstenmodell Erfolge. Auch das demonstriert der aktuelle Börsenhype eindrücklich. Umso mehr geht es darum, diesen Mythos nicht zu zerstören. Vor allem den Glauben von Gründern daran, dass hier (fast) alles möglich ist. Es ist schließlich genau diese Magie, die talentierte Menschen immer wieder dorthin lockt.

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