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Kommentar Deutsche Biotechfirmen sind immer stärker auf US-Investoren angewiesen

Der wachsende Finanzbedarf drängt die deutsche Biotechbranche immer stärker in Richtung US-Kapitalmarkt, wie die jüngsten Beispiele zeigen.
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Einige Deutsche Biotech-Firmen sind der Konkurrenz aus den USA nicht mehr gewachsen. Quelle: Getty Images
DNA-Test in einer Petrischale

Einige Deutsche Biotech-Firmen sind der Konkurrenz aus den USA nicht mehr gewachsen.

(Foto: Getty Images)

Zwei wichtige Ereignisse markierten in der vergangenen Woche eine Art Umbruch in der deutschen Biotech-Landschaft. So verbuchte ausgerechnet Branchenpionier Qiagen einen herben Kurseinbruch, nachdem er seine Umsatzprognosen verfehlt, seine Ambitionen in der DNA-Sequenzierungs-Technologie beerdigt und zugleich den Rücktritt des langjährigen Chefs Peer Schatz verkündet hatte.

Nur zwei Tage später vollzog die aufstrebende Mainzer Biontech SE ihren seit Längerem geplanten Sprung auf den Kapitalmarkt. Anlegern, die sich in der deutschen Biotechbranche engagieren wollen, bietet sich seither die Option, in ein Unternehmen zu investieren, das besonders intensiv auf dem vielversprechenden Feld der Krebsimmuntherapie forscht und dort etliche neuartige sowie möglicherweise revolutionäre Therapiekonzepte vorantreibt.

Zwar gelang das Börsendebüt letztlich nur mit einigen Zugeständnissen bei Emissionsvolumen und Preis. Dennoch startet das Mainzer Unternehmen seine Börsenkarriere mit einer – auch im internationalen Vergleich – stolzen Anfangsbewertung von rund drei Milliarden Euro.

Während der auf Diagnostik und DNA-Analytik fokussierte Branchenprimus Qiagen erheblich Federn lassen musste, kann sich der Krebsforschungsspezialist Biontech damit auf Anhieb unter den Schwergewichten der deutschen Biotech-Szene etablieren.
Das spricht dafür, dass sich auch in der deutschen Biotechbranche die Gewichte stärker in Richtung Medikamentenentwicklung verlagern.

Zugleich bestätigt der Biontech-IPO aber auch die wachsende Bedeutung und Sogwirkung des US-Kapitalmarkts. Denn die Aktien des jungen Mainzer Unternehmens wurden nicht etwa im benachbarten Frankfurt angeboten, sondern nur im fernen New York an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq.

Biontechs Börsengang ist beispielhaft

e Mainzer sind mit dieser Strategie beileibe kein Einzelfall: Was Neuemissionen aus dem Biotechsektor angeht, gilt der deutsche Kapitalmarkt für die heimischen Firmen schon seit Jahren als so gut wie tot. Wer trotzdem an die Börse strebt, muss sich Richtung Euronext oder Nasdaq bewegen, wie es in den letzten Jahren bereits eine Reihe von Firmen vorführte, darunter etwa die Jenaer Inflarx oder die Heidelberger Affimed. Auch die Münchener Morphosys, die schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in Frankfurt notiert ist, nutzte für ihre letzte große Kapitalerhöhung bezeichnenderweise ein zusätzliches Listing an der Nasdaq, und dies mit großem Erfolg.

Der Börsengang von Biontech bestätigt insofern einmal mehr die zwiespältige Situation, in der sich die deutsche Biotechbranche bewegt. Die Firmen sind zwar durchaus in der Lage, amerikanische und internationale Investoren von der Qualität ihrer Forschung und dem Potenzial ihrer Produktentwicklung zu überzeugen. Aber sie sind – mangels heimischer Kapitalmarktbasis – auch immer dringender auf den US-Kapitalmarkt angewiesen.

Der Biontech-Börsengang ist unter diesem Blickwinkel zugleich ein Hoffnungs- als auch ein Warnsignal. Das hat einerseits mit der Risikoaversion deutscher Anleger zu tun, andererseits mit wachsenden Anforderungen im Pharmageschäft. Die Wissenschaft bietet zwar zahlreiche neue Möglichkeiten. Aber es ergibt immer weniger Sinn, solche Konzepte auf kleiner Flamme voranzutreiben.

Vielmehr gilt auch in der Biotechnologie zusehends die Devise „klotzen, nicht kleckern“. Sowohl der Konkurrenzdruck als auch das Tempo in der Forschung nimmt zu. Ähnlich wie im IT-Sektor zeichnet sich zudem ab, dass schnelle und kapitalstarke Pioniere uneinholbare Führungspositionen aufbauen. Der Pharmariese Roche und nun auch Qiagen mussten sich so im Bereich der DNA-Sequenziertechnik dem US-Marktführer Illumina geschlagen geben.

Expansion ist Wegweiser

Biontech wiederum steht im Wettbewerb mit Konkurrenten wie der amerikanischen Firma Moderna, die ebenso wie die Mainzer eine neue Klasse von Immuntherapien auf Basis von RNA-Wirkstoffen etablieren will und dabei über noch deutlich größere Finanzreserven verfügt.

Die aggressive Expansion des Mainzer Krebsforschers ist insofern auch ein Wegweiser für etliche andere deutsche Biotechs. Die Biontech-Mannschaft um Firmengründer Ugur Sahin konzentrierte sich zunächst zwar voll auf die Grundlagenforschung, brachte anschließend jedoch ihre Projekte auf breiter Front in die klinischen Tests und begann zugleich mit dem Aufbau eigener Produktionsstandorte.

Die Anlaufverluste addieren sich inzwischen bereits auf mehr als 300 Millionen Euro und werden vermutlich die Milliardengrenze übersteigen, bevor überhaupt klar ist, ob und wie gut die Medikamente wirken und die Therapiekonzepte des Unternehmens funktionieren. Selbst mit kapitalstarken Financiers wie den Pharmaunternehmern Strüngmann im Rücken ist eine solche Strategie allein kaum zu stemmen. Ohne amerikanisches Risikokapital, so zeigt sich, besteht offenbar gar keine Chance mehr, aus deutscher Forschung heraus noch einmal ein neues Pharmaunternehmen aufzubauen.

Mehr: Das auf personalisierte Immuntherapie spezialisierte Unternehmen Biontech ist in den USA an die Börse gegangen. Das eingesammelte Kapital bleibt aber unter den Erwartungen.

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