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Kommentar Deutschland braucht aktivistische Investoren

Angelsächsische Fonds galten lange als Buhmänner. Zu Unrecht. Das zeigen Beispiele wie Commerzbank und Wirecard. Es ist Zeit für einen Sinneswandel.
08.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Quelle: Kostas Koufogiorgos
Karikatur
(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Erinnern Sie sich noch an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“? Da wird ein Herrscher von Betrügern im Glauben gelassen, er bekomme besonders schöne Kleider auf den Leib geschneidert. Er selbst will es glauben, sein gesamter Hofstaat muss es deshalb auch glauben. Nur ein unbekümmertes Kind spricht am Ende die Wahrheit aus: Der Kaiser trägt gar keine Kleider, er ist nackt! Alle haben sich zum Narren gemacht.

Eine solche Eitelkeit und Leichtgläubigkeit herrschte bislang auch am Finanzplatz Deutschland. Hier sitzen Großbanken, die es auch mehr als zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht geschafft haben, ein überzeugendes Geschäftsmodell zu entwickeln und damit nachhaltig Geld zu verdienen. Die aber so tun, als würden sie aus einer Position der Stärke heraus agieren – und immer wieder betonen, dass sie bei einer europäischen Konsolidierung aktiv mitspielen wollen.

Hier wurde ein kleiner Zahlungsdienstleister ganz groß, weil niemand seine aufgeblasene Bilanz hinterfragte. Weil es einfach zu schön war, um wahr zu sein. Endlich hatte auch Deutschland seine Fintech-Erfolgsgeschichte! Die großen heimischen Fondsgesellschaften, die als Aktionäre bei den eitlen Unternehmen engagiert sind, haben gelegentlich verhalten Kritik geübt, ihnen aber nicht das Vertrauen entzogen.

Vielmehr zeigten die institutionellen Aktionäre ein fast schon masochistisches Durchhaltevermögen. Strukturelle Veränderungen in den Konzernen erzwangen sie nicht. Und der Bund hat sich eine Finanzaufsicht mit lauwarmen Durchgriffsrechten geleistet. Alle hatten es sich gemütlich eingerichtet. Es war ein bisschen zu kuschelig.

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    Dann kamen die aktivistischen Investoren – und sie sprachen das aus, was sich alle anderen nicht trauten, was aber offensichtlich war: Der Kaiser ist nackt!

    Querdenker sind wichtig

    Das machte die angelsächsischen Fonds, die mit klaren Renditeerwartungen an ihre Investitionen gehen, hierzulande schnell zu Buhmännern. Mal wurden sie als Heuschrecken tituliert, mal als Zocker. Jedenfalls wurde ihre Kritik nicht ernst genommen. Das war ein großer Fehler.

    Zugegeben, die Aktivisten treten oft frech und forsch auf. Aber aus heutiger Sicht kann man nur sagen: Es ist gut, dass Querdenker den hiesigen Finanzplatz aufmischen und auf Veränderungen drängen. Sonst würde er irgendwann ganz in der Bedeutungslosigkeit versinken.

    Über die Art und Weise kann man freilich streiten. Sicherlich ist es ehrenhafter, selbst ins Risiko zu gehen, ein Aktienpaket zu kaufen und dann als Großinvestor von innen heraus mitzureden – wie es der US-Investor Cerberus bei der Commerzbank gemacht hat, als er eine Nachschärfung der Strategie und des Sparprogramms forderte. Mit gut fünf Prozent sind die Amerikaner immerhin der zweitgrößte Aktionär bei der Bank nach der Bundesregierung, die nach wie vor eine Exitstrategie sucht.

    Der britische Hedgefonds TCI wählte einen anderen Weg: Er hatte zu viele Zweifel am Geschäftsmodell von Wirecard und an den handelnden Personen. Also kaufte er keine Aktien, sondern wettete stattdessen als Shortseller von der Seitenlinie auf einen Absturz der Papiere – am Ende mit einem atemberaubenden Gewinn. Aber auch er machte aus seinen Kritikpunkten keinen Hehl und ging damit früh an die Öffentlichkeit. 

    In beiden Fällen passierte: nichts. Die Fonds wurden von den Unternehmen nicht gehört. Man ließ sie auflaufen, vertröstete, spielte die Kritik herunter. Das war nicht nur naiv, sondern ist in jedem Falle gefährlich für die Konzerne und ihre Chefs.

    Ende der Gemütlichkeit

    Die Not der Commerzbank ist offensichtlich: Seit dem Einstieg von Cerberus vor drei Jahren hat die Aktie rund 60 Prozent ihres Wertes verloren. Egal, ob es der Wirtschaft gerade gut oder schlecht ging, wie zuletzt in der Coronakrise, die Bank verdiente einfach nicht genug Geld. Immer mehr Anleger zweifelten an der Strategie von Vorstandschef Martin Zielke. Cerberus brachte ihn schließlich zu Fall.

    Auch Wirecard blockte die Kritik von TCI und anderen aktivistischen Fonds ab. Das Unternehmen hatte dabei kurioserweise einen wichtigen Verbündeten: Die Finanzaufsicht Bafin ging nicht etwa den Ungereimtheiten in der Bilanz nach, sondern bremste die Shortseller Anfang 2019 mit einem vorübergehenden Verbot von Leerverkäufen aus. Es war das erste Mal überhaupt, dass in Deutschland sozusagen eine Schutzmauer um ein einziges Unternehmen gezogen wurde, um es vor Spekulanten abzuschirmen.

    Knapp anderthalb Jahre später stürzte das Wirecard-Kartenhaus in sich zusammen, weil sich die Betrugsvorwürfe als wahr herausstellten. Da war so manche deutsche Fondsgesellschaft noch im großen Stil dabei, die Anleger verloren viel Geld.

    Den Akteuren auf dem Finanzplatz Deutschland, die gerade die Scherben zusammenkehren, sollte beides eine Lektion sein. Aktivistische Investoren mögen unbequem und unberechenbar sein, aber sie gehören mit ihrer Kritik ernst genommen. Bei den Unternehmen und bei der Aufsicht. Wenn Frankfurt nach dem Brexit zum neuen Dreh- und Angelpunkt der europäischen Finanzbranche werden möchte, dann ist es Zeit, die Abwehrhaltung aufzugeben und sich auf einen Austausch auch mit schwierigen Spielern einzulassen. Es ist Zeit für ein Ende der Gemütlichkeit.

    Mehr: Die Ruhe vor dem Sturm? Aktivisten halten sich mit Attacken in Europa zurück.

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