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Kommentar Deutschland sollte übergangsweise auch auf blauen Wasserstoff setzen

Die Bundesregierung und EU-Kommission setzen beim Thema Wasserstoff unterschiedliche Akzente. Deutschland sollte hier auf die EU-Kommission zugehen.
21.06.2020 - 15:50 Uhr Kommentieren
Würde man die Wasserstoff-Varianten gleichberechtigt behandeln, könnte man den Aufbau der Infrastruktur schon mit blauem Wasserstoff gestalten und ihn schrittweise durch grünen Wasserstoff ersetzen. Quelle: dpa
Übergangslösung

Würde man die Wasserstoff-Varianten gleichberechtigt behandeln, könnte man den Aufbau der Infrastruktur schon mit blauem Wasserstoff gestalten und ihn schrittweise durch grünen Wasserstoff ersetzen.

(Foto: dpa)

Man kennt das aus jedem Stadtpark: Wenn das Wegenetz, das die Landschaftsarchitekten ersonnen haben, nicht den Wünschen und Bedürfnissen der Jogger und Spaziergänger entspricht, legen sie eigene Wege an. Man kann diese Trampelpfade nur schwer verbieten, man sollte gar nicht erst versuchen, ihre Nutzung zu bestrafen.

So ähnlich könnte es mit der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung ausgehen. Die Strategie skizziert den Königsweg in die Wasserstoffwelt: Grüner Wasserstoff, der mittels Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellt wird, wird als das Mittel der Wahl gepriesen.

Seine Produktion soll mit Milliardenaufwand gefördert werden. Blauer, auf Erdgas basierender Wasserstoff dagegen wird in der Strategie nur am Rande erwähnt: Die Bundesregierung nimmt zur Kenntnis, dass blauer Wasserstoff in Europa eine Rolle spielen wird und ist allenfalls bereit, seine Verwendung zu dulden.

Viele Unternehmen in Deutschland werden aber auf blauen Wasserstoff angewiesen sein und ihn auch einsetzen. Dafür brauchen sie die Gewissheit, von der Politik nicht gebremst zu werden. Dieser Erkenntnis darf sich die Bundesregierung nicht verschließen. Sie darf dem Einsatz von blauem Wasserstoff keineswegs Steine in den Weg legen.

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    Die EU-Kommission tickt ganz anders als die Bundesregierung: In den ersten Skizzen einer Wasserstoffstrategie, die in diesen Tagen durchsickern, wird blauer Wasserstoff als gangbarer Weg anerkannt.

    Die EU-Kommission ist zudem bereit, die mit blauem Wasserstoff zwingend verbundene Technologie der CO2-Abscheidung und -Speicherung (carbon capture and storage, kurz CCS) mit finanzieller Unterstützung voranzutreiben. In Deutschland ist das undenkbar.

    Die Position der Bundesregierung und die Position der EU-Kommission liegen somit an einer entscheidenden Stelle auseinander. Die Bundesregierung steht nun vor der Herausforderung, ihre am 1. Juli beginnende EU-Ratspräsidentschaft zu nutzen, um aus diesen beiden Positionen eine einheitliche Linie zu entwickeln.

    Die Bundesregierung wäre gut beraten, auf die EU-Kommission zuzugehen und ihre eigene Position zu revidieren.

    Blauer Wasserstoff als Übergangslösung

    Deutschlands energie- und klimapolitischen Sonderwege der vergangenen Jahre dienen dabei als abschreckendes Beispiel. Deutschland hat das europäische Leitinstrument der Klima- und Energiepolitik, das Emissionshandelssystem, immer wieder mit zusätzlichen Maßnahmen geschwächt und gleichzeitig enorme Kosten in Kauf genommen, ohne im Klimaschutz wirklich voranzukommen. Das über Jahre viel zu teure Erneuerbare-Energien-Gesetz und der Kohleausstieg sind zwei Beispiele dafür.

    Jetzt also will Deutschland auf dem Weg ins Wasserstoff-Zeitalter allein die grüne Wasserstoff-Variante wählen und die Abkürzung über blauen Wasserstoff links liegen lassen. Das ist nicht nur die teuerste aller denkbaren Möglichkeiten; das Konzept sollte auch die Chemie- und Stahlindustrie hellhörig machen.

    Die Unternehmen sind dringend auf klimafreundlichen Wasserstoff angewiesen, um ihre derzeit noch klimaschädlichen Prozesse umzustellen. Es ist illusorisch, davon auszugehen, dass man den Bedarf in absehbarer Zeit mit grünem Wasserstoff decken könnte.

    Hierzulande fehlt es an den entsprechenden Ausbaupotenzialen für erneuerbare Energien. Deshalb soll die Rettung aus dem Ausland kommen. Doch die von der Bundesregierung propagierten Wasserstoff-Partnerschaften sind nicht mehr als ein frommer Wunsch.

    Damit keine Missverständnisse entstehen: Blauer Wasserstoff ist nur eine Übergangslösung. Er wird auf Erdgasbasis mittels Dampfreformation hergestellt, das dabei frei werdende CO2 wird abgeschieden und unterirdisch gespeichert.

    Wenn er von seinen Befürwortern als CO2-neutral bezeichnet wird, dann ist das reichlich euphemistisch. Denn in der gesamten Prozesskette – von der Erdgasförderung bis zur CO2-Speicherung – wird sehr wohl CO2 frei. Und die CCS-Technologie ist umstritten.

    Dennoch weist blauer Wasserstoff den Weg nach vorn. Er könnte schon in wenigen Jahren in Größenordnungen produziert werden, die erst den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur aus Leitungen und Speichern rechtfertigten.

    Deutscher Sonderweg

    Grüner Wasserstoff wird – so traurig das ist – auch  gegen Ende des Jahrzehnts erst in homöopathischen Dosen zur Verfügung stehen, für die sich der Aufbau einer flächendeckenden Infrastruktur keinesfalls lohnen würde.

    Würde man beide Wasserstoff-Varianten gleichberechtigt behandeln, könnte man den Aufbau der Infrastruktur mit blauem Wasserstoff gestalten, der dann schrittweise durch grünen Wasserstoff ersetzt würde.

    In anderen Ländern – allen voran in Norwegen und den Niederlanden – teilt man die in Deutschland weitverbreiteten Vorbehalte gegenüber blauem Wasserstoff nicht. Norwegen steht kurz davor, das Thema in großem Maßstab auszurollen und auch deutsche Stahl- und Chemieunternehmen mit blauem Wasserstoff zu versorgen.

    Die Norweger können im Übrigen darauf verweisen, dass sie seit über zwei Jahrzehnten die CCS-Technologie in großem Maßstab praktizieren. Sie haben dafür seit Langem den Segen norwegischer Klimaschützer und können eine weitgehend störungsfreie Anwendung der Technik belegen.

    Die Bundesregierung muss unbedingt der Versuchung widerstehen, den Einsatz von blauem Wasserstoff zu diskriminieren. Das kann leicht geschehen. Etwa dann, wenn es um die Details der Regulierung geht. Soll die Beimischung von blauem Wasserstoff ins Gasnetz überhaupt akzeptiert werden?

    Sollen synthetische Kraftstoffe, die auf der Basis von blauem Wasserstoff hergestellt werden, bei der von der Bundesregierung angestrebten Quotenregelung für Kerosin angerechnet werden? Die Reihe ließe sich fortsetzen. Deutsche Sonderwege würden hier zur Hypothek für Europas Aufbruch in die Wasserstoffwirtschaft.

    Mehr: Heilsbringer oder Illusion? Das Potenzial von Wasserstoff im Faktencheck

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