Kommentar Deutschlands fehlender Enthusiasmus verhindert den Start-up-Boom

Wenn es mit dem deutschen Start-up-Wunder etwas werden soll, muss nicht nur an Bürokratie und Finanzierung gedreht werden – sondern auch an der Mentalität.
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Viele entscheiden sich lieber für den gut dotierten Job beim Industriekonzern als für den schlechter bezahlten Start-up-Job. Quelle: Imago/Westend61
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Viele entscheiden sich lieber für den gut dotierten Job beim Industriekonzern als für den schlechter bezahlten Start-up-Job.

(Foto: Imago/Westend61)

In Deutschland tut sich was: Vom börsennotierten Großkonzern bis hin zum Mittelständler brüsten sich Unternehmen gerne mit ihrem Engagement in der heimischen Start-up-Landschaft und mit ihrem jeweiligen Beitrag. Altgediente Industriekapitäne und Unternehmerpersönlichkeiten strömen in die Aufsichtsräte und Beratergremien von jungen Digitalfirmen.

Und das Geld für den unternehmerischen Nachwuchs sitzt auch immer lockerer: Am Dienstag stellte die Unternehmensberatung EY fest, dass deutsche Start-ups im ersten Halbjahr 2018 insgesamt 2,4 Milliarden Euro von Investoren einsammeln konnten.

Das Transaktionsvolumen reiner Risikokapitalinvestitionen – ohne Berücksichtigung von Börsengängen – stieg im ersten Halbjahr um 3,5 Prozent. Erleben wir also eine neue deutsche Gründerzeit? Von wegen!

Zuletzt bemängelte etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK), dass die Anzahl der Neugründungen zurückgegangen sei. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zu viel Bürokratie, zu unübersichtliche Förderungsmöglichkeiten.

Aber ebenso auch die Mentalität, die gegen das Gründen spricht – sie sollte keinesfalls unterschätzt werden. Denn der Deutschen Risikoaversion zeigt sich nicht nur beim Geldanlegen, sondern auch bei der Sicht auf Unternehmertum – und das hat Folgen.

Den Deutschen fehlt es an Enthusiasmus: Man gibt sich hierzulande gerne skeptisch. Ein Hype als solcher erscheint stets etwas befremdlich. Ganz anders in den USA: Wenn es der Gründer nur schafft, sein Geschäftsmodell in Richtung von Schlagwörtern wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder digitale Revolution zu schieben, ist ihm Aufmerksamkeit gewiss.

Egal, ob sich das Geschäftsmodell am Ende als Luftnummer entpuppt – es könnte einem da ja der nächste Elon Musk begegnen, lautet die Annahme. Gesunde Skepsis ist generell nichts Schlechtes. Aber in Deutschland hat man sie zur Kunst erhoben.

Startup-Abzocke – wer ist Gründer und wer Betrüger?

Viele Gründer stöhnen, dass sie das nicht nur vonseiten der Behörden und Banken erleben, sondern auch im Bekannten- und Freundeskreis. Es muss ja nicht gleich Enthusiasmus sein, aber ein wenig mehr Achtung und Respekt für das Risiko zu gründen wären nötig.

Rocket Internet ist so ein Beispiel: Oliver Samwers Start-up-Fabrik hat beachtliche Erfolge vorzuweisen – nach Zalando, Delivery Hero und Hello Fresh brachte das im MDax gelistete Unternehmen zuletzt erfolgreich den Onlinemöbelhändler Home24 an die Börse.

Wirklich gelohnt hat sich das nicht – zumindest nicht in der Außenwirkung: Die Aktie ist von einstigen Werten über fünfzig Euro weit entfernt. Experten sehen den Grund darin, dass keine neuen Investitionsideen nachkommen.

Manch einer sieht das Tief aber auch der Risikoaversion geschuldet: Denn während andere Autos bauen, will der Samwer-Konzern ja mit Start-ups das große Geld verdienen – und da herrscht bekanntlich Skepsis.

Das zeigt sich leider auch beim Nachwuchs: Viele entscheiden sich lieber für den gut dotierten Job beim Industriekonzern, als sich in einem schlechter bezahlten Start-up-Job die Nächte um die Ohren zu schlagen – und dann noch ständig das Risiko der Berufsentscheidung vor Augen geführt zu bekommen.

Immer sitzt die Möglichkeit des Scheiterns im Nacken. Dabei ist genau das noch so eine deutsche Untugend: Das Versagen als Unternehmer haftet einem fast ebenso klebrig an wie das Vergehen der Steuerhinterziehung.

Selbst die sogenannten „Fuck-up-Nights“, in denen Gründer über ihr Scheitern sprechen, verkommen in Deutschland oft zum Schaulaufen von Gründeregos, weil dann doch niemand so recht über das eigene Versagen sprechen mag.

Wie es anders gehen kann, zeigt Israel: In dem Land, das die höchste Gründeraktivität pro Kopf aufweist, ist Scheitern fast wie eine Medaille für Kriegsverletzungen, die man stolz vor sich herträgt. Niederlage ja, aber eben eine, aus der wertvolles Wissen darüber entsprungen ist, wie es nächstes Mal besser laufen sollte.

Oft entstünden die besten Ideen, wenn eigentlich alles ziemlich am Ende sei, heißt es dort immer wieder. Nicht selten gibt es sogar Menschen zwischen Tel Aviv und Jerusalem, die ernsthaft bekennen, dass sie als Gründer nichts taugen und sich deshalb wieder für einen „normalen“ Job entschieden hätten.

Ein Rückzug, für den sich keiner schämt. Um dem Scheitern den Makel und den Deutschen ihre Skepsis zu nehmen, braucht es verschiedene Ansätze: zum Beispiel Vorbilder, die in aller Öffentlichkeit über das eigene Versagen und ihren Weg als Gründer sprechen.

Noch einmal Israel: In dem kleinen Land mit acht Millionen Einwohnern kennt irgendwer immer irgendwen, der ein Start-up gegründet hat. Diese Nähe schafft nicht nur Vorbilder, sondern auch Realitätsbewusstsein für die Risiken und Nebenwirkungen dieser Entscheidung.

Auch Unis müssen Programme fördern, in denen Studenten aller Fachrichtungen Hilfe und Rat zur Gründung erhalten. Und es braucht eine Schulbildung, in der Unternehmertum gelehrt und disruptives Denken gefördert wird. Denn wenn sich im Kopf nichts ändert, hilft auch alles Geld nichts.

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