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Kommentar Die alternde Bevölkerung ist für Deutschland Herausforderung, nicht Bedrohung

Deutschland kann durchaus erfolgreich altern. Der demografische Wandel ist kein Untergangsszenario. Es braucht nur die richtigen Strategien.
26.01.2020 - 15:22 Uhr 1 Kommentar
Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute. Ab dem Jahr 2000 war Rürup Mitglied und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrates.
Der Autor

Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute. Ab dem Jahr 2000 war Rürup Mitglied und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrates.

Entgegen früheren Prognosen schrumpft die Bevölkerung in Deutschland nicht, sie wächst. Mit 83,2 Millionen Menschen lebten im vergangenen Jahr so viele Menschen in Deutschland wie noch nie. Zur Erinnerung: Vor zehn Jahren wurde bis 2019 ein Rückgang der Wohnbevölkerung auf gut 80 Millionen erwartet. Grund für den Zuwachs war die kräftige Nettozuwanderung. Ohne Zuwanderer wäre die Bevölkerung seit 1972 geschrumpft; seitdem starben jedes Jahr mehr Menschen in Deutschland, als geboren wurden. Letztlich dürfte ein erheblicher Teil des Wirtschaftswachstums des zurückliegenden Jahrzehnts auf dieser Bevölkerungszunahme basieren.

Anders als meist angenommen ist Bevölkerungswachstum gesamtwirtschaftlich nicht per se gut, genauso wenig wie eine schrumpfende Bevölkerung zwingend von Nachteil sein muss. Entscheidend für die wirtschaftlichen Perspektiven eines Landes ist das Verhältnis von jungen und alten Menschen. Und deshalb ist die Wachstumsperspektive für Deutschland alles andere als rosig.

In den nächsten 30 Jahren wird die Wohnbevölkerung nach heutigen Prognosen nur um moderate drei bis vier Prozent zurückgehen. Gleichzeitig sinkt aber die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter um fast 14 Prozent. Der künftige Wohlstand muss also von immer weniger Menschen erwirtschaftet werden. Unmissverständlich analysiert daher das Bundesfinanzministerium: „Umverteilungsspielräume werden vor diesem Hintergrund begrenzt sein. Ohne frühzeitiges Gegensteuern wächst die Gefahr, dass der demografische Prozess zu steigenden öffentlichen Finanzierungsdefiziten sowie einer nicht tragfähigen Schuldenentwicklung führt und damit den Handlungsspielraum des Staates einschränkt.“

Das Trendwachstum der Volkswirtschaft dürfte langfristig auf unter ein Prozent sinken. Den guten 2010er-Jahren werden gesamtwirtschaftlich zunehmend triste Dekaden folgen. Erst wenn in etwa einem Vierteljahrhundert die geburtenstarken Jahrgänge verstorben sein werden, wird sich die Bevölkerungsstruktur langsam stabilisieren.

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    Aufgabe einer vorausschauenden Politik sollte es sein, eine kluge Strategie für diesen unausweichlichen Alterungsschub zu entwerfen. Denn die Zeiten voller Sozialkassen werden bald zu Ende sein. Der naheliegende Weg wäre daher, das Renteneintrittsalter schrittweise zu erhöhen, um so das Verhältnis von Rentenbezugsdauer und Lebensarbeitszeit konstant zu halten. Doch angesichts eines steigenden Medianalters der Wähler wäre eine solche Forderung in unserer Demokratie politischer Selbstmord.

    Eine realisierbare Option wäre hingegen, alles dafür zu tun, die Erwerbsbeteiligung weiter zu erhöhen, und alles zu unterlassen, was diese senkt. Ein großes Potenzial liegt bei Menschen, die freiwillig mehr arbeiten wollen. 2018 wünschten sich 2,2 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 15 und 74 Jahren eine längere Arbeitszeit.

    Im Schnitt arbeiteten diese nach eigenem Verständnis unterbeschäftigten Teilzeitkräfte 19,8 Stunden pro Woche und wollten gerne 13,6 Stunden länger arbeiten. Sehr viele Teilzeitbeschäftigte sind Frauen. Defizite bei der institutionellen Kinderbetreuung dürften der wichtigste Grund dafür sein, nicht Vollzeit zu arbeiten. Zwar wurden hier schon große Verbesserungen erreicht; gleichwohl sind die meisten Einrichtungen nicht darauf ausgerichtet, Kinder aller Altersklassen zehn oder mehr Stunden am Tag zu betreuen.

    Ein weiteres Hemmnis für verheiratete Frauen, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufzunehmen, ist das Ehegattensplitting. Diese Steuerregel entlastet zwar die meisten Ehepaare im Vergleich zur Einzelveranlagung, hat aber eine Nebenwirkung: Das Einkommen des Zweitverdieners, zumeist der Ehefrau, wird sehr stark belastet – und hohe Grenzbelastungen von oft über 50 Prozent senken den wirtschaftlichen Anreiz, reguläre Einkommen zu erzielen.

    Ähnlich wirkt die kostenlose Mitversicherung von nicht berufstätigen Ehepartnern in den gesetzlichen Krankenkassen. Das „Nichtarbeiten“ wird so faktisch honoriert. Ein Pauschalbeitrag mit einem steuerfinanzierten Sozialausgleich wie in der Schweiz würde hingegen die Grenzbelastung senken und damit den Arbeitsanreiz erhöhen.

    Hinzu kommt, dass die deutsche Wirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit verlieren wird, denn die Lohnzusatzkosten werden bald anziehen. Die von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) blauäugig geforderte „Bremse für Sozialabgaben“ wird nie den Weg in das Bundesgesetzblatt finden.

    Die deutsche Politik hat die vergangenen zehn wirtschaftlich guten Jahre wachstums- und technologiepolitisch vertan. Gut möglich, dass man sich in einigen Jahren nach einer ähnlich zupackenden Politik zurücksehnen wird, wie sie von der ersten GroKo unter Kurt Georg Kiesinger und dem zweiten rot-grünen Kabinett unter Gerhard Schröder an den Tag gelegt wurde. Große Reformen lassen sich eben meist nur in wirtschaftlich schwierigen Jahren durchsetzen.

    Mehr: Ein starres Renteneintrittsalter ist nicht mehr zeitgemäß – vielmehr sollte es flexibel in den Ruhestand gehen. Dafür muss das Rentensystem überholt werden.

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Die alternde Bevölkerung ist für Deutschland Herausforderung, nicht Bedrohung"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Die Analyse ist in meinen Augen zutreffend.
      Dennoch: kein Kanzler hat so wenig geleistet wie Frau Merkel, wird aber gleichzeitig so wenig für die Leistungen ihrer Bundesregierung verantwortlich gemacht.
      Wenn Argumente wirklich etwas verändern sollen, ist es notwendig, dies transparent zu machen.

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