Kommentar Die Amerikanisierung der Medienbranche ist höchst gefährlich

Nur wenige Konzerne, meist aus den USA, bestimmen die Medienlandschaft. Diese Konzentration setzt Europa unter Druck – und erschwert die Inhaltskontrolle.
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Die Medienfreiheit liegt bei immer weniger Akteuren mit immer größerem Einfluss. Quelle: dpa
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Die Medienfreiheit liegt bei immer weniger Akteuren mit immer größerem Einfluss.

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Zu den oft zitierten Bonmots gehört ein Spruch von Paul Sethe. Danach sei die hiesige Pressefreiheit „die Freiheit von 200 reichen Deutschen, ihre Meinung zu verbreiten“, schrieb der Gründungsherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“ vor 53 Jahren und meinte die Verleger. Das war lange vor Globalisierung und Digitalisierung. Heute müsste es korrekterweise heißen, dass sich Medienfreiheit weltweit auf immer weniger Akteure gründet, die einen immer größeren Einfluss auch auf unsere Kultur bekommen.

Es geht heute um die Freiheit von nicht 200, sondern vielleicht 20 reichen „Welteroberern“, ihre Meinungen und Geschäftsmodelle zu verbreiten. Eine historisch einmalige Konzentration. Sie geht von den USA aus, dem Modellland des digitalen Medienkapitalismus.

Hier beherrschen, nach etlichen Fusionen und Übernahmen, inzwischen lediglich vier Konglomerate das traditionelle Film- und Fernsehgeschäft, also TV-Programme und Hollywood-Studios: der Telekommunikationskonzern AT&T mit Warner Media, die Spaßmaschine Disney mit 21st Century Fox (Rupert Murdoch), der Kabelnetzbetreiber Comcast mit NBC/Universal sowie das Unternehmen Viacom mit CBS.

Hinzu kommen die großen Tech-Konzerne, die von vermarktbaren Daten ihrer Nutzer leben – an die sie mit eigenen Medieninhalten leichter kommen. 

Das ist der Grund, warum der Logistikriese Amazon in der Tochter „Prime“ Filme und Shows unter die Leute bringt, warum Google die Videoplattform Youtube ausbaut oder warum Apple eine Milliarde Dollar in Filmproduktionen steckt – alle aufgeputscht vom weltweiten Erfolg des Streamingdienstes Netflix, der in seinem umfangreichen Angebot auch Talkshows führt, zum Beispiel mit TV-Legende David Letterman.

Im Mediengeschäft ist das politische Diktum „America first“ längst ökonomische Realität. Die börsennotierten Global Player aus Übersee haben ein Übermaß an Cash, das zur Verwertung drängt. Allenfalls chinesische Unternehmen wie Tencent oder Alibaba haben die Voraussetzung, hier mittelfristig mithalten zu können. Europäer füllen längst nur Nebenrollen aus.

Diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen. Als Nächstes wird beispielsweise der Pay-TV-Betrieb Sky Plc in London amerikanisch, entweder als Teil des Giganten Disney oder des Giganten Comcast; beide liefern sich ein heftiges Wettbieten. Milliarden spielen da keine Rolle.

Die deutsche Sky-Tochter in München (früher Premiere) wird unter diesen Bedingungen zum bloßen Erfüllungsgehilfen auf Basis geradezu wahnwitziger Geschäftspläne. Die Mehrheit der Deutschen soll möglichst rasch zu munter zahlenden Fernsehkonsumenten werden.

Für den Standort Deutschland ist die fortschreitende Amerikanisierung des Mediengeschäfts mit einigen Risiken verbunden. Regulierung und Inhaltskontrolle, eine originäre Aufgabe der Landesmedienanstalten, ist angesichts der Macht einiger Konzernzentralen in den USA eine Schimäre. Ebenso wenig ist die dramatische Datenakkumulation, die mit dem Medien-Siegeszug von Google, Netflix und Co. verbunden ist, durch Datenschutzbeauftragte in Hamburg oder Hannover zu kontrollieren.

Die Chancen auf Informationsfreiheit steigen nicht gerade, wenn sie von einigen amerikanischen Datenkraken abhängt und sich irgendwann als Alternative womöglich chinesische Anbieter aus einem staatskapitalistischen Land aufdrängen, wo im Zweifel die Partei immer recht hat. Liberale Demokratie verträgt sich nicht mit Machtexzess. Egal, ob es sich um hippe Datenmanipulateure aus dem „Valley“ oder um ein kommunistisches Zwangssystem handelt.

Dem jüngeren Publikum ist das noch egal. Für sie bieten die neuen Tech-Medien-Riesen wie selbstverständlich das alltägliche Referenzsystem. Weder mit RTL/Pro Sieben noch mit ARD/ZDF kann diese Klientel besonders viel anfangen. Dabei können die Folgen hoher Wirtschaftskonzentration fatal sein. In der deutschen Öffentlichkeit aber ist eine Debatte über die neuen Medienmächte, die da entstanden sind, noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar.

Ideal wäre es sicherlich, die Trennung von Netzen und Medien, die in den USA bis vor neun Monaten juristisch galt, wieder generell einzuführen. Erst diese Liberalisierung hat die letzte Konzentrationswelle ermöglicht und zum Kauf von Time-Warner durch AT&T geführt. Das ist aber Wunschdenken.

Vermutlich werden vielmehr auch hierzulande bald neue Deals diskutiert werden. Zum Beispiel rund um den Dax-Absteiger Pro Sieben Sat 1 mit seinen vielen Sendern oder um die Telefongesellschaft Vodafone mit ihren vielen Kabel-TV-Kunden.

Wenn das neue Gebot ist, alles aus einer Hand anbieten zu können, erscheinen beide Konzerne trotz vorhandener Größe unvollständig. Es könnte also rasch die Frage auftauchen, ob nicht auch hier Netze und Medieninhalte eine Allianz eingehen müssen. Das Karussell der Übernahmen dreht sich weiter. Derzeit gibt es niemanden, der es stoppen kann.

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  • sehen wir uns doch mal die Gesamtlage in Deutschland etwas genauer an:


    Die Frage lautet doch eigentlich warum es so kam ... und die Frage kann ganz einfach beantwortet werden weil Deutschland und auch die EU sich haben abhängen lassen.
    Nicht erst seit dieser unsäglichen Neulanddebatte wissen wir das die Poltik hierzulande weder versteht noch überhaupt in den letzten 15 Jahren verstanden hat um was es da eigentlich geht und mit der vorhandenen Regulierungswut hat man lediglich den anderen das Feld überlassen.

    Dieses Unvermögen aus der Poltik und auch aus den Unternehmen heraus führte doch ganz genau zu dieser Situation.

    Über 10 Jahre nach Paypal mit einem Zahlungsdienstleister ums Eck zu kommen - als der Markt schon aufgeteilt war halte ich für einen der größten Witze der letzten 100 Jahre Geschäftstätigkeit in Deutschland ... die Liste an verschlafenen Themen lässt sich über

    den fehlenden Glasfaserausbau (man verkauft ja diese Nischentechnik Vectoring als den großen Sprung nach vorn) möchte ich hier noch gar nicht mehr groß anschneiden.
    Man hat sich abhängen lassen ist einer überbordenden Regulierungswut nicht Herr geworden Infrastruktur und nicht
    zu vergessen hat man viele dieser Innovationsbringer einfach mal aus dem Land getrieben durch eine auch verfehlte Finanzierungspolitik ... das scheint das einzige dieser von mir angesprochenen Themen zu sein was man mittlerweile mal halbherzig angegangen ist.
    Alles in allem braucht sich hier niemand beschweren, wenn man es den Gründern nur schwer genug macht das es im Ausland dann plötzlich Platzhirsche gibt die den Themenschwerpunkt übernehmen und nach den dortigen Regularien umsetzen.
    Mein Fazit der letzten desaströsen Jahre lautet nichts anders als:
    Wenn man nunmal den #digitalenrückstand propagiert bekommt man ihn nun mal da hilft auch kein Heulen und Zähneklappern Artikel wie der Ihre. Sinniger wäre es mal gewesen die Gründe dafür aufzuzeigen statt ein solches Geheule abzuliefern .....

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