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Kommentar Die Coronakrise birgt gefährliches Spaltungspotenzial für die Gesellschaft

Die Geschichte zeigt, dass Epidemien die Suche nach Sündenböcken befördern. Und so droht auch Covid-19, die Gesellschaft auseinanderzutreiben. 
15.05.2020 - 03:58 Uhr Kommentieren
Das Virus polarisiert die Gesellschaft. Epidemien hatten in der Geschichte immer ein gefährliches Spaltungspotenzial. Quelle: dpa
Teilnehmer einer Corona-Demonstration in Berlin

Das Virus polarisiert die Gesellschaft. Epidemien hatten in der Geschichte immer ein gefährliches Spaltungspotenzial.

(Foto: dpa)

Infektionskrankheiten bergen Gefahren, die über die Gesundheit hinausgehen. Viren und Bakterien haben immer auch Unfrieden gestiftet. Seuchen prägen das Bild der Menschen von sich selbst und anderen.

Polarisierung, Argwohn, Schuldzuweisungen und sogar Hass sind soziale Symptome der Erreger, die sich in Deutschland auch während der Corona-Pandemie zunehmend diagnostizieren lassen. Diese gesellschaftlichen Krankheitsmerkmale müssen genauso entschlossen bekämpft werden wie das Virus selbst.

In den ersten Wochen erfuhr die Corona-Politik von Bund und Ländern großen Rückhalt in der Bevölkerung, zumindest lassen die Meinungsumfragen darauf schließen. Eine Welle der Solidarität erfasste die Republik, um durch das Virus gefährdete Mitbürger zu schützen und Beschäftigte an der Krisenfront zu unterstützen, die im Krankenhaus oder an der Kasse im Supermarkt ihren Dienst taten. Die Losung lautete „Wir bleiben zu Hause“, vom Balkon gab es Applaus für die Helfer.

Der Eindruck des Zusammenhalts für ein gutes Ziel täuschte darüber hinweg, dass zumindest ein Teil der Gesellschaft mit den Corona-Maßnahmen haderte. Längst nicht alle sind jenen Unzufriedenen, Verschwörungsgläubigen und Populisten zuzurechnen, die mit kruden Thesen und anrüchiger Agenda auf die Straße gehen.

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    Doch genau diese Ränder melden sich nun umso lauter zu Wort. Ihre Lockrufe richten sich auch an Menschen, die das Regierungshandeln in der Pandemie mit Unbehagen verfolgen, aber nicht außerhalb des vernünftigen und demokratischen Spektrums stehen. Die Dynamik des Unmuts zu unterschätzen wäre ebenso gefährlich, wie die Infektionskurve zu ignorieren. Das hat die politische Entwicklung in Deutschland während der Flüchtlingskrise gezeigt.

    Sündenböcke und Verschwörungstheorien

    Epidemien geben ein Gefühl der Machtlosigkeit, sie sind gewissermaßen eine Beleidigung für das Ego. Ein nur unter dem Mikroskop erkennbares Virus stellt alles infrage: den Alltag, die Wirtschaft, die Gesundheit, das Leben. Was erlaubt sich die Natur?

    In der Vergangenheit reagierten Menschen auf gefährliche Infektionskrankheiten immer wieder mit der Suche nach Sündenböcken. Während der Pest im Mittelalter setzte sich das Gerücht fest, Juden seien Brunnenvergifter und Seuchenträger.

    Als in Preußen im 19. Jahrhundert die Cholera ausbrach, wurden dafür wahlweise die angeblich unreinen Franzosen oder Slawen verantwortlich gemacht. Als sich vor vier Jahrzehnten das Aids-Virus verbreitete, war von einer „Homosexuellen-Seuche“ die Rede.

    Auch in der Corona-Pandemie scheint es einen Bedarf an Sündenböcken zu geben. Dabei geht es keineswegs nur um irre Behauptungen wie die Verschwörungstheorie, Bill Gates habe das Virus erfunden, um über einen Impfstoff die Weltherrschaft zu übernehmen. Pauschale Schuldzuweisungen gehen an Chinesen, die endlich aufhören müssten, exotische Wildtiere zu essen.

    Ein Feindbild mit weltpolitischer Dimension, spricht US-Präsident Donald Trump im Zusammenhang mit Corona doch gern vom „China-Virus“. Ein beliebtes Ziel, gerade in Deutschland, sind auch Virologen. Der Coronavirus-Experte Christian Drosten erhält nach eigenen Angaben sogar Morddrohungen.

    Zugleich befördern besonders eifrige Verfechter der Corona-Maßnahmen die Spaltung. Einige Bürger entwickelten in den Wochen des Shutdowns einen bedenklichen Hang zum Denunziantentum und meldeten wahrgenommene Verstöße gegen die Regeln bei der nächsten Polizeidienststelle.

    Schwachsinn entgegentreten, Bedenken ernst nehmen

    Besonders gut funktioniert das Anschwärzen aber im Netz, wo akribisch das Fehlverhalten von #Covidioten dokumentiert wird. Auf Twitter finden manche Nutzer Gefallen daran, sich vulgärvirologisch zum Richter über Mitmenschen aufzuschwingen. Sündenbock ist, wer eine abweichende Meinung vertritt oder wem normwidriges Verhalten angelastet werden kann. Die Sünde: Beihilfe zur Corona-Apokalypse.

    Der Ausbruch des Coronavirus ist keinesfalls überstanden. Der Einbruch der Wirtschaft könnte in den kommenden Monaten Spaltungstendenzen noch verschärfen. Ob die Polarisierung eingedämmt wird, hängt – wie der Pandemieverlauf – davon ab, wie sich die vernünftige Mehrheit der Gesellschaft verhält. Wer Zweifel an der Corona-Politik hegt, sollte anerkennen, dass Entscheidungen unter großer Unsicherheit gefällt werden und das Virus eine beispiellose Herausforderung ist.

    Ebenso gilt: Klare Kante gegen Schwachsinn und Populismus, aber seriöse Bedenken von Bürgern sind ernst zu nehmen. Verfassungsrechtliche Einwände, Sorgen über gesellschaftliche und auch gesundheitliche Kollateralschäden oder ein kritischer Blick auf die Datengrundlage des Robert Koch-Instituts dürfen nicht als Aluhut-Argumente abgetan werden.

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat Ende April im Bundestag gesagt: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Wir sollten schon jetzt dafür sorgen, dass uns das nicht zu schwer fallen wird.

    Mehr: Politik und BKA warnen vor Radikalisierung der Corona-Proteste.

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