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Kommentar Die Coronakrise bringt den unerbittlichen Systemvergleich

Jeder Bürger vergleicht in der Coronakrise, wie gut sein Land ihn schützt. Doch die Europäische Union muss insgesamt und gemeinsam widerstandsfähiger werden.
16.04.2020 - 14:16 Uhr Kommentieren
Covid-19 ist auch ein Probelauf für andere Krisen. Quelle: dpa
EU

Covid-19 ist auch ein Probelauf für andere Krisen.

(Foto: dpa)

Die Covid-19-Krise trifft alle Länder der Welt. Doch die Bilder, die sich unserem Gedächtnis einbrennen, sind grundverschieden: in China das Porträt des Arztes Li Wenliang, der vor dem Virus warnte und von der eigenen Regierung mundtot gemacht wurde.

In Südkorea massenhafte Tests, die das Land vor Schlimmem bewahrt haben und jetzt Parlamentswahlen ermöglichen. In den USA die groben Holzsärge, die auf Hart Island in Massengräbern verscharrt werden. In Frankreich die Bilder von Krankenpflegerinnen, die sich in Müllsäcke hüllen, weil sie keine Schutzkleidung haben.

Die Gesundheits- und Wirtschaftskrise verursacht nicht nur Leid, sie liefert auch einen unerbittlichen Systemvergleich. Den stellen nicht nur Ökonomen oder Mediziner an, sondern jeder Bürger. „Die Menschen vergleichen so intensiv wie nie zuvor, was im eigenen Land geschieht und was andere machen“, stellt der französische Demoskop Brice Teinturier fest.

Während der Euro-Krise ging es um nationale Risikoaufschläge. Heute zählen ganz andere Werte: Wie hart ist der Lockdown, wie viele Intensivbetten und Coronatests kann ein Land mobilisieren? Wie viele Tote sind zu beklagen? Das alles bündelt sich in der Frage: „Schützt mein Land mich?“

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    Die Antwort ist in vielen Fällen so überraschend wie bitter. China hat durch die Annahme widerlegt, autoritäre Systeme seien effektiver. Zugleich hat es auch durch staatliche Lügen sein internationales Ansehen verspielt. Die USA wirken fahrig, kopflos und unsolidarisch in einem Ausmaß, das die EU wie einen Hort guter Kooperation erscheinen lässt.

    In Europa schwanken die Zahlen noch zu sehr, als dass man schon sicher sagen könnte, welches Land am besten mit der Krise fertig wird. Doch schon heute sieht man die hohen Opferzahlen in Italien, Spanien und Frankreich.

    Für viele Franzosen, weit über die harte Linke hinaus, waren die deutschen Nachbarn in den vergangenen Jahren zu einer Hölle des Prekariats geworden, ein Land, in dem die Ungleichheit triumphiere.

    Jeder Bürger wird eine Abrechnung verlangen

    Heute liest man lange Analysen, die das deutsche Gesundheitssystem als vorbildlich darstellen. Auf der Straße fragen Polizisten: „Woran liegt es, dass es in Deutschland weniger Tote gibt?“

    Es wäre obszön – und verfrüht –, sich deshalb in die Brust zu werfen. Aber die Frage wird bleiben. Wenn das Gröbste der Pandemie hinter uns liegt, wird jeder Bürger eine Abrechnung verlangen: Weshalb kamen Südkorea und Taiwan so gut durch, reichere Länder wie Italien oder auch Frankreich aber nicht? Viel liegt am Gesundheitswesen.

    In Deutschland wurden Ratschläge der Bertelsmann Stiftung zum Glück nicht umgesetzt, die vor neun Monaten auf „eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1400 auf deutlich unter 600“ drängte. In Frankreich dagegen hängt das Gesundheitssystem laut Adenauer-Stiftung „seit Jahren am Tropf“.

    Eine starke Industrie, die einspringt, wenn Lieferungen von Beatmungsgeräten oder Tests aus dem Ausland ausbleiben, ist ein weiterer Faktor der Resilienz. Die Fähigkeit der Politik, schnell und effektiv hoheitliche Aufgaben wahrzunehmen, aber auch in Kooperation mit Privaten für die Versorgung mit ausgefallenen Gütern zu sorgen, ist ebenfalls notwendig.

    Doch die Kriterien gehen weiter, betreffen auch weiche Faktoren. Wartet in einer Gesellschaft jeder auf Befehle von oben, oder gibt es die Fähigkeit zur Selbstorganisation, wenn die Spitze sich als unfähig erweist? Wie stark ist der soziale Konsens? Denn davon hängt ab, ob Unternehmen schnell umsteuern können.

    Es geht bis zu sozialen Fragen. In Deutschland wurden anfangs wenige ältere Menschen angesteckt, was auch damit zu tun hat, dass deutsche Jugendliche Nestflüchter sind, während ihre Altersgenossen in Spanien oder Frankreich oft der Not teurer Mieten gehorchend noch bei ihren Eltern oder sogar Großeltern leben – und diese anstecken.

    Erstaunlich ist, dass die vermeintlichen Könige heute nackt sind. Nicht nur China hat sich blamiert, auch die USA. Die Tech-Weltmacht ist nicht resilienter als andere Länder. Im Gegenteil. Die US-Internetgiganten sind nützlich, haben die Lage aber nicht entscheidend verbessert.

    Covid-19 ist ein Probelauf für andere Krisen, etwa infolge der Klimakatastrophe. Die Fähigkeit, denen zu widerstehen, ist eine Herausforderung für alle Staaten.

    Wir werden keine Riesenlager von Masken vorhalten, sondern unsere Wirtschaft so umbauen müssen, dass essenzielle Güter hier gefertigt werden können und man die Fertigung blitzschnell umsteuern kann.

    In Europa geht Resilienz nur gemeinsam: Nicht jedes Land kann autark sein. Die europäische Solidarität stellt das vor neue Fragen. Finanzielle Hilfe, um die Folgen der Krise gemeinsam zu überwinden, ist wichtig.

    Künftig wird aber jedes Land zeigen müssen, was es beiträgt, damit die EU insgesamt standhält. Fiskalregeln reichen nicht mehr. Die EU braucht einen Pakt für Resilienz, dem sich kein Mitglied entziehen kann.

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