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Kommentar Die deutschen Autohersteller brauchen keine eigenen E-Scooter

Daimler, BMW und VW müssen beim Hype um die E-Scooter nicht mitmischen. Sie sollten sich als Anbieter neuer Verkehrskonzepte positionieren.
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Die Marke der deutschen Autohersteller wartet in Deutschland weiter auf eine Zulassung. Quelle: dpa
E-Scooter von Hive

Die Marke der deutschen Autohersteller wartet in Deutschland weiter auf eine Zulassung.

(Foto: dpa)

Egal, ob in Berlin, Hamburg, oder München: Elektrische Tretroller erobern die deutschen Metropolen. Scharen an lauffaulen Touristen und experimentierfreudigen Bewohnern düsen mit den Gefährten mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde durch unsere Innenstädte. Seit Anfang Juni sind E-Scooter auf öffentlichen Straßen zugelassen. Gut ein Dutzend Anbieter rangelt um die Gunst der meist jungen Kundschaft. Die Verleihfirmen sind Start-ups mit Namen wie Lime, Voi oder Circ. Sie kommen aus San Francisco, Stockholm oder Berlin und wittern das große Geschäft in einem potenziellen Milliardenmarkt.

Auffällig ist, wer aktuell nicht von dem Hype profitiert: die heimischen Autobauer. Dabei schwärmten Daimler, BMW und VW erst vor wenigen Monaten öffentlichkeitswirksam von ihren eigenen Plänen mit E-Scootern. Die Realität sieht derzeit für das PS-Trio allerdings ziemlich trist aus: VW hängt in der Planungsphase fest. Und der gemeinsame Rollerdienst des süddeutschen Premiumrivalen Daimler und BMW unter der Marke Hive wartet hierzulande nach wie vor auf die Zulassung seiner Flotte.

Das ist einerseits in höchstem Maße peinlich für die Manager in Stuttgart, München und Wolfsburg. Schließlich drohen die Fahrzeughersteller von Beginn an in einem Markt hinterherzuhinken, dessen Potenzial die Experten der Beratung Boston Consulting auf satte 40 bis 50 Milliarden Dollar an Umsatz im Jahr taxieren. Andererseits ist der Fehlstart bei E-Scootern für Daimler, BMW und VW kein großes Malheur.

Der Grund: Die Tretroller fallen unter die Kategorie der Mikromobilität. Sie sind also nur auf der „letzten Meile“ relevant, etwa dem Weg von Bahn- oder Bushaltestelle zum Arbeitsplatz und bilden somit lediglich das Schlussglied in einer Kette an Beförderungsmöglichkeiten.

Statt einzelne Bausteine moderner Mobilität zu dominieren, muss der Anspruch der Autobauer aber künftig lauten, nahezu das gesamte Verkehrsgebilde in Städten zu orchestrieren und selbstfahrende Autos und Elektrobusse und vielleicht auch Flugtaxis clever zu integrieren. Die Konzerne sollten sich langfristig als Komplettanbieter der Mobilität für Metropolen zu positionieren, falls erforderlich auch gemeinsam im Konsortium.

Meister komplexer Systeme

Dabei könnten die Autobauer auf bestehenden Stärken aufbauen und sich ein echtes Alleinstellungsmerkmal in der Zukunft schaffen. Denn Daimler, BMW und VW sind schon heute Meister darin, komplexe Systeme zu managen und eine Vielzahl an Akteuren so zu dirigieren, dass am Ende hochqualitative Produkte entstehen.

Allein Daimler befehligt ein Heer aus fast 2000 Lieferanten. Zählt man noch all jene Firmen hinzu, dessen Teile der Mercedes-Hersteller zwar bezieht, aber mit denen er kein direktes Vertragsverhältnis unterhält, nimmt das Netzwerk des Konglomerats gigantische Ausmaße an.

Noch komplexer dürfte es sein, als Komplettanbieter für Stadtmobilität aufzutreten. Aber die Autobauer werden es wagen müssen, stärker in Infrastrukturlösungen zu denken. Denn viele Städte würden den Individualverkehr am liebsten schon heute auf ein Mindestmaß zurechtstutzen. Autos raus, heißt schließlich weniger Abgase und mehr Platz.

Um gegenzusteuern, versuchen Daimler und BMW die Städte als Partner zu gewinnen. Über die gemeinsame multimodale App Reach Now (Moovel), in die nun ganz pragmatisch auch der Verleihdienst der fremden Rollerfirma Firma Tier Mobility integriert wurde, gelingt das bereits teilweise. Dieses Angebot alleine reicht freilich nicht aus.

Individuelle Mobilität ändert sich rasant und wird zunehmend über das Smartphone gesteuert. Entscheidend ist, wie schnell und komfortabel man von A nach B kommt. Das eigene Auto büßt dabei als Statussymbol an Bedeutung ein. Immer weniger Junge machen in Deutschland einen Führerschein. Besaßen 2010 noch knapp fünf Millionen Menschen zwischen 17 und 24 Jahren die Erlaubnis, einen Pkw, Roller oder Motorrad zu lenken, durften dies Anfang 2019 laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) nur noch rund 4,4 Millionen.

Schon heute schrumpft der globale Fahrzeugabsatz. 2019 dürften die Neuwagenauslieferungen um fünf Prozent einbrechen. Ein Ende der Flaute ist nicht in Sicht. Die Gewinne erodieren. Bald wird es für Daimler, BMW und VW nicht mehr ausreichen, einfach nur Autos zu verkaufen. Sie werden ganzheitliche Mobilitätslösungen anbieten müssen.

Dafür müssen sie ihre Stärke als Systemintegrator in der analogen Welt der Fabriken in den digitalen Ökokosmos überführen. Aus Claims wie „Freude am Fahren“ muss „Freude am Reisen“ werden. Das ist am Ende viel wichtiger als die Frage, ob BMW und Daimler nun den Trend um elektrische Tretroller verschlafen oder nicht.

Mit Einzelangeboten wie dem Verleih von E-Scootern oder Carsharing verbrennen sie ohnehin absehbar nur Geld. Profitabel dürften derlei Services erst als Teil eines Gesamtpakets an Mobilitätslösungen werden.

Mehr: BMW und Daimler betreiben gemeinsam einen eigenen E-Scooter-Verleiher. Doch dessen Deutschland-Start lässt weiter auf sich warten.

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