Kommentar Die digitale Revolution bietet den Banken die Chance, sich neu zu erfinden

Algorithmen, Big Data, künstliche Intelligenz – die Finanzbranche wird komplett umgekrempelt. Deutsche Großbanken sollten diese Chance beherzt ergreifen.
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Die Digitalisierung wird die Banken zwingen, ihre Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Quelle: dpa
Deutsche Bank

Die Digitalisierung wird die Banken zwingen, ihre Geschäftsmodelle zu hinterfragen.

(Foto: dpa)

Wenn man sich die Lage der privaten deutschen Großbanken ansieht, dann kommt einem manchmal das berühmte Zitat aus Herbert Achternbuschs Film „Die Atlantikschwimmer“ in den Sinn: „Du hast keine Chance, nutze sie.“ Auch zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise stecken Deutsche Bank und Commerzbank mitten im Umbau.

Die Kosten sind zu hoch, die Erträge zu niedrig, die Renditen mitleiderregend. Der Rückstand zu den großen Konkurrenten in den USA klafft breiter als der Grand Can‧yon, und selbst viele europäische Wettbewerber sind den deutschen Geldhäusern enteilt. Da wirkt es beinahe folgerichtig, dass die Commerzbank aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Börsen-Bundesliga, dem Dax, absteigen muss und dass der Deutschen Bank der Ausschluss aus der europäischen Champions League, dem Euro-Stoxx-50-Index, droht.

Aber ganz so trostlos sieht die Lage dann doch nicht aus. Zumindest eine Chance bleibt den heimischen Großbanken noch, aus dem Teufelskreis der vergangenen Jahre auszubrechen: die Digitalisierung. Allerdings dürfen die Banken diese Gelegenheit auch nicht verpassen, sonst geht die Zahl ihrer Chancen auf eine Wende zum Positiven tatsächlich gegen null.

Dass Algorithmen, Big Data und künstliche Intelligenz die gesamte Finanzbranche komplett umkrempeln werden, kann mittlerweile als Binsenweisheit gelten. Das birgt natürlich wie jede Revolution Risiken. Junge, technologieorientierte Wettbewerber, die Fintechs, wollen den etablierten Spielern Marktanteile wegnehmen, und wenn sich Internetriesen wie Amazon, Google oder Facebook entscheiden würden, ernsthaft ins Bankgeschäft einzusteigen, würden die Karten ohnehin völlig neu gemischt.

Aber diese Risiken sind begrenzt. Viele Fintechs entwickeln sich eher zu Partnern der Banken als zu ernsthaften Konkurrenten, und bislang hat sich die rigorose Regulierung des Finanzsektors als ausgesprochen wirksames Abschreckungsmittel gegen die großen Internetkonzerne bewährt.

Es gibt also gute Gründe, den Umbruch vor allem als Chance und weniger als Risiko zu sehen. Diese Gelegenheit können die Banken allerdings nur ergreifen, wenn sie bereit sind, schnell mutige Entscheidungen zu treffen. Denn Digitalisierung bedeutet sehr viel mehr als Automatisierung der Prozesse und Personalisierung der Produkte.

Die anstehende Revolution bietet den Banken die Chance, sich neu zu erfinden – und ein Neuanfang ist genau das, was die leidgeprüften heimischen Geldhäuser brauchen. Die Digitalisierung wird die Banken zwingen, ihre Geschäftsmodelle zu hinterfragen und ihre Organisation komplett neu aufzustellen. Der Satz, den man schon seit Jahren immer wieder von Topmanagern der Branche hört, Banken seien heute eigentlich Technologieunternehmen, muss mit Leben erfüllt werden.

Eines der Schlüsselwörter lautet Plattformökonomie. Internetplattformen wie Amazon oder Booking.com haben den Einzelhandel und den Tourismus umgekrempelt. Jetzt ist die Finanzbranche an der Reihe. Die Erfahrung zeigt, dass der Markt am Ende meist von einigen wenigen großen Spielern beherrscht wird.

Für die großen Banken heißt das, dass längst nicht jedes Institut am Ende mit seiner eigenen Finanzplattform Erfolg haben wird. Viele werden den direkten Kontakt zum Kunden verlieren und sich mit der Rolle als Produkt- oder Technologielieferant begnügen müssen.

Die gute Nachricht lautet, dass beide deutschen Großbanken erkannt haben, dass jetzt Schnelligkeit und Mut gefragt sind. Die Deutsche Bank arbeitet sich mit ihren Angeboten für Privat-, aber auch für Unternehmenskunden in Richtung Plattformökonomie vor und hat damit begonnen, auch Produkte von potenziellen Konkurrenten in ihre Angebote einzubinden.

Die Commerzbank versucht gerade, Strukturen, die sich in ihrem Entwicklungszentrum, dem Campus, bewährt haben, in großem Stil auf die gesamte Zentrale und andere Geschäftsbereiche zu übertragen.

Aber natürlich gibt es auch eine schlechte Nachricht: Andere Banken sind schneller. Die niederländische Großbank ING hat bereits vor Jahren ihre Organisation so aufgestellt, wie man es sonst von Internetfirmen wie Spotify oder Netflix kennt. Auch die spanische BBVA ist im Rennen um den Titel „Amazon der Finanzwelt“ schon weiter als die deutsche Konkurrenz.

Die Marktforscher von Forrester wählten die App der Spanier im vergangenen Jahr zur besten weltweit und die Mobil- sowie die Onlinestrategie zur besten in Europa. Dazu kommt: Die meisten der großen europäischen Konkurrenten fahren längst wieder Milliardengewinne ein und haben damit sehr viel mehr Feuerkraft für Investitionen in die Digitalisierung zur Verfügung.

Trotz dieser nicht gerade rosigen Ausgangslage haben die deutschen Großbanken zumindest eine halbe Chance. Sie müssen sie nutzen.

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