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Kommentar Die Digitalisierung der Wirtschaft verschiebt alte Kräfteverhältnisse

Klassische Industrieunternehmen setzen zunehmend auf die Zusammenarbeit mit Cloud-Anbietern wie Microsoft und Amazon. Darin liegt auch eine Gefahr.
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Auch für die Prozessoptimierung markiert die Cloud den Beginn einer neuen Ära. Quelle: dpa
Cloud

Auch für die Prozessoptimierung markiert die Cloud den Beginn einer neuen Ära.

(Foto: dpa)

Volkswagen mit Amazon, BMW mit Microsoft, HSBC mit Google – kaum ein Unternehmen aus der klassischen Wirtschaft, das in den vergangenen Monaten keine sogenannte „Partnerschaft“ mit einem der drei großen Cloud-Anbieter eingegangen wäre.

Das inzwischen beachtliche Netzwerk der IT-Konzerne lässt sich auf der weltgrößten Industrieschau in Hannover beobachten: Wie auf einer „Messe in der Messe“ reihen sich dort an kleinen Ständen die Namen vieler Industriegranden auf, die mithilfe der Cloud einen Mehrwert für sich selbst und ihre Kunden schaffen wollen.

So kann etwa eine Künstliche Intelligenz per Datenanalyse in der Cloud dabei helfen, den eigenen Maschinenpark vorausschauend zu warten, um Stillstandszeiten deutlich zu reduzieren. Auch für die Prozessoptimierung markiert die Cloud den Beginn einer neuen Ära: Nun ist es denkbar, dass eine Produktionsanlage sich selbst verbessert – dank einer automatisierten Qualitätskontrolle, die Daten in Echtzeit von einem Algorithmus auswerten lässt und die Prozesse daraufhin selbstständig anpasst.

Noch vor wenigen Jahren war es kaum der Rede wert, wenn sich ein Automobilhersteller wie VW einen neuen IT-Dienstleister suchte mit dem Ziel, seine Produktivität zu verbessern. Doch der inzwischen viel strapazierte Begriff „Partnerschaft“ verrät: Microsoft und Co. sind mehr als Auftragnehmer und Ausrüster. Sie stellen die Infrastruktur bereit, mit deren Hilfe Maschinen und ganze Werke miteinander kommunizieren. Speicherplatz, Rechenleistung und Software werden für die Produktion so wichtig wie Logistik und Maschinenpark.

Das hat weitreichende Konsequenzen. Zum einen für die Produzenten der Endprodukte. Sie müssen penibel darauf achten, auch in Zukunft Herr über den eigenen Datenschatz zu bleiben. Zwar beteuern die Cloud-Anbieter, nicht auf die Daten zuzugreifen, wenn der Kunde das nicht wünscht. Doch sicher ist sicher: Verschlüsselung und Anonymisierung der Daten, sollen sie per Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden, müssen bei einem Einstieg in die Cloud selbstverständlicher Bestandteil der Verträge sein. Das dürfte business as usual sein.

Weitaus mehr betroffen von der Digitalisierung der Produktion sind die Maschinenhersteller und Fabrikausrüster. Hier schiebt sich die Cloud als Plattform zwischen Nutzer und Maschine. Anwendungen wie vorausschauende Wartung funktionieren dabei wie Apps auf einem Smartphone. Die kleinen Programme sorgen dafür, dass sich die technischen Möglichkeiten der Geräte ohne physische Umrüstung der Produktionsanlagen laufend erweitern lassen.

Damit verschiebt sich das Innovationspotenzial von der Maschine zur Software – und damit verschiebt sich auch die Wertschöpfung von der Hard- auf die Software. Die industriellen Cloud-Plattformen von Microsoft, Amazon und Google werden zum Betriebssystem der Industrie. Firmen wie Volkswagen und BMW sind die Anwender. Sie profitieren von den Möglichkeiten der neuen Technologien und hoffen, so ihre Produktivität deutlich steigern zu können.

Cloud-Anbieter sitzen häufig am längeren Hebel

Für die Maschinen- und Anlagenbauer allerdings birgt die Machtverschiebung eine Gefahr. Um ihre Produkte weiterzuentwickeln, sind sie künftig auf die Zusammenarbeit mit den Cloud-Anbietern angewiesen. Große Hersteller wie ABB und Kuka sind deshalb bereits entsprechende Kooperationen vor allem mit Microsoft eingegangen.

Kleinere wie DMG Mori oder Dürr hingegen wollen sich auf die IT-Riesen nicht verlassen – und mit der Plattform Adamos ein eigenes Ökosystem schaffen, in dem sie die Kontrolle über ihre Maschinen-Apps selbst behalten.

Dass das womöglich eine gute Idee ist, zeigt im Smartphone-Bereich der Streit zwischen Apple und Spotify. Seit Monaten zanken der iTunes-Betreiber und der Musikstreamingdienst über die Konditionen, zu denen die Spotify-App auf der Apple-Plattform angeboten werden darf. Apple verlangt derzeit 30 Prozent der Umsätze, die Spotify über die monatlichen Zahlungen der iPhone-Nutzer erzielt.

Inzwischen ist der Musikstreamingdienst dazu übergegangen, bis zur Klärung des Streits durch die EU-Wettbewerbskommission Abos nicht mehr über Apples Plattform, sondern nur noch über die eigene Website zu verkaufen. Doch was für den Spotify-Nutzer im Moment ein kleines Ärgernis bedeutet, wäre für den industriellen Anwender völlig inakzeptabel. Er ist darauf angewiesen, dass seine Produktion zu jeder Zeit störungsfrei gewährleistet ist.

Dabei sitzt der Cloud-Anbieter am längeren Hebel: Er kontrolliert das Ökosystem und damit die Bedingungen, unter denen neue Technologien zwischen Erfinder und Anwender ausgetauscht werden. Die Erfahrung zeigt: In der Plattformökonomie gewinnen meist die Größten. Darin liegt eine große Gefahr. Verhindern lässt sich diese Machtkonzentration nur durch Konkurrenz zwischen Plattformanbietern. Sie zu erhalten ist auch Aufgabe der Nutzer aus der Industrie.

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