Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Die Diskussion um die Corona-Apps zeigt, wie abhängig Staaten von Google und Apple sind

Selbst große Staaten bekommen in der Krise zu spüren, wie abhängig sie von den Konzernen sind. Die Forderung nach einem Digitalministerium ist wichtiger denn je.
08.05.2020 - 04:40 Uhr Kommentieren
Apple und Google haben sich für den Kampf gegen das Virus zusammengetan. Quelle: Reuters
Kooperierende Rivalen

Apple und Google haben sich für den Kampf gegen das Virus zusammengetan.

(Foto: Reuters)

Wenn bald wieder die Geschäfte öffnen, Schüler in die Klassen zurückkehren und Freunde zusammen Kaffee trinken gehen, steht das Land vor einer großen Frage: Kann es so etwas wie Normalität geben, ohne dass sich das Coronavirus wieder unkontrolliert ausbreitet?

Ein Hilfsmittel, in das die Politik große Hoffnungen setzt, lässt dann noch auf sich warten: Die App, die Smartphonenutzer nach Kontakten mit Corona-Infizierten warnen und so die Pandemie bremsen soll, wird noch lange nicht fertig sein. Für dieses Verfahren, „Contact Tracing“ genannt, müssen Apple und Google komplexe Änderungen an ihren Betriebssystemen vornehmen, und das dauert.

Die beiden Rivalen haben sich zusammengetan, um gemeinsam die Kontaktverfolgung zu erleichtern. Dafür geben sie jedoch die Regeln und den Zeitplan vor – die Staaten bekommen zu spüren, wie abhängig sie von den Konzernen sind. Dieses Gefälle ist in Deutschland besonders groß: Die Politik hat keine erkennbare Strategie für den Einsatz der Technik zur Corona-Bekämpfung entwickelt. Das rächt sich – und es ist ein weiterer Beleg dafür, dass es in Politik und Behörden an Digitalkompetenz fehlt.

Apple und Google wollen unbedingt ausschließen, dass die Daten ihrer Kunden in falsche Hände geraten können – das wäre geschäftsschädigend. Daher bestehen sie darauf, dass Nutzer die Technologie selbst einschalten können und die Informationen über Kontakte mit anderen Personen auf den Geräten verbleiben, also dezentral gespeichert werden. Nicht zuletzt begrenzen sie die Datennutzung streng, den Standort dürfen Behörden nicht erheben.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Das Konzept ist „State of the Art“, Datenschützer und IT-Sicherheitsspezialisten befürworten es unisono. Allerdings lässt sich darüber streiten, ob das die einzige Möglichkeit ist, um Infektionsketten effizient und gleichzeitig datenschutzkonform nachzuvollziehen. Auch die Beschränkung auf eine App pro Land ist diskussionswürdig.

    Selbst entscheiden kann die Politik indes nicht, Apple und Google machen wie üblich ihr Ding. Sie vereinbaren untereinander das Konzept und verkünden es anschließend (vorbildlich transparent) in technischen Spezifikationen.

    Wie auch immer man die Vorgaben im Einzelnen bewertet: Sie unterstreichen, wie mächtig Apple und Google sind. Auf 99 Prozent aller Smartphones laufen die Betriebssysteme der beiden Unternehmen.

    Was die Konzerne beschließen, ist Gesetz

    Was eine überschaubare Gruppe von Managern und Entwicklern in Kalifornien beschließt, wird de facto der globale Standard. „Code is law“, brachte der amerikanische Verfassungsrechtler Lawrence Lessig dieses Prinzip um die Jahrtausendwende auf den Punkt: Programmcode wirkt ähnlich wie ein Gesetz.

    Dieser Macht der Konzerne steht die Politik mit großer Ohnmacht gegenüber, und zwar schon seit den Anfängen des Internets. Die Gesetzgebung versuche „wie ein alter Herr, der einen Gehweg entlangkeucht, um einen Bus zu erwischen“, mit den technischen Innovationen Schritt zu halten, schrieb der Politikwissenschaftler Timothy Garton Ash 2016. Das gilt für die Regulierung der Meinungsfreiheit auf Facebook genauso wie für die Programmierung der App für die Corona-Bekämpfung.

    Die Politik hat in den vergangenen Wochen allerdings wenig getan, um – bildlich gesprochen – den Bus doch noch zu erreichen. Die Entwicklung der verschiedenen Systeme zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ist chaotisch verlaufen, ebenso die Kommunikation.

    So wies eine „Datenspende“-App bedenkliche Sicherheitslücken auf. Und während bei einem Hackathon der Bundesregierung zahlreiche Teams Lösungen fürs „Contact Tracing“ vorschlugen, verfolgte die Politik selbst einen anderen Ansatz – den sie später in einem Handstreich verwarf.

    Eine zentrale Steuerung für derartige IT-Projekte scheint es in der Bundesregierung nicht zu geben. Nur so ist zu erklären, dass sie die Entwicklung der Warn-App an SAP und Telekom übergibt, weil diese „auf Augenhöhe“ mit den amerikanischen Anbietern sprechen könnten. In der Politik scheint niemand dazu in der Lage zu sein. Ein Armutszeugnis.

    Zudem fehlt eine breite Diskussion darüber, ob die hohen Erwartungen an die digitale Kontaktverfolgung berechtigt sind. Denn: Ob die Funktechnik Bluetooth wirklich zuverlässig ermitteln kann, wie nah sich verschiedene Personen gekommen sind, ist nicht erwiesen. Zumal ein riesiger Teil der Bevölkerung mitmachen müsste. Sich bei der Öffnung des Landes darauf zu verlassen wäre fahrlässig.

    Die Corona-App steht stellvertretend dafür, wie schwer sich die deutsche Politik mit der digitalen Technologie tut. Die Bundesregierung muss endlich Personal und Know-how aufbauen, um Projekte wie die Corona-Apps bewältigen und die Diskurshoheit darüber gewinnen zu können.

    Viele Unternehmen würden in einer solchen Situation einen Chief Digital Officer benennen. Ein Pendant in der Politik wäre ein Digitalminister mit einem eigenen Stab. Neu ist diese Forderung gewiss nicht, angesichts der Coronakrise aber wichtiger denn je.

    Mehr: Wie Apple und Google verhindern wollen, das zu viele Corona-Apps entstehen.

    Startseite
    Mehr zu: Kommentar - Die Diskussion um die Corona-Apps zeigt, wie abhängig Staaten von Google und Apple sind
    0 Kommentare zu "Kommentar: Die Diskussion um die Corona-Apps zeigt, wie abhängig Staaten von Google und Apple sind"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Serviceangebote
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%