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Kommentar Die Doppelmoral der deutschen Energiewende

Der Kampf gegen den Klimawandel ist das wichtigste Thema unserer Zeit. Wirklich nachhaltig ist er aber erst dann, wenn man sich auch mit den Schattenseiten auseinandersetzt.
02.07.2021 - 10:42 Uhr 7 Kommentare
Die Solarindustrie hat ein Problem.  Quelle: dpa
Klimaschutz

Die Solarindustrie hat ein Problem. 

(Foto: dpa)

Grüner Strom für ein grünes Gewissen. Klingt gut. Aber so einfach ist es nicht. Zumindest dann nicht, wenn es um Solarmodule auf Häusern, Äckern und Feldern geht. Seit Monaten stehen schwere Vorwürfe gegen die Solarbranche im Raum: Die Hersteller scherten sich nicht um Zwangsarbeit, Zwangssterilisationen und massenhafte Internierungen von über einer Million Menschen in der chinesischen Region Xinjiang, einer wichtigen Rohstoffregion für die weltweite Solarproduktion.

Das trifft auch Unternehmen in Deutschland über die Solarmodule chinesischer Hersteller, die das in Xinjiang hergestellte Material in ihren Anlagen verarbeiten. Ein Problem, mit dem die Textilindustrie schon seit Jahren kämpft, hat nun also die vermeintlich unantastbar nachhaltige Solarindustrie erfasst.

Eine große Überraschung ist das nicht. Weder für die involvierten Unternehmen in Deutschland noch für die Bundesregierung. Schließlich sind Menschenrechtsverletzungen durch China, besonders gegen die muslimische Minderheit der Uiguren, seit Jahren bekannt.

Ausarbeitungen unabhängiger Universitäten, Augenzeugenberichte und vor allem die neuen US-Sanktionen gegen chinesische Solarkonzerne aus der Region erhöhen den Druck jetzt allerdings so sehr, dass Politik und Unternehmen sich nicht mehr wegducken können.

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    Sollte man zumindest meinen. Während deutsche Solarkonzerne sich mit schriftlichen Versicherungen ihrer Lieferanten herausreden, die allerdings in keiner Weise überprüfbar sind, verweist die Bundesregierung lediglich auf wiederholte Aufforderungen an die chinesische Regierung.

    Die Abhängigkeit vom Polysilizium aus Xinjiang ist groß

    Die Lage ist vertrackt, keine Frage. Fast die Hälfte der weltweiten Polysilizium-Produktion, dem wichtigsten Rohstoff der Solarindustrie, stammt aus der betroffenen Region Xinjiang. Erst nach mehreren Produktionsschritten kommt das fertige Modul dann nach Deutschland.

    Für Solarparkplaner wie EnBW oder BayWa Re ist es schlicht unmöglich, zu kontrollieren, wo das in ihrer Anlage verbaute Material genau herkommt. Denn schon vorher wird das Silizium meist aus mehreren Quellen im wahrsten Sinne des Wortes zusammen in einen Topf geworfen.

    Die Hersteller, die den Rohstoff in ihren Modulen verwenden, beherrschen zudem einen Großteil des weltweiten Solarmarkts. Alternativen gibt es nur begrenzt und würden deutlich mehr kosten. Das würde die Preise für Solarparks wieder nach oben treiben, die es ja gerade erst über die Grenze der Wirtschaftlichkeit hinaus geschafft haben. Projekte wären nicht mehr rentabel und würden in der Folge nicht gebaut. Die Energiewende geriete weiter ins Stocken.

    Die Bundesregierung wiederum will einen Handelskonflikt mit China verhindern, einem wichtigen Absatzmarkt für viele deutsche Unternehmen, zum Beispiel aus der Auto- oder Chemieindustrie. Und einem wichtigen Lieferanten für die Autoindustrie, die Halbleiterbranche und natürlich den Solarmarkt.

    Es ist das altbekannte Problem: Im eigenen Land herrschen die strengsten Arbeitsauflagen und Standards, aber was im Ausland auf Kosten der hehren Umweltziele passiert, wird billigend in Kauf genommen. Mal ganz davon abgesehen, dass die energieintensive Siliziumproduktion in Xinjiang durch staatlich subventionierten Kohlestrom befeuert wird. So viel zum grünen Gewissen.

    Nichts zu tun ist keine Option

    Die Lösung ist kompliziert. Nichts zu tun ist aber erst recht keine Option. Zumindest auf europäischer Ebene scheint nun ein bisschen Bewegung in das Thema zu kommen. Ein europäisches Lieferkettengesetz wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch dann bleibt das Problem der Kontrollierbarkeit bestehen. Sich auf die Versicherungen chinesischer Unternehmen unter dem wachenden Auge ihrer autokratischen Regierung zu verlassen, befreit die Zwangsarbeiter nicht aus ihrer Situation. 

    Entweder unabhängige Kontrolleure erhalten Zugang zu den Produktionsstätten, oder die deutschen Unternehmen müssen Produktionskapazitäten außerhalb Chinas aufbauen. Am besten beides. Das ist zwar keine weltweite Lösung, wäre aber immerhin ein Anfang. Es muss endlich etwas passieren.

    Das Gesellschaft, Politik und Unternehmen so weitermachen, als gäbe es keine Zwangsarbeit für die deutsche Energiewende, ist an Doppelmoral kaum zu überbieten. Wirklich nachhaltig ist die Energiewende erst dann, wenn man sich auch mit ihren Schattenseiten auseinandersetzt.

    Mehr: Vorwurf Zwangsarbeit – Das China-Problem der deutschen Solarindustrie

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    Mehr zu: Kommentar - Die Doppelmoral der deutschen Energiewende
    7 Kommentare zu "Kommentar: Die Doppelmoral der deutschen Energiewende"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Auf dem Bild sieht man wieder einmal mehrere Hänsel-Gretel-Knusper-Häuschen mit schön Landverbrauch und neuer teurer Infrastruktur, wiederum Landverbrauch. Vernünftig wäre es gewesen, eine 7-stöckige Wohnanlage zu bauen mit Wärme-Kraft-Koppelung. Man kann 150 qm Wohnfläche, wie im Einfamilienhaus, auch übereinander stapeln und hat so das ablehnende Bienen-Wohnen im Hochhaus vermieden. Wer nicht mindestens 7 Stockwerke baut, sollte eine empfindlich hohe Abgabe zahlen müssen. Äcker und Wiesen vermehren sich nicht, nicht mal im segensreichen Kapitalismus, wo man sonstige Produktion leicht steigern kann.

    • China geht angeblich rigoros gegen einen Teil der Muslime vor. Es gab in chin. Fußgängerzonen Messerangriffe wie bei uns jüngst in Würzburg mit Toten und Verletzten. Auch wurden Bomben in Peking gezündet. In einer Diktatur, wie der in China, ist es vermessen, mit Gewalt einen Gottes-Staat erzwingen zu wollen. Wie in Gottes-Staaten derzeit enorm unterdrückt wird, kann man im Iran (Persien) aktuell besichtigen. Es ist sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass, würde nicht für die Solar-Industrie produziert werden, in den angeblichen Arbeitslägern, andere Produkte hergestellt werden würden. Eine Staatsmacht kann das schnell neu organisieren. Der Streit geht im Kern nur um zwei Standpunkte. Da steht der Gottes-Staat nach IS-Vorbild in Konkurrenz zum chin. Staat aktueller Ausprägung.

    • Sicher sind die angesprochenen Punkte wichtig und hier muss dringend vieles kurzfristig verändert werden.
      Aber was ist die Alternative? Was möchte der Autor uns damit sagen, wenn er den Ökostrom so anprangert?
      Öl und Kohle sind weder nachhaltiger, noch menschenfreundlicher in Förderung und Produktion.

      https://www.energiestiftung.ch/files/energiestiftung/publikationen/downloads/energiethemen-fossileenergien-erdoel-oelopfer/erdoel-menschenrechte-global-lernen-1-2001.pdf
      https://www.boell.de/de/2015/06/02/menschenrechte-unterdrueckt-und-vertrieben

    • Nichts Verbreiten bzw. Innovative Technologien aus lobbyistischen Gründen nicht zu verkünden und zu berichten, ist ebenso ein Delikt. Informationen zur Neutrino Technologie werden seit 5 Jahren nur zögerlich verbreitet, dabei bietet die Neutrinovoltaic sensationelle Vorteile in der Energienutzung. Der einstige BundesVerkehrsminister a.D., Prof. KRAUSE veröffentlichte dazu kürzlich: "Das ewige Licht - Der Beginn eines neuen Zeitalters"  Er begründet eindringlich, die günstigste und sauberste Variante der Energienutzung basiert auf Neutrino Technologie. Eine mobile und dezentrale Energienutzung über die Neutrinovoltaic kann jetzt möglich werden, denn sie wird die Photovoltaik ergänzen und ablösen, denn sie kann auch in vollkommener Dunkelheit Energie wandeln. Die Patente der Berliner Neutrino Energy Group sind bereit. Die Einführung der Neutrinovoltaik zur Gewinnung von elektrischem Strom unter dem Einfluss verschiedener elektromagnetischer Strahlung, einschließlich hochenergetischer kosmischer Neutrinos basiert auf neueste Forschungsergebnisse. Die auf Neutrinovoltaik-Technologie basierenden DC-Neutrinoquellen sind sehr kompakt und wetterunabhängig, erzeugen in einem Grundmodus 24h x 365 Tage Strom und können in Gerätegehäuse oder sogar in Elektroautos eingebaut werden. Mobile, dezentrale Haushaltsenergie und unendliche Reichweite für die Elektromobilität - GENIAL.  Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften hatte bereits im Januar 2021 in einer  von Daimler Benz beauftragten Studie die Effizienz der Technologie und  die im Patent deklarierten Eigenschaften der "Neutrino-Voltaik" bestätigt. In Indien hat das C-met Institut in Punafür die Entwicklung des selbstladenden PI Cars mit den Patenten ein Budget von 2.5 Milliarden Dollar zugesprochen bekommen.

    • Darf man jetzt über die Nachteile der Windräder im Meer und an Land reden? Betrifft das auch Photovoltaik? Wahrscheinlich nur ein Fake?

    • Wenn die "Grünen" und Ihr Gefolge etwas beschließen,
      gibt es keine Schattenseiten.
      Koste es was es wolle.

    • Wer jetzt noch ernsthaft glaubt, das Thema beträfe nur die Solarindustrie hat die Größe der Herausforderung von Lieferkettengesetzen noch nicht bemerkt.
      Der Kommentar muss leider lauten: Unsere Doppelmoral .
      Wer noch nie ein "Schnäppchen" gekauft hat darf nun den ersten Stein werfen.

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