Kommentar Die EU-Kommission braucht einen Chef mit Charisma

Die EU sucht einen Nachfolger für Jean-Claude Juncker. Doch der schwierigste Topjob Europas stellt hohe Anforderungen an den Amtsinhaber.
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Der heutige EU-Kommissionspräsident wird 2019 abtreten. Die Behörde muss einen Nachfolger für ihn suchen. Quelle: AFP
Jean Claude Juncker

Der heutige EU-Kommissionspräsident wird 2019 abtreten. Die Behörde muss einen Nachfolger für ihn suchen.

(Foto: AFP)

Wir sind: die größte Staatengemeinschaft der Welt. Wir suchen: eine Führungskraft für unsere wichtigste Institution. Wir bieten: begrenzten politischen Gestaltungsspielraum und ein Monatsgehalt von rund 25.000 Euro plus Zulagen. Wir erwarten: Erfahrungen als Regierungschef oder Minister, beste Kontakte zu den europäischen Regierungschefs, eine charismatische Ausstrahlung und einen hohen Bekanntheitsgrad in ganz Europa sowie die fließende Beherrschung der EU-Amtssprachen.

So müsste das Anforderungsprofil idealerweise aussehen, wenn es eine Stellenausschreibung für den Posten des Kommissionspräsidenten gäbe. Freilich würde die EU dann niemals fündig. Es gibt keinen Politiker, der alle 24 in der EU offiziell anerkannten Sprachen auch nur halbwegs beherrscht. Der amtierende Kommissionschef Jean-Claude Juncker und sein Vorgänger José Manuel Barroso bringen es immerhin auf jeweils drei.

Englisch und Französisch sprechen beide, bei Juncker kommt Deutsch, bei Barroso Portugiesisch hinzu. CSU-Mann Manfred Weber, bislang einziger offizieller Bewerber für Junckers Nachfolge, kann da nicht mithalten: Er spricht zwar gut Englisch, aber kaum Französisch – ein Handicap. Für einen Spitzenkandidaten wäre es bei der im Mai anstehenden Europawahl schon sehr hilfreich, wenn er sich nicht nur im größten, sondern auch im zweitgrößten EU-Staat ohne Hilfe eines Dolmetschers an die Bevölkerung wenden könnte.

Eine perfekte Besetzung für das Amt des Kommissionspräsidenten gibt es nicht – allein schon wegen der Sprachenvielfalt in Europa. Daraus folgt ein weiteres fast unlösbares Problem, das sich Politikern auf nationaler Ebene so nicht stellt: EU-Kommissionspräsidenten – und solche, die es werden wollen – tun sich in aller Regel schwer damit, zu den Bürgern vorzudringen.

Wer die Sprache nicht beherrscht, der kann kaum in Talkshows gehen oder Live-Interviews im Fernsehen geben. Die ständige Präsenz in den Massenmedien ist aber notwendig, um sich bei möglichst vielen Menschen bekanntzumachen. Es gelingt nur sehr wenigen Politikern, trotz Sprachhürde zu einer bekannten europäischen Größe zu werden.

Zuverlässig schaffen können das nur die Chefs der beiden größten EU-Staaten: Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Emmanuel Macron streben allerdings nicht nach Brüsseler Ämtern. Die Regierungschefs kleiner Staaten tun das schon eher. Doch außerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes sind sie meist ein No Name.

Auch Juncker war nicht sofort ein Europapolitiker

Eine rühmliche Ausnahme bildet Jean-Claude Juncker. In 18 Jahren als Premierminister spielte der Luxemburger immer wieder eine herausragende europapolitische Rolle etwa als Vermittler zwischen Helmut Kohl und Jacques Chirac bei der Gründung der Währungsunion oder als Vorsitzender der Euro-Gruppe während der Euro-Schuldenkrise. Aber selbst Juncker hat viele Jahre gebraucht, um zu dem prominenten Europapolitiker zu werden, der er heute ist.

Sein beispielloser Erfahrungsschatz half Juncker noch in anderer Hinsicht: Als der Luxemburger 2014 Kommissionspräsident wurde, gehörte er schon fast zwei Jahrzehnte dem Europäischen Rat an, in dem die EU-Regierungschefs versammelt sind. Für Kanzler, Präsidenten und Premierminister war Juncker daher von Beginn an ein alter Kumpel mit Stallgeruch, dem man mit Respekt begegnet.

Im November 2019 tritt der Luxemburger ab. Ob die Regierungschefs dann einen Nachfolger akzeptieren, der überhaupt keine Regierungserfahrung vorweisen kann? Zweifel sind angebracht. Bisher waren alle Präsidenten der EU-Behörde seit Jacques Delors vor ihrem Wechsel nach Brüssel entweder Minister oder Regierungschef.

Manfred Weber kann diese Qualifikation nicht vorweisen, sein voraussichtlicher Konkurrent Alexander Stubb hingegen schon. Der Finne war Finanz- und Premierminister und wird sich voraussichtlich auch um die Spitzenkandidatur bei der christdemokratischen EVP bewerben.

Wichtig ist die Erfahrung an der Spitze der Exekutive nicht nur im internen Umgang mit den EU-Chefs. Der Kommissionspräsident muss auch in der Lage sein, Weltpolitik zu machen und europäische Interessen wirkungsvoll zu verteidigen. Juncker hat Vier-Augen-Gespräche mit Wladimir Putin und Donald Trump geführt. Den US-Präsidenten überzeugte er davon, auf Strafzölle auf europäische Autos zu verzichten. Das muss ihm sein Nachfolger erst einmal nachmachen.

In einer globalisierten Welt steht die EU unter Druck wie nie zuvor – ob es nun um Migration, Protektionismus oder Krisenherde in unmittelbarer Nachbarschaft geht. Zugleich droht die Staatengemeinschaft von nationalpopulistischen Fliehkräften zerrissen zu werden.

Gebraucht wird in dieser Lage ein Präsident oder eine Präsidentin, der oder die die Bürger wieder von Europa begeistern und zwischen den streitenden Regierungen Brücken bauen kann. Es ist der schwierigste Topjob in Europa – für politische Leicht- oder Mittelgewichte nicht geeignet.

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