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Kommentar Die EZB hält die Schleusen offen – und das ist gut so

An den Märkten gibt es wegen eines möglichen Impfstoffs große Hoffnungen auf ein Ende der Pandemie. Aber die Notenbanken müssen die langfristigen Folgen der Krise im Auge behalten.
13.11.2020 - 13:36 Uhr Kommentieren
Die EZB-Präsidentin hat eine weitere Lockerung der Geldpolitik für Dezember in Aussicht gestellt. Quelle: AFP
Christine Lagarde

Die EZB-Präsidentin hat eine weitere Lockerung der Geldpolitik für Dezember in Aussicht gestellt.

(Foto: AFP)

Es sind gegensätzliche Nachrichten: Auf der einen Seite sorgt die Aussicht auf einen Corona-Impfstoff für Euphorie an den Finanzmärkten. Auf der anderen Seite signalisieren EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihr amerikanischer Amtskollege Jerome Powell eine weitere Lockerung der Geldpolitik.

Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Denn selbst wenn es einen Impfstoff gibt, werden die Langfristfolgen der Corona-Pandemie noch sehr lange die Geldpolitik beeinflussen. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank (Fed) kaufen weiter in großem Umfang Anleihen und halten die Zinsen extrem niedrig. Ein baldiger Kurswechsel ist sehr unwahrscheinlich. Das hat gute Gründe.

Als Hinterlassenschaft der Krise bleiben in jedem Fall höhere Schulden. Um während der Pandemie zu überleben, haben sich viele Unternehmen stärker verschuldet, aber auch die Staaten. Was oft vergessen wird: Diesen höheren Schulden stehen auch höhere Ersparnisse gegenüber. Die privaten Haushalte haben in der Pandemie deutlich weniger konsumiert und extrem viel auf die hohe Kante gelegt. Wenn man zum Beispiel auf Restaurantbesuche verzichtet, bleibt mehr auf dem Konto, aber die Gastronomie erleidet Einbußen.

Insgesamt bedeutet das: Unternehmen und Staaten müssen mit steigenden Schulden fertigwerden. Gleichzeitig wäre es wirtschaftlich wünschenswert, wenn die Haushalte wieder weniger sparen. Niedrige Zinsen helfen, dieses Missverhältnis stärker ins Gleichgewicht zu bringen. Auch eine etwas höhere Inflation, die näher an zwei Prozent liegt, würde helfen. Beides entlastet die Schuldner und erhöht den Anreiz für die Haushalte, zu investieren und zu konsumieren statt zu sparen.

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    Die Krise wird aber auch die Inflation noch länger auf sehr niedrigem Niveau halten. Allein schon deshalb, weil sie auch mit einem Impfstoff nicht morgen beendet ist. Zunächst stecken viele Länder Europas aktuell in einem zweiten Lockdown der Wirtschaft. Anderswo wie in den USA könnte dies bald folgen. Auch danach sind weitere stärkere Einschränkungen möglich. Erst wenn weite Teile der Bevölkerung geimpft sind, besteht die Chance auf eine allmähliche Normalisierung. Bis dahin gilt es, die wirtschaftlichen Strukturen, soweit es geht, zu erhalten.

    Erholung dürfte Inflation lange drücken

    Doch auch danach wird die Pandemie noch lange nachwirken. Anders als bei früheren Krisen hat sie vor allem den Dienstleistungssektor erfasst. Viel spricht dafür, dass der Bereich länger braucht, um sich zu erholen, als die Industrie. Zum Beispiel, weil man, wie von EZB-Präsidentin Christine Lagarde beschrieben, ausgefallene Reisen und Restaurantbesuche nicht einfach im nächsten Jahr nachholt.

    Der Erholungsprozess dürfte die Inflation noch sehr lange drücken. Bislang war der Dienstleistungssektor der entscheidende Hoffnungsfaktor für die EZB, um ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent irgendwann zu erreichen. Denn in der Industrie, wo der globale Wettbewerb sehr stark ist, haben die Unternehmen ohnehin wenig Spielraum, Preise anzuheben.

    Außerdem ist der Dienstleistungssektor besonders arbeitsintensiv. Der Anteil des Faktors Arbeit an der Wertschöpfung ist dort viel höher als in der Industrie. Dadurch schlägt sich die Lohnentwicklung dort besonders auf die Preise nieder. Außerdem: Bei Dienstleistungen spielen Menschen eine größere Rolle als Maschinen, die sich schnell an- und abschalten lassen. Sind dort Arbeitsplätze einmal weggefallen, dauert es eine Weile, bis sie wieder geschaffen werden.

    Die Krise hat dazu geführt, dass Millionen Europäer ihren Job verloren haben. Je länger sie arbeitslos bleiben, desto schwerer wird es, sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn mit der Zeit gehen Qualifikationen und die Arbeitsmotivation verloren. Das gilt vor allem für junge Leute, die den Einstieg in den Beruf verpassen oder früh arbeitslos werden. Die Gefahr ist, dass sich die Arbeitslosigkeit dann nach der Krise auf höherem Niveau verfestigt. Das würde neben den sozialen Folgen auch die Löhne und die Inflation länger drücken.

    Daher ist es so wichtig, dass die Geldpolitik entschlossen reagiert und die Wirtschaft so lange stark stützt, bis die durch den äußeren Schock der Pandemie verlorenen Arbeitsplätze neu aufgebaut sind. Natürlich sind dies zum Teil andere Jobs als vorher, es wird zu Verlagerungen kommen. Aber auch dafür ist es wichtig, dass die Wirtschaft dank günstiger Finanzierungsbedingungen so gut läuft, dass anderswo möglichst schnell neue Jobs entstehen.

    In der Finanzkrise haben viele Notenbanker unterschätzt, wie lange sich die schwere Rezession auf die Wirtschaft niederschlägt. In der Corona-Pandemie haben sie und die Politik nun viel entschlossener reagiert. Dies wird helfen, die Folgen abzumildern. Man sollte sich aber keine Illusionen machen: Die aktuelle Krise wird die Geldpolitik sehr lange Zeit prägen. Unter dem Strich wird die EZB noch sehr viel länger Anleihen kaufen und die Zinsen sehr niedrig halten.

    Mehr: Lagarde als Krisenmanagerin: So fällt ihre Bilanz nach einem Jahr aus.

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