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Kommentar Die fünf Irrtümer deutscher Innovationspolitik

Deutschland verliert an Erneuerungskraft. Das liegt vor allem an einer falsch angelegten Innovationspolitik – die sich hoffentlich nach der Wahl ändert.
19.06.2021 - 09:36 Uhr Kommentieren
16 Jahre hat eine promovierte Physikerin mit tiefem Forschungsverständnis Deutschland geführt - der Innovationspolitik im Land hat es dennoch nicht genutzt. Quelle: dpa
Angela Merkel mit Roboter

16 Jahre hat eine promovierte Physikerin mit tiefem Forschungsverständnis Deutschland geführt - der Innovationspolitik im Land hat es dennoch nicht genutzt.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Die Sache ist paradox: Eine promovierte Physikerin stand 16 Jahre an der Spitze dieses Landes. Und Angela Merkel hat auch tatsächlich ein tiefes Verständnis wissenschaftlicher Zusammenhänge. Bei der technologischen Innovationskraft hat Deutschland in den vergangenen Jahren dennoch an Boden verloren.

Die Bertelsmann- Stiftung hat beispielsweise die Verteilung besonders relevanter Patente in 58 Zukunftstechnologien untersucht. 2010 gehörte Deutschland noch in 47 Kategorien zu den Top drei weltweit, 2019 nur noch in 22.

Grund dafür ist eine jahrelang vernachlässigte Innovationspolitik. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele weltweit, unter welchen Bedingungen Innovationen entstehen. Solch ein Klima ist kein Zufall, analysiert mein Kollege Christian Rickens in unserem großen Wochenendreport. Es lässt sich gezielt entwickeln. Die Grundlage dafür ist ein Instrumentenkasten, der überall funktioniert, eine Art universaler Innovationscode.

Fortschritt im Wahlkampf?

Mittlerweile haben das Thema auch die Wahlkämpfer für sich erkannt. Die Grünen wollen „Forschung und Innovationen für klimagerechtes Wirtschaften stärker fördern“, die SPD will die öffentlichen und privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung von drei Prozent des BIP „auf mindestens 3,5 Prozent steigern“ - ein Ziel, das auch schon im aktuellen Koalitionsvertrag steht. Und Unionskanzlerkandidat Armin Laschet hat ein Modernisierungsjahrzehnt ausgerufen.

Wohlklingende Schlagworte sind das eine. Wirkungsvoller wäre es, die Irrtümer deutscher Innovationspolitik zu analysieren.

Die fünf Irrtümer:

  1. Es ist effizienter, wenn sich der Staat bei großen Innovationen komplett heraushält. Fakt ist: Es gibt kaum einen großen Technologiesprung, an dem der Staat nicht in irgendeiner Form beteiligt war. Wesentliche Bausteine des Internets wurden zwar im Silicon Valley entwickelt, aber vom US-Militär finanziert - eine ähnliche Geschichte ließe sich über das GPS-System erzählen. Tesla hat ebenfalls viele Millionen an direkter und indirekter staatlicher Unterstützung erhalten. Und den hochwirksamen Covid-19-Impfstoff von Biontech hätte es niemals gegeben, wenn der deutsche Staat nicht die Grundlagenforschung für die mRNA-Technik bezahlt hätte. Womit wir beim nächsten Irrtum wären.
  2. Dass der Staat eine aktive Rolle spielen muss, bedeutet keinesfalls, dass sich Innovationen wie eine Behörde organisieren lassen. Der Staat sollte zwar strategisch wichtige Technologiefelder identifizieren, Gelder bereitstellen und Ziele vorgeben. Sobald er aber versucht, die Innovationen selbst zu steuern, wird es teuer und funktioniert oft nicht. Dann entstehen nicht selten subventionsgetriebene Konglomerate, die am Bedarf der Märkte vorbeiproduzieren. In der Solarbranche lief das lange so. Moderne Innovationspolitik identifiziert wichtige Herausforderungen, setzt Ziele - überlässt die Suche nach der besten Lösung aber dem Wettstreit von Forschern und Firmen.
  3. Es gibt genug Geld. Das ist gleich doppelt falsch. Zwar investieren Risikoinvestoren weltweit Rekordsummen in Start-ups mit mehr oder weniger etablierten Geschäftsmodellen. Doch für die großen technologischen Durchbrüche ist zu wenig Geld da- insbesondere in Deutschland. Die Agentur für Sprunginnovationen hat ein Budget von einer Milliarde Euro für zehn Jahre. Die Harvard-Universität allein hat eine jährliche finanzielle Ausstattung von 1,9 Milliarden Dollar.
  4. Es reicht, mehr Geld bereitzustellen. Auch das funktioniert nicht. Die deutsche Politik muss stattdessen helfen, Netzwerke aufzubauen zwischen Wissenschaftlern und Investoren, CEOs und Forschern. Denn auf diesen Schnittstellen entstehen die großen Ideen von morgen. Dieser Netzwerk-Aspekt ist vielleicht der am meisten unterschätzte. Die Regierung von Taiwan konzentriert sich genau darauf. Um das eigene Hightech-Ökosystem zu stärken, verspricht sie Subventionen, wenn ausländische Chiphersteller Forschungslabore in Taiwan aufbauen. Ein solches Ökosystem, das haben die Taiwanesen im Silicon Valley beobachtet, zieht weitere Spitzenkräfte, Ideen und Innovationen an.
  5. Innovationen lassen sich von Ministerien organisieren. Sobald die Bundesregierung Innovationsthemen anschiebt und der Medienrummel verflogen ist, verheddern sich die Programme im Kompetenzwirrwarr und dem Ressortegoismus der einzelnen Ministerien und ihrer Abteilungen - ein Beispiel dafür sind die Initiativen rund um das Quanten-Computing. Deutschland braucht deshalb eine Umsetzungsagentur, die ministeriumsübergreifend relevante Innovationsprojekte auf die Straße bringt.

Unser Report zeigt anhand von Beispielen aus Großbritannien, Schweden und den USA, wie solche Innovationsagenturen funktionieren können – und welche Fehler es bei ihnen zu vermeiden gilt. Eine ähnliche Institution auch in Deutschland ans Laufen zu bringen wäre ein Wahlversprechen, an dem sich die nächste Bundeskanzlerin oder der nächste Bundeskanzler tatsächlich messen lassen müsste.

Mehr: Der Innovationscode – Wissenschaftler entschlüsseln, wie Erfindungen zu Erfolgen werden

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