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Kommentar Die Geldpolitik bewegt sich auf einem gefährlichen Kurs

Die Notenbanken suchen neue Wege und Alternativen in der Geldpolitik. Etwas wirklich Neues finden sie aber nicht. Das birgt politische Gefahren.
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Die Notenbanken drohen in eine Sackgasse zu geraten. Quelle: imago images / imagebroker
Geldpolitik

Die Notenbanken drohen in eine Sackgasse zu geraten.

(Foto: imago images / imagebroker)

In den USA gibt es bereits eine lebhafte Diskussion über neue Konzepte für die Geldpolitik. In Europa zeigen sich erste Ansätze dazu. Hintergrund ist, dass die Notenbanken trotz Mini- oder Minuszinsen und billionenschweren Anleihekäufen ihrem Ziel, die Inflation auf rund zwei Prozent zu erhöhen, kaum näherkommen.

Grundlegende ökonomische Zusammenhänge, etwa dass niedrige Arbeitslosigkeit zu steigenden Preisen führen sollte, sind kaum noch wahrzunehmen. Amerika und noch mehr Europa droht das Schicksal Japans mit niedrigem Wachstum, niedrigen Zinsen und in der Vergangenheit lange Zeit auch Deflation, also sinkenden Preisen.

Aber praktisch alle neuen Ideen laufen darauf hinaus, ungefähr dasselbe zu tun wie bisher – bloß noch mehr davon. So drohen die Notenbanken in eine Sackgasse zu geraten, in der sie immer aktiver werden und zugleich immer weniger damit erreichen. Das zeichnet sich jetzt schon ab.

Die einzige wirkliche Alternative wäre aber nicht eine andere Geldpolitik. Sondern sie würde darauf hinauslaufen, weitgehend auf eine gestaltende Geldpolitik zu verzichten. Theoretisch hätte das auf lange Sicht vielleicht sogar Vorteile, wobei man das „vielleicht“ gar nicht genug betonen kann.

Aber politisch ist Nichtstun spätestens in der nächsten wirtschaftlichen Krise keine Option mehr. Deswegen dürften die Notenbanken noch Jahre weiter in dieselbe Richtung laufen, bis sie vielleicht kapitulieren und den Regierungen die Rettung der Weltkonjunktur überlassen.

Abschaffung des Bargelds würde zu Protesten führen

Vor allem in den USA werden eine Menge Konzepte diskutiert. Zum Beispiel eine Erhöhung des Inflationsziels oder dessen Ersatz durch eine Spanne, etwa von zwei bis drei Prozent. Oder aber, statt eine jährliche Inflationszahl anzustreben, einen langfristigen Preistrend zu definieren, den man immer wieder einholen möchte, ein Konzept, das in der Öffentlichkeit kaum verständlich zu machen ist. In Europa werden dagegen heute schon Minuszinsen eingesetzt, und sie könnten noch tiefer sinken.

Einige theoretische Arbeiten gibt es bereits dazu, wie man durch Abschaffung des Bargelds Minuszinsen erleichtern könnte. Politisch dürfte das in fast allen Ländern keine Chance haben; in Deutschland, aber wahrscheinlich auch in den USA gäbe es einen Aufstand. Einige Experten finden auch das japanische Modell interessant, direkt niedrige Langfristzinsen als Ziel auszugeben und mit entsprechenden Anleihekäufen anzusteuern – das ist als „Kontrolle der Renditekurve“ bekannt.

Der Fantasie ist auch bei der Vergabe von Notenbankkrediten an Banken kaum eine Grenze gesetzt, und schließlich gibt es noch die Idee des „Hubschrauber-Gelds“, das die Notenbank direkt an die Bürger überweist.

Die Geldpolitik bewegt sich hier auf einem gefährlichen Kurs. Nicht, weil die bisherigen Entscheidungen der US-Notenbank (Fed) oder der Europäischen Zentralbank (EZB) falsch gewesen wären oder weil neue Konzepte unsinnig wären. Nach der Finanzkrise 2008 wäre die Weltwirtschaft ohne deren mitunter aggressiven Einsatz wahrscheinlich in eine Depression im Stil der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts abgerutscht.

Aber Dauerzinsen im Dauertief und tiefe Eingriffe in den Kapitalmarkt erzeugen bei den Bürgern das Gefühl, in einer verkehrten Welt zu leben. Vor allem dann, wenn die definierten Ziele doch kaum erreicht werden. Und wenn zu viele Menschen diese Art von Entfremdung spüren, kann das sehr gefährliche politische Konsequenzen haben.

Risiko Deflation

Der Versuch, mit Aufklärung dagegenzuwirken, ist lobenswert. Aber angesichts der Tatsache, dass zum Beispiel in Deutschland oft genug sogar Deutsche Bank und Bundesbank verwechselt werden, hat er auch seine Grenzen.

Doch was ist die Alternative? Ist in einer Welt mit alternder Bevölkerung und einem Überschuss an Spargeld der Weg in die Tiefzins-Sackgasse unausweichlich?

Letztlich bliebe nur, das Inflationsziel aufzugeben und sich allein für die Verhütung zu hoher Preissteigerungen zuständig zu fühlen. Vielleicht verhindert das unrentable, nur durch zu leichtes Geld ermöglichte Investitionen und hat langfristig positive Effekte. Aber eine solche Geldpolitik hieße auch, im Zweifel noch niedrigere Inflation oder ein Abrutschen in eine Deflation zuzulassen.

Deflation hat Nachteile, vor allem sind bei sinkenden Preisen Lohnanpassungen schwierig. Möglicherweise kann sich eine Volkswirtschaft zwar darauf einstellen. Nur: Was ist in der nächsten Krise? Retten dann die Regierungen durch kluge Struktur- und großzügige Finanzpolitik die Welt? Können verantwortungsvolle Notenbanker dann einfach stillhalten?

Eine Möglichkeit wäre auch, den bisherigen Kurs weiterzufahren, aber dabei vorsichtiger vorzugehen, also längere Zeit niedrige Inflation zu tolerieren. Das würde, grob gesprochen, den Vorstellungen der Bundesbank entsprechen. Aber auch das birgt Gefahren: Wenn die Inflationserwartungen abrutschen, sind sie schwer aufzuhalten. Der Mittelweg ist nicht immer golden. Notenbanker sind nicht zu beneiden.

Mehr: Kanadas Notenbank tut, was die US-Linke und Befürworter der Modern Monetary Theory fordern – sie finanziert direkt die Ausgaben der Regierung.

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