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Container im Hamburger Hafen

Jeder vierte deutsche Arbeitsplatz hängt am Export.

(Foto: dpa)

Kommentar Die große Stärke der deutschen Wirtschaft wird zur Schwäche

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Abwärtsspirale. Ausgerechnet die Exportindustrie dämpft das Wachstum. Die Bundesregierung muss handeln.
2 Kommentare

Handelskriege? Brexit? Aufstieg von Nationalpopulisten in europäische Regierungen? In den ersten beiden Jahren nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump beherrschten globale Krisenherde die Schlagzeilen, verbunden vor allem mit der Zunahme von Konflikten innerhalb der westlichen Industriegesellschaften.

In der wirtschaftlichen Realität der Bundesrepublik schlug sich dies jedoch sehr lange kaum nieder: Soll Trump doch tweeten, die deutsche Industrie exportiert unaufhaltsam weiter, maximal gibt es kurzzeitig eine kleine Wachstumsdelle. So schien es.

Inzwischen allerdings künden so viele Konjunkturindikatoren so stark von Abkühlung, dass im Bundeswirtschaftsministerium eine Rezession zu den möglichen Szenarien gezählt werden sollte. Das Szenario, das die führenden Konjunkturinstitute in ihren Frühjahrsprognosen zeichneten, wirkt jedenfalls schon im Monat danach zu optimistisch.

Es kündete von Wachstumsraten zwischen 0,5 und einem Prozent in diesem und einer recht kräftigen Erholung mit 1,5 bis 1,8 Prozent im nächsten Jahr. Dazu passen die jüngsten schwachen Zahlen aus Export und Industrieproduktion nicht mehr.

Dass am Montag das Statistische Bundesamt für Februar einen Exportrückgang von 1,3 Prozent gegenüber Januar meldete, wäre allein noch kein Drama, weil Monatszahlen immer mal wieder schwanken. Minuszeichen standen aber auch vor den Auftragseingängen und der Produktion der Industrie; auch die Importe gingen zurück.

Bedenklich zudem: Der Markit-Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie, ein wichtiger Frühindikator für die künftige Auftragsentwicklung, lag zuletzt deutlich unter der Wachstumsschwelle.

Seit dem vergangenen Sommer fehlen aus den Exportbranchen also die nachhaltig guten Nachrichten. Die große Stärke der deutschen Wirtschaft, die exportstarke Industrie, wird zur Schwäche. Wie lange, so lautet die entscheidende Frage, kann die Binnenkonjunktur einer Industrierezession trotzen?

Seit Monaten zeigt sich der inländische Teil der Wirtschaft so stark wie nie seit der Wiedervereinigung. Die Bauwirtschaft boomt und dürfte dies dank niedriger Zinsen wohl noch eine Weile weiter tun. Die Dienstleistungsbranchen spüren weiter Aufwind. Auch der Einzelhandel bleibt optimistisch. Die Zahl der Arbeitsplätze nimmt weiterhin zu, und das, obwohl sie seit Jahren von einem Rekord zum nächsten geeilt ist.

Die Löhne und damit die Kaufkraft stiegen zuletzt. Im Mittelstand, anders als in den Dax-Konzernen, überwiegt immer noch der Optimismus. Ist die Wirtschaft insgesamt also gar nicht mehr so exportabhängig wie in früheren Zeiten?

Klar ist: Wegen der Fast-Vollbeschäftigung in vielen Branchen ist die Binnenwirtschaft robuster, als sie es in früheren Konjunkturzyklen war. Dass sie völlig immun gegenüber der Weltwirtschaft wäre, ist jedoch eine Illusion. Jeder vierte deutsche Arbeitsplatz hängt am Export.

Sollte es zu Entlassungswellen in der Industrie kommen, wird das den Konsum treffen, den Einzelhandel, Gast- und Hotelgewerbe. Sehr schnell dürfte bei steigenden Arbeitslosenzahlen dann auch die Binnenwirtschaft in den Abwärtssog geraten.

„Die deutsche Industrie befindet sich in einer Rezession“

Leider spricht in diesem Frühjahr mehr für eine stärkere Exportabkühlung als für eine baldige Erholung. Die Welthandelsorganisation WTO erwartet zwar eine Zunahme des weltweiten Austauschs von Gütern und Dienstleistungen, aber diese schwächt sich ab. Trumps Protektionismus entfaltet mit Verspätung seine Wirkung – weltweit. Die internationalen Organisationen OECD und IWF warnen vor sinkenden Wachstumsraten. Im gesamten EU-Binnenmarkt lässt die Dynamik nach.

Und dass China seinen Markt weiter öffnen könnte, ist bisher auch nicht mehr als ein vager Hoffnungswert: Gerade bei den deutschen Erfolgsprodukten Autos und Maschinen setzt das Land in seiner langfristig angelegten Strategie darauf, Importe durch Produkte „made in China“ zu ersetzen.

Schnelle Erholung der Exportindustrie unwahrscheinlich

Das alles spricht nicht für eine schnelle Erholung der Exportindustrie. Bei allgemeiner weltweiter Abkühlung fehlen ihr kauffreudige Kunden. Die Wahrscheinlichkeit für weitere Korrekturen der Wachstumserwartungen nach unten ist daher hoch.

Politische Erschütterungen können sich in dieser Lage stärker auswirken als in stabileren Zeiten. Zum Beispiel der Brexit. Im Boomjahr 2017 hätte die deutsche Wirtschaft einen No-Deal-Brexit wohl verschmerzen können: Die ganze Welt kaufte damals ja in Deutschland, man hätte dann eben mehr woandershin geliefert. Jetzt fehlen die Ersatzkunden. Die Gefahr wächst, dass Deutschland bei einem No-Deal in die Rezession stürzt.

Andersherum könnte ein geregeltes Austrittsszenario die Stimmung in Europas Wirtschaft so weit verbessern, dass zumindest der EU-Binnenmarkthandel neuen Schwung bekommt. Es ist deshalb richtig, dass Kanzlerin Angela Merkel für einen geregelten Brexit kämpft. Und darüber hinaus für eine starke EU.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Die große Stärke der deutschen Wirtschaft wird zur Schwäche"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrte Frau Riedel,

    ein echt philosophischer Artikel, den man aber nur mit Philosophie beantworten kann. Eines scheint mir unbestreitbar: Unsere Wirtschaft lebt vom Verkauf, an irgend jemanden muß sie ihre Maschinen, Autos, usw. verkaufen. Und von diesem Käufer ist sie dann abhängig. Eine Abhängigkeit ist somit ganz unvermeidbar.

    Nun können wir lange streiten, vom wem wir am liebsten abhängig wären. Thema wären dann unsere persönlichen Vorlieben. Aber unsere schönsten Vorlieben nützen wenig, weil die Kaufentscheidungen eben andere Menschen treffen.

    Und unsere Auslandsabhängigkeit? Wer Kunden in rund 200 Ländern beliefert, hat beim Absatz nach Ländern eine große Streuung. Eine breite Streuung, die sehr viele strukturelle Risiken abfedert und deshalb unendlich wertvoll ist. Aber einen Schutz vor den konjunkturellen Wellenbewegungen bietet auch diese breite Streuung nicht. In der Regel verlaufen die Auf- und Abwärtsbewegungen der wirtschaftlichen Aktivitäten in den Industrieländern synchron.

  • Um so mehr wird es Zeit, die Zeichen zu erkennen. Weniger Bürokratie, Vereinfachung des Steuersystems, Modernisierung des Bildungs Systems, Entpolitisierung und Auflösung des Irrglaubens an sozialistische, zentralistische Lösungen (a la Altmaier). Wenn sogar der "Wirtschaftsminister" nicht begreift, wie freie Wirtschaft funktioniert, und auf Planwirtschaft umsteuern will: Puh, das ist das eigentliche Problem.