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Kommentar Die Gründerszene in Deutschland ist gespalten

Einerseits florieren Start-ups in den Metropolen, andererseits scheuen die Deutschen das Risiko. Diese gegensätzliche Entwicklung hat ihre Gründe.
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Der Zugang zu Fördermitteln ist besser geworden. Quelle: dpa
Deutsche Start-ups auf Investorensuche

Der Zugang zu Fördermitteln ist besser geworden.

(Foto: dpa)

Wie steht es um das Gründerland Deutschland? Zwei Perspektiven, zwei Antworten. Die erste lautet: hervorragend. Die Gründerszene hat Berlin aus der Nachwendedepression herausgeholt. Auch in München, Hamburg und Köln blüht das Gründerleben. Junge Unternehmen haben in den vergangenen Monaten mehrfach dreistellige Millionensummen bei Investoren eingesammelt, Gründungen wie Flixbus und Zalando wollen Europa, am besten die ganze Welt erreichen.

Die zweite Antwort lautet: miserabel. Die Statistiker verzeichnen seit Jahren sinkende Gründerzahlen. Nach einer aktuellen Studie der Förderbank KfW träumen so wenige Menschen in Deutschland wie noch nie von der Selbstständigkeit.

Wie gehen diese beiden so widersprüchlichen Perspektiven zusammen? Tatsächlich sind beide Ergebnis des langjährigen Wirtschaftsaufschwungs, der seinen Zenit erreicht hat. Denn Gründer ist nicht gleich Gründer. Daher greifen einfache Antworten, mit denen Politik, Verbände und Risikokapitalgeber schnell zur Hand sind, zu kurz.

Klar, in Deutschland ist das Gründen eine komplizierte Sache. Schon die Gewerbeanmeldung macht wenig Spaß, dazu kommen zahllose Regeln. Berater und Coaches verdienen gut an Gründern. Doch letztlich hält dieser im Vergleich zur eigentlichen Gründungsarbeit doch recht geringe Aufwand Menschen mit echtem Unternehmergeist ebenso wenig von ihrem Plan ab, wie Wartezeiten auf dem Passamt Menschen vom Auslandsurlaub abschrecken.

Auch mangelnde finanzielle Förderung ist nicht das Kernproblem: Zum einen hat sich das Bild durch diverse Förderprogramme vom Exist-Gründerstipendium bis zu den Förderbanken der Länder seit der Jahrtausendwende deutlich verbessert. Zum anderen sollte eine erfolgreiche Geschäftsidee sowieso nicht von Fördergeld abhängen.

Nein, die deutsche Gründerlandschaft ist zweigeteilt. Die blühende Start-up-Szene der Metropolen verdankt ihre Existenz einer renditegetriebenen Gründerindustrie, die inzwischen ein funktionierendes Ökosystem aufgebaut hat. Typische Gründer sind dabei Absolventen von Gründer-Hochschulen wie der WHU und die jungen Alumnis der Wirtschaftsberatungen.

Sie treffen auf ein inzwischen hochprofessionelles Netz von Anschubinvestoren, Business-Angels und Risikokapitalgebern. Diese finden auch in Deutschland risikobereite Kapitalanleger, wie etwa zuletzt die 350 Millionen Euro zeigten, die der Berliner Fonds eVentures vor allem bei Familienunternehmern eingesammelt hat.

Mit Anerkennung tut sich Deutschland schwer

Dieser hochprofessionellen Szene mit Akteuren wie eVenture, Rocket Internet und anderen gehen die Gründer, die sie auf Projekte setzen kann, nicht aus. Allerdings ist es ein spezieller Typus Gründer, der Seriengründer: Ihm geht es häufig vor allem als eine Art Gründungsingenieur darum, Wert für die Risikokapitalgeber zu schaffen – und sei es durch einen schnellen Verkauf des Unternehmens.

Dass dabei oft ausländische Investoren zum Zuge kommen, wird häufig kritisiert. Dabei zeigt das die steigende Attraktivität des Investitionsstandorts Deutschland. Andere Länder würden sich dafür feiern. Doch mit dieser Art Anerkennung tut sich Deutschland schwer.

eVenture-Partner Christian Miele schlug diese Woche bei Twitter Alarm, erfolgreiche Gründer drohten mit der Abwanderung, weil in Deutschland zu viel reguliert werde. Im Kern geht es bei der Klage um die kulturelle Frage, wie viel Wertschätzung Gründern entgegenschlägt: Heißt der Staat, heißt die Gesellschaft sie willkommen, oder schlägt den Selbstständigen vor allem Skepsis entgegen? Als Spross der Waschmaschinen-Dynastie kennt Miele Vorbehalte gegen Unternehmer. Leitbild der Mehrheit der Bevölkerung dürfte heute eher der angestellte Klinikchefarzt sein – nicht aber der unabhängige Unternehmer.

Entsprechend bekennen viele Menschen in der KfW-Studie ihre Gründungsmüdigkeit. Das trifft die zweite Art der Gründungen, die klassischen Selbstständigen, die sich etwas aufbauen wollen: Handwerker, Ladenbetreiber, Gastronomen. Hier schlägt sich auch die gute Arbeitsmarktlage nieder.

Für viele Menschen ist ein Leben als Angestellter bequemer: Die Unternehmen umwerben derzeit Mitarbeiter mit familienfreundlichen Arbeitszeiten und höheren Gehältern. Gründer hingegen arbeiten lang und zahlen vergleichsweise viel für die Krankenversicherung. Und der Erfolg ist keineswegs garantiert.

Noch ist der Rückgang der klassischen Gründungen kein Problem – denn im Gegenzug fällt es den Unternehmen leichter, die dringend benötigten qualifizierten Mitarbeiter zu finden. Im absehbaren Abschwung jedoch fehlen die Impulse, die Gründer geben. Die von den Risikokapitalgebern befeuerte Start-up-Szene allein reicht nicht aus. Deutschland braucht Gründer überall, auch auf dem Land, auch in grundsoliden Bereichen wie dem klassischen Handwerk. Die Gründermüdigkeit ist ein Alarmzeichen – allerdings kein Grund zur Panik.

Mehr: Der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit geht laut einer Erhebung der KfW zurück: Nur noch ein Viertel der Deutschen kann sich vorstellen, eine eigene Firma zu gründen.

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