Kommentar Die Konkurrenz belächelt Googles neue Ideen – und genau das wird ihr zum Verhängnis

Google hat sich seine Marktmacht mit Innovationen verdient. Andere Unternehmen sollten kreativ werden, statt nach dem Gesetzgeber zu rufen, wenn es zu spät ist.
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Der Google-Chef hat sein Image als Problemlöser gefestigt. Quelle: AP
Sundar Pichai

Der Google-Chef hat sein Image als Problemlöser gefestigt.

(Foto: AP)

San FranciscoWer nach einem Ratschlag für Digitalisierung sucht, sollte bei „Alice im Wunderland“ nachlesen. In dem Romanklassiker von Lewis Carroll über eine Reise durch den Kaninchenbau erfährt das Mädchen Alice von der Roten Königin: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“

Übersetzt in die digitale Wirtschaft bedeutet das: Nur jenes Unternehmen hält den Status quo, das sich in höchster Geschwindigkeit permanent weiterentwickelt, die eigene Evolution mit aller Macht vorantreibt, egal, was es kostet. Kein Unternehmen verinnerlichte das Überlebenstraining so wie die Google-Mutter.

Bei Alphabet ist das Bootcamp ein Dauerzustand. Als Suchmaschinenanbieter geboren, setzte die Firma später die Standards für das mobile Zeitalter. Inzwischen dreht sich alles um künstliche Intelligenz. Nebenher treibt Alphabet mit seinen anderen Sparten permanent neue Zukunftsgeschäfte voran, investiert in autonome Autos, Genforschung oder Glasfaserausbau, will entlegene Gegenden der Welt per Ballon mit einer Internetverbindung versorgen.

Auf den ersten Blick wirken sie absurd, diese Ideen, die Alphabet die „anderen Wetten“ nennt. Traditionelle Hersteller belächeln sie gern – genau darin liegt ihr Fehler: Sie haben Google allzu oft unterschätzt.

Das Unternehmen besitzt ein Gespür für die Zukunft und setzt, da die traditionellen Industrien die Trends von morgen verschlafen, dann einfach selbst die Standards. Heute ist es das Geschäft mit der Suchmaschinenwerbung, morgen vielleicht das Roboterauto. Unnachgiebig entwickelt sich Alphabet weiter. Das nächste Etappenziel hat der Konzern bereits ausgemacht.

Im Zukunftsgeschäft mit smarten Assistenten liegt der Onlinehändler Amazon derzeit noch vorn. Doch angesichts der Stärke von Google bei Maschinenintelligenz, dem Treibstoff für solche elektronischen Assistenten, dürfte es bald eng werden für Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Googles Lauf hält kaum noch einer auf. Selbst EU-Kommissarin Margrethe Vestager kann den Konzern aus Mountain View nicht schocken. Die Rekordbuße aus Europa in Höhe von 5,07 Milliarden Dollar schmälert zwar Alphabets aktuellen Nettogewinn, doch die Umsätze aus dem einträglichen Werbegeschäft wachsen einfach weiter. Die Wall Street setzt auf Google statt auf Wettbewerbsstrafen. Die Alphabet-Aktie kletterte in die Höhe.

Klar ist: Nutzt ein Unternehmen seine Position aus, um Wettbewerber vom Markt zu drängen und Innovation zu behindern, ist der Gesetzgeber gefragt. So sieht es im aktuellen Fall die europäische Wettbewerbskommission beim mobilen Betriebssystem Android. Doch wahr ist auch, dass Google sich vielfach mit richtigen Ideen seine aktuelle Marktmacht verdient hat, während die anderen einfach warteten, statt selbst loszurennen.

In die Google-Schwester Waymo etwa hat die Holding seit 2009 vermutlich Milliarden investiert. Von den ersten Tests der Fahrroboter in der Mojave-Wüste bis hin zu dem eleganten autonomen Service, den Chef John Krafcik ab Ende des Jahres amerikaweit ausbauen will, war es ein weiter Weg. Und wie lange wurde das erste selbstfahrende Auto, die kugelige Knutschkugel „Firefly“ von der traditionellen Autoindustrie belächelt.

Inzwischen fährt Waymo Daimler, BMW und Co. davon. Klar, die „anderen Wetten“ kosten den Konzern viel Geld. Allein vergangenes Quartal lagen die Verluste der Risikoprojekte bei 732 Millionen Dollar, bei einem Umsatz von 145 Millionen Dollar. Um das wieder einzuspielen, muss Google ganz schön schnell laufen.

Nicht immer zeigt sich sofort, ob der Kraftakt überhaupt nutzt. „Fiber“ zum Beispiel, ein experimentelles Projekt zum Aufbau eines Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetzes, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Im August 2016 musste die Einheit die Hälfte der Mitarbeiter entlassen, weil die Kosten explodierten. Die Biowissenschaftsfirma Verily behauptet sich in einem streng regulierten Gesundheitsmarkt, kommt bislang nicht ohne Partnerschaften mit etablierten Pharmagrößen aus.

Die riskanten Wetten dürften auf absehbare Zeit kein Geld einbringen. Doch sie sichern Alphabets Zukunft. Bei den autonomen Fahrzeugen oder im Wachstumsmarkt digitale Gesundheit könnte Google schon bald eine ähnliche Dominanz entwickeln wie heute bei den mobilen Betriebssystemen oder im Suchmaschinengeschäft.

Zwar verliert das Unternehmen auch mal eine Wette. Die Träger der Datenbrille Google Glass wurden lange als „Glassholes“ beschimpft, die Alphabet-Führung kassierte das Projekt. Doch selbst davon hat sich der Konzern inzwischen erholt. Glass kehrte als Anwendung für die Industrie zurück.

Der evolutionäre Wettlauf geht weiter. Statt einfach zu warten und nach dem Gesetzgeber zu rufen, wenn es zu spät ist, sollten die Unternehmen lieber dem Rat der irren Königin bei Lewis Carroll folgen – und schleunigst selbst loslaufen.

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