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Kommentar Die Krise der Pauschalreise reicht viel tiefer als Thomas Cook

Die Thomas-Cook-Pleite hat die Tourismusindustrie in die Sinnkrise gestürzt. Ob die Branche sich von diesem Schlag erholen wird, ist äußerst fraglich.
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Thomas-Cook-Pleite: Die Krise der Pauschalreise reicht tiefer Quelle: dpa
Urlauber am Strand von El Arenal auf Mallorca

Wer aus dem Katalog bucht, bucht nicht selten die Massenabfertigung gleich mit.

(Foto: dpa)

Die Pleite von Thomas Cook quittierten Tui-Aktionäre vor zwei Wochen mit unübersehbarer Freude. Um mehr als zehn Prozent ging es für die Tui-Aktie, die in den vergangenen Monaten einen schweren Durchhänger hatte, kräftig nach oben. Der Ausfall des Branchenzweiten Thomas Cook, so das Kalkül der Anleger, könnte nun für die ersehnte Konsolidierung in der Reisebranche sorgen – und die Rendite endlich wieder nach oben treiben. 

Am Ende dürften sich die Tui-Eigner täuschen. Schon jetzt zeichnet sich ab: Die Insolvenz von Thomas Cook wird nicht die letzte unter den Urlaubsveranstaltern sein – vor einer Woche rutschte mit Tour Vital der nächste Veranstalter in die Pleite. Den Niedergang der Pauschalreise wird die Marktbereinigung nicht stoppen.

Branchenverbände wie der Deutsche Reiseverband (DRV) freuten sich zuletzt darüber, dass die Erlöse der Veranstalter 2018 um sieben Prozent auf stattliche 36 Milliarden Euro nach oben zogen. Das verschleiert allerdings die Misere. Auch der Marktanteil von 53 Prozent, den die Pauschalreisen im Urlaubsgeschäft auf sich ziehen, ist trügerisch.

So erlöste Marktführer Tui im abgelaufenen Geschäftsjahr zwar pro Urlauber im Pauschalreisegeschäft 809,50 Euro, davon aber blieben ihm als Betriebsergebnis nur 21,50 Euro übrig – wovon das Unternehmen dann auch noch Zinsen, Steuern und Abschreibungen zu begleichen hatte.

Verdient wird bei den Reiseveranstaltern erschreckend wenig. Fast einem Geldwechsler gleicht Deutschlands größter familiengeführter Reisekonzern, die FTI Group in München. Von jedem 100-Euro-Schein, den das Unternehmen kassierte, blieben als Gewinn genau elf Cent übrig.

Ein riskantes Spiel. Viele Pauschalangebote scheinen derart auf Kante genäht, dass schon überraschende Wirren in Urlaubsgebieten die Schnäppchen in Verlustbringer verwandeln. Das Handelsgeschäft mit Flugkapazitäten und Hotelkontingenten wird so zum existenzbedrohenden Roulette.

Zu sehen war das vor drei Jahren in der Türkei, wo sich nach dem gescheiterten Militärputsch eingekaufte Flug- und Hotelkapazitäten in Ladenhüter verwandelten – und Veranstalter wie JT Touristik oder den Reiseunternehmer Vural Öger in den Ruin trieben. Oder in diesem Sommer in Spanien, das zum Leidwesen der Veranstalter unter dem wiederentdeckten Reiseziel Türkei litt. Zu Dumpingpreisen gingen die Kapazitäten an die Urlauber – Tui sah sich zu einer Gewinnwarnung genötigt.

Ein solch unvorhergesehenes Ereignis – und womöglich ein viel schlimmeres als die Türkeikrise oder die Spanienflaute – trifft die Branche nun in Form eines rapiden Vertrauensverlusts, verursacht durch die Pleite von Thomas Cook.

Fast 600.000 deutsche Urlauber mussten in den vergangenen Wochen entsetzt feststellen, dass sich ihre als sicher geglaubte Anzahlung an die Reisepioniere Thomas Cook und Neckermann in nichts auflöste. Über Nacht verlor die Pauschalreise ihr zentrales Verkaufsargument: die finanzielle Absicherung. Ob die Branche sich in absehbarer Zeit von diesem Schlag erholen wird, ist äußerst fraglich.

Die Veranstalter verlieren ihre letzte Bastion

Dabei steckte die Pauschalreise schon vor der Thomas-Cook-Pleite weitaus tiefer in der Krise, als die Reiseindustrie es wahrhaben wollte. Denn als begehrte und prestigeträchtigste Form des Reisens taugen Urlaubspakete immer weniger. Wer aus dem Katalog bucht, bucht nicht selten die Massenabfertigung gleich mit. Feste Essenszeiten in den Hotels, Büffetzwang und Animation am Pool sind längst nicht mehr jedermanns Sache.

Wer pauschal verreist, klagt häufig über mangelnde Privatsphäre oder fehlende Selbstbestimmtheit am Urlaubsort. Allein die höhere Rechtssicherheit der Urlauber, die im Paket buchen, wog solche Bedenken bisweilen noch auf.

Nachdem die Käseglocke, die der Gesetzgeber 1994 mit der Insolvenzabsicherung über die Pauschalreise stülpte, augenscheinlich brüchiger ist als gedacht, verlieren die Veranstalter ihre letzte Bastion. Womöglich laufen viele nun sogar in eine Falle.

Versuchen sie jetzt, die Billigkonkurrenz vom Schlage Easyjet, Booking.com und Co. über den Preis zu attackieren, ist ihr Ende besiegelt. Um gegen die Lockangebote von Ryanair oder Airbnb anzukommen, müssten sie auf weitere Marge verzichten – und würden damit wohl am Ende dem unrühmlichen Beispiel von Thomas Cook folgen.

Chancen im Markt winken nur noch jenen Reisefirmen, die sich neu erfinden. Vorbild könnte Marktführer Tui sein, der sein Geld – statt ins traditionelle Handelsgeschäft mit Pauschalpaketen – seit Längerem schon in eigene Hotels, Kreuzfahrtschiffe und Urlaubsattraktionen steckt. Ein vergleichbares Geschäftsmodell verfolgt auch Alltours.

Nach der Thomas-Cook-Pleite ist nun aber Eile geboten. Die Reisenden werden sich neu orientieren. Touristikanbietern, die zu lange zögern, könnte am Ende das nötige Geld für den Umbau fehlen.

Mehr: Bestimmten Pauschalreisen, die bis Ende Oktober gebucht werden, droht eine Unterversicherung. Was das mit der Pleite von Thomas Cook zu tun hat.

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