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Facebook-Zentrale in Menlo Park

Das datengetriebene Geschäftsmodell der Internetplattformen steht genauso auf dem Prüfstand wie der libertäre Glaube der Tech-Pioniere, alles besser zu können als der Staat.

(Foto: imago/xim.gs)

Kommentar Die Krise der Tech-Giganten ist Europas vielleicht letzte Chance

Nicht nur Facebook hat sich in diesem Jahr entzaubert. Konkurrenten aus Europa haben nun Gelegenheit, mit ihren Stärken zu punkten.
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Das Jahr 2018 wird den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley in schlechter Erinnerung bleiben. Wurden die Morgen-Macher aus dem Tal der Zukunft lange Zeit als Heilsbringer des technischen Fortschritts vergöttert, haben sie sich durch Datenlecks, politische Blauäugigkeit und missratenes Krisenmanagement entzaubert.

Die Misere hat mit Facebook einen prominenten Namen, reicht jedoch weit darüber hinaus. Das datengetriebene Geschäftsmodell der Internetplattformen steht genauso auf dem Prüfstand wie der libertäre Glaube der Tech-Pioniere, alles besser zu können als der Staat.

All das hat zu einem massiven Vertrauensverlust in der Bevölkerung und zu wachsendem Misstrauen bei den staatlichen Aufsehern der digitalen Wirtschaft geführt. Der naive Glaube, dass technischer Fortschritt immer auch einen Fortschritt für Gesellschaft und Wirtschaft bedeutet, ist schwer erschüttert. So schwer, dass zum Ende des Jahres sogar die Börsianer Zweifel bekommen und die Tech-Aktien nach einem langen Höhenflug auf Talfahrt schicken.

Die Krise der amerikanischen Goliaths könnte zur vielleicht letzten Chance der europäischen Davids werden. Die bisherige Behäbigkeit der Europäer bei der Entwicklung digitaler Technologien wird zwar zu Recht kritisiert. Das oft vorsichtige Vorantasten hat jedoch dazu beigetragen, dass die Debatte über die Spielregeln der digitalen Wirtschaft hierzulande viel weiter vorangeschritten ist als in den USA.

Es ist schon bemerkenswert, dass Apple-Chef Tim Cook und Microsoft-Boss Satya Nadella die europäische Datenschutz-Grundverordnung ihrer eigenen Regierung in Washington zur Nachahmung empfehlen. Microsoft fordert darüber hinaus internationale Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz.

Verbindung zwischen Staat und Wirtschaft könnte Europa helfen

Diese Einsicht kommt nicht zufällig. Einige der wichtigsten Wachstumsbranchen für den Einsatz digitaler Technologien gehören zu den am stärksten regulierten Sektoren einer modernen Volkswirtschaft. Das gilt für die Schlüsselindustrien Energie und Transport wie für das Gesundheits- und Bildungswesen. Wer hier Geschäfte machen will, ist auf einen engen Kontakt und ein gutes Zusammenspiel mit den Aufsichtsbehörden angewiesen.

Das ist bislang nicht unbedingt die Stärke der amerikanischen Tech-Giganten, die noch bis vor Kurzem den Staat am liebsten abschaffen wollten und glaubten, ein Monopol auf die Zukunft zu haben. Die gemischtwirtschaftliche Tradition zwischen Staat und Privatwirtschaft ist in Europa viel stärker ausgeprägt, was sich jetzt bei der Digitalisierung des öffentlichen Sektors als Startvorteil erweisen könnte.

Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Accenture gibt es in Europa inzwischen mehr als 2 000 sogenannter GovTech-Start-ups, die mit ihren Ideen öffentliche Dienstleistungen digitalisieren wollen. Die meisten davon finden sich in Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Rund 22 Milliarden Euro geben die Regierungen in Europa jedes Jahr aus, um ihre Angebote an die Bürger technologisch aufzurüsten.

Der Markt ist da, die Ideen sind da – was fehlt, ist das Risikokapital für eine schnelle Expansion. Die digitale Revolution zeigt, dass oft nicht der Erfinder die Früchte seiner Ideen erntet, sondern derjenige, der daraus innerhalb kürzester Zeit mithilfe von Skalenerträgen ein Big Business macht. „Blitzscaling“ heißt das Zauber- und Modewort dafür, das von Reid Hoffman, dem Mitbegründer des sozialen Netzwerks LinkedIn, geprägt wurde. Die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley sind Meister darin.

Balance ist nötig

Wollen die Europäer bei der Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen ihren Startvorteil nutzen, müssen sie ihren Ambitionen Taten folgen lassen. Andernfalls werden die Konzerne aus den USA und künftig vielleicht auch aus China diesen lukrativen Markt unter sich aufteilen.

Für Europa öffnet sich 2019 ein Zeitfenster, um gegenüber den übermächtigen Konkurrenten aufzuholen. Stand 2018 ganz im Zeichen des sogenannten „Techlashs“, also des Aufstands gegen Facebook, Google und Co., wird es im kommenden Jahr vor allem darum gehen, eine neue Balance zwischen der unbändigen Innovationskraft der Hightech-Industrie und dem Wunsch der Bürger nach öffentlichen Regeln für die digitale Welt zu finden. Sei es beim Schutz der Privatsphäre, beim Schutz vor politischer Propaganda oder beim Wunsch nach Steuergerechtigkeit.

Die Tech-Konzerne aus dem Tal der Zukunft sind nach den Skandalen 2018 auf ein normales Maß geschrumpft. Wenn selbst der britische Thronfolger Prinz William öffentlich beklagt, dass die Profitgier vieler Technologiefirmen jene Werte untergräbt, die sie einst groß gemacht haben, dann ist Gefahr im Verzug.

In den USA sucht die Branche darauf noch die richtige Antwort. Wie schwer sie sich dabei tut, zeigt gerade Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der offenbar die „Connection“ zu seinen skeptischer gewordenen Kunden verloren hat. Europa hat es jetzt in der Hand, aus der Identitätskrise der Amerikaner eine Chance zu machen.

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