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Kommentar Die lokale Produktion ist nicht nur für Siemens eine Chance

Siemens verabschiedet sich offiziell vom Leitbild der Globalisierung. Der Münchener Industriekonzern will stattdessen die lokale Fertigung verstärken.
20.10.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Das weltgrößte Containerschiff „HMM Algeciras “ läuft auf seiner Jungfernfahrt in den Hamburger Hafen ein. Die globalen Lieferketten werden jedoch kürzer. Quelle: dpa
Containerschiff im Hamburger Hafen

Das weltgrößte Containerschiff „HMM Algeciras läuft auf seiner Jungfernfahrt in den Hamburger Hafen ein. Die globalen Lieferketten werden jedoch kürzer.

(Foto: dpa)

Es ist nur ein halbes Wort, das Siemens in seiner Konzernstrategie verändert hat. Doch dahinter steht ein anderer Blick auf die Welt. Zu den Megatrends, von denen der Technologiekonzern profieren wollte, gehörte bislang die Globalisierung. Nun ist stattdessen von der „Glocalization“ die Rede. Hinter dem Kunstbegriff steht die richtige Erkenntnis, dass die Globalisierung derzeit eher auf dem Rückzug ist.

Das betrifft vor allem die Lieferketten der großen Konzerne, die seit den Neunzigerjahren immer verzweigter und damit anfälliger geworden waren: Die Schraube aus China, die Mutter dazu aus Vietnam, beides zusammengedreht in Mexiko und verpackt in einem Pappkarton made in Sweden – dieses Modell funktionierte prächtig, solange die Grenzen offen waren und die Warenströme ungehindert fließen konnten. Konzerne kauften Vorprodukte und Arbeitsleistungen weltweit dort ein, wo Preis und Leistung stimmten. Gerade die deutsche Industrie konnte so an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

Nicht erst durch Corona ist dieses Modell anfällig geworden. Jede Störung durch Seuchen, Naturkatastrophen, Streiks oder Unruhen irgendwo in der Lieferkette kann die komplette Produktion lahmlegen. Hinzu kommt die Welle des Protektionismus, die in den vergangenen Jahren um den Globus geschwappt ist. Um im Bild zu bleiben: Eine kleine Veränderung in den Zollbestimmungen für chinesische Schrauben oder schwedische Pappkartons kann aus einem hocheffizienten Produktionsnetzwerk plötzlich eines machen, das nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Aus Sicht eines Unternehmens wie Siemens gibt es darauf nur eine richtige Reaktion: Neben der Effizienz der eigenen Lieferkette muss künftig verstärkt deren Resilienz in den Blick genommen werden. Die Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks ist in unruhigen Zeiten wichtiger als der letzte Zehntelcent Preisvorteil bei den Herstellungskosten. In der Praxis bedeutet das oft, dass Produkte wieder verstärkt in jenem Wirtschaftsraum produziert werden, in dem sie auch verkauft werden sollen - auch wenn Lohnkosten oder sonstige Standortbedingungen dort nicht optimal sind. Die Globalisierung wird ein Stück weit zurückgedreht.

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    Gerade für die deutsche Industrie können sich aus dem Trend zur „Glokalisierung“ sogar neue Geschäftsmodelle ergeben. Wenn ein Unternehmen nicht mehr dort produzieren kann, wo Arbeit am billigsten ist, werden Lösungen für die automatisierte und digitalisierte Fertigung wichtiger. Ein Feld, auf dem deutsche Maschinen- und Anlagenbauer viel zu bieten haben.

    Neue Chancen für deutschen Maschinenbauer

    Für die Gesamtwirtschaft ist der Trend Chance und Bedrohung zugleich. Eine Chance deshalb, weil sich nun womöglich einige Fehlentwicklungen korrigieren lassen, die die Globalisierung in den vergangenen Jahrzehnten mit sich gebracht hat. Und eine Bedrohung, weil die gewaltigen Wohlstandsgewinne auf dem Spiel stehen, die die Globalisierung nahezu allen beteiligten Volkswirtschaften beschert hat.

    Es wird ja gerne vergessen: Nicht staatliche Entwicklungshilfe hat im globalen Süden Hunderte Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit, sondern die Globalisierung. Dank ihr gab es plötzlich in Entwicklungs- und Schwellenländern genug Jobs, um eine neue globale Mittelschicht heranwachsen zu lassen. Zu ihr gehören die Fabrikarbeiterin in Marokko, der philippinische Seemann auf einem Containerfrachter oder auch der Blumenzüchter in Kenia, der seine Rosen plötzlich in deutschen Supermärkten verkaufen konnte. Die Einkommen dieser Menschen mögen für deutsche Verhältnisse noch immer bescheiden anmuten, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen hart.

    Doch das ändert nichts daran: Für diese Klientel war die Globalisierung ein Aufstiegsversprechen. Und auch die Industriestaaten haben in Summe von der Globalisierung profitiert, vor allem durch günstige Produkte und viele Jahre inflationsfreies Wachstum. In kaum einem Industriestaat ist es hingegen gelungen, die Verlierer der Globalisierung - das waren vor allem gering qualifizierte Arbeitskräfte - für ihre Verluste angemessen zu entschädigen.

    Womit wir bei den Fehlentwicklungen der Globalisierung wären, die sich durch den Trend zur „Glocalization“ im besten Fall korrigieren lassen. Vor allem muss es darum gehen, die wahren sozialen und ökologischen Kosten einer weltumspannenden Produktion besser in die Kalkulation miteinzubeziehen, sie zu „internalisieren“, wie es Ökonomen nennen.

    Würden etwa die Klimaschäden, die Containerschiffe und Frachtflugzeuge verursachen, in vollem Umfang auf die Transportkosten aufgeschlagen, wären viele Lieferketten deutlich regionaler geknüpft. Und hätten Arbeiter in allen Ländern das gleiche Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren, hätten sich auch die weltweiten Unterschiede bei den Lohnkosten schneller angeglichen als das in den vergangenen Jahren der Fall war.

    Konzerne, die derzeit nach der richtigen „Glocalization“-Strategie suchen, sollten daher nicht nur auf Zollschranken und Corona-Infektionszahlen schauen. Zu einer resilienten Lieferkette gehört es auch, die wahren ökologischen und sozialen Kosten von Standortentscheidungen zu berücksichtigen. Sonst könnte schon bald der Staat den Unternehmen diese Aufgabe abnehmen.

    Mehr: Neuer Siemens-Chef will Konzern nicht in viele Teile zerlegen.

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