Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Die Luftfahrt droht ihre Chance zu verpassen, sich neu zu erfinden

Zu Beginn der Krise hieß es, die Pandemie werde das Fliegen radikal verändern. Doch die Branche tut sich schwer damit, das Geschäft neu zu erfinden.
20.12.2020 - 15:33 Uhr Kommentieren
Statt das Fliegen einfacher zu machen, ist die Branche auf dem besten Weg, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt. Quelle: dpa
Abflug am Flughafen Frankfurt

Statt das Fliegen einfacher zu machen, ist die Branche auf dem besten Weg, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt.

(Foto: dpa)

Die bisher größte Krise in der Luftfahrt sollte zugleich ihre größte Chance werden. So lautete jedenfalls das Credo vieler Manager der Flugindustrie. Die Corona-Pandemie habe eine solche Wucht, dass in der Branche kein Stein auf dem anderen bleiben werde, prophezeiten sie. Fliegen werde nach der Krise anders aussehen.

Nach fast einem Jahr der Pandemiebekämpfung mit teils massiven Reisebeschränkungen wachsen die Zweifel, ob es tatsächlich so kommen wird. Es stimmt: Corona verändert die Branche und deren Unternehmen. Alles wird etwas kleiner.

Doch jenseits der Schrumpfung könnte vieles beim Alten bleiben. An den grundsätzlichen Geschäftsmodellen wird nicht geschraubt. Wie es scheint, verpasst die Luftfahrtbranche gerade ihre vielleicht größte Chance, sich neu zu erfinden.

Sicher – eine Revolution in der Luftfahrt hat viele Hürden. Sie ist der neben den Banken vielleicht am stärksten regulierte Wirtschaftszweig. Fluggesellschaften etwa dürfen sich ihre Verbindungen nicht einfach selbst aussuchen, sie brauchen dafür Verkehrsrechte. Die müssen zwischen den einzelnen Staaten ausgehandelt werden.

An den stark begehrten Flughäfen wiederum werden sie von den Behörden zugeteilt. Verkehrsrechte sind ein Rohstoff für Airlines, der anders als in anderen Branchen aber nicht frei zu erwerben ist.

Regulierung der Branche ist eine Hürde

Gleichzeitig erschweren strenge Vorgaben bei der Aktionärsstruktur von Airlines die Übernahmeaktivitäten. Diverse Chancen einer Konsolidierung, die ökonomisch durchaus sinnvoll sind, können deshalb nicht genutzt werden.

Oder nehmen wir die Sicherheitskontrollen an den Flughäfen: Ohne sie darf kein Jet abheben. Die Kontrollen sind aber staatlich geregelt und liegen damit nicht in der Hand derjenigen, die die eigentliche Transportleistung erbringen. Immer wieder behindern Engpässe das Geschäft. Flughäfen wiederum müssen ihre Gebührensätze genehmigen lassen.

Und nicht zu vergessen: Wohl in keiner anderen Branche sind Entschädigungen für mangelhafte und auch nicht gelieferte Dienstleistungen so tief bis ins letzte Detail durch die Rechtsprechung vor allem des Europäischen Gerichtshofs geregelt.

Wer in einem so engen Korsett agiert, tut sich zwangsläufig schwer damit, das eigene Geschäft neu zu denken. Es muss ja auch nicht gleich eine Revolution sein. Das Geschäftsmodell der Branche besteht vereinfacht ausgedrückt nun mal aus einem Rumpf mit zwei Flügeln, in dem Personen und Waren befördert werden. Was will man dabei komplett anders machen? Ginge das so einfach, Google und Co. wären längst da.

Doch selbst eine signifikante Evolution fällt der Luftfahrt offensichtlich schwer. Es fehlt an Mut, nachhaltig etwas zu verändern. Die Manager der Branche und ebenso die Politiker denken trotz der heftigen Krise weiter in viel zu engen und eingefahrenen Bahnen.

Die Pandemie verstärkt gefährliche Entwicklungen

In den Managementetagen der Fluggesellschaften dominiert nach wie vor ein Gedanke: Die eigenen Marktanteile müssen um jeden Preis verteidigt werden, der Wettbewerber muss mit allen Mitteln ferngehalten werden.

Der irische Billiganbieter Ryanair etwa setzt auf genau jene Rezepte, die er schon immer nutzte: den Kauf von noch mehr Flugzeugen und Kampfpreise, die in keinem Fall kostendeckend sein können.

Darauf werden die etablierten Luftfahrtunternehmen natürlich reagieren. Auch wenn jeder sagt, dass er einen solchen Preiswettbewerb „natürlich“ nicht mitmachen werde, er wird es am Ende doch tun.

Aufseiten der Flughäfen wiederum wird das alte Spiel weitergeführt – das um ein möglichst weitreichendes Angebot an Flugverbindungen. Die Überzeugung dahinter ist: Nur wer als Flughafen eine besonders hohe Zahl an Reisezielen besitzt, kann im Wettstreit der Airports mithalten. Also werden Airlines mit allerlei Schmankerln gelockt: etwa mit Marketingzuschüssen oder Einsteigerrabatten bei den Gebühren.

Grafik

Und auch wenn alle wegen der Folgen der Pandemie finanziell klamm sind, jeder wird den anderen weiter unter Druck setzen, die Gebühren zu senken: Die Airlines die Flughäfen und die Flugsicherung, die Flughäfen ihre Dienstleistungspartner und so weiter.

Die Pandemie wird die Luftfahrt nicht auf den Kopf stellen, sie wird lediglich Entwicklungen verstärken, die es schon vor der Krise gab. Die Fragen, die seit vielen Jahren schon auf eine Beantwortung warten, werden auch jetzt nicht beantwortet.

Braucht Deutschland wirklich drei Ferienfluggesellschaften? Braucht das Land wirklich so viele Flughäfen? Muss in Europa jedes Land eine eigene Flugsicherung vorhalten und finanzieren? Um nur einige der Fragen zu nennen.

Es hat noch keiner Branche gutgetan, wenn auf Dauer die Margen sinken. Vor allem dann nicht, wenn die Kunden immer höhere Erwartungen an das Produkt haben. Corona hat die Digitalisierung enorm vorangetrieben. Wer künftig fliegt, will, dass alles weitgehend am Smartphone zu erledigen ist. Doch statt das Fliegen einfacher zu machen, ist die Branche auf dem besten Weg, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt.

Mehr: Masterplan Luftfahrt – so soll Fliegen klimaneutral werden.

Startseite
Mehr zu: Kommentar - Die Luftfahrt droht ihre Chance zu verpassen, sich neu zu erfinden
0 Kommentare zu "Kommentar: Die Luftfahrt droht ihre Chance zu verpassen, sich neu zu erfinden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%