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Kommentar Die Mär vom Heiligen Georg: Roland Berger sollte sich nicht hinter Historikern verstecken

Der Historiker Michael Wolffsohn bestätigt, dass Roland Berger seinen Vater zu Unrecht als Nazi-Opfer stilisierte. Doch dafür zeigt er sich erstaunlich verständnisvoll.
31.05.2020 - 17:04 Uhr Kommentieren
Roland Berger behauptete viel über seinen Vater, das nachweislich nicht stimmt. Quelle: dpa
Roland Berger

Roland Berger behauptete viel über seinen Vater, das nachweislich nicht stimmt.

(Foto: dpa)

Der Berg(er) kreißte – und gebar ein Mäuschen. Über ein halbes Jahr ist es nun her, dass das Handelsblatt dem berühmten Unternehmensberater Roland Berger nachwies, dass der seinen Vater Georg viele Jahre lang zu Unrecht als Nazi-Opfer beschrieb und feierte.

Mehr noch: Wir zeigten, dass der Senior über weite Strecken der NS-Zeit ein hochrangiger Akteur und zugleich Profiteur des Regimes war. Noch während der Recherchen kündigte Roland Berger eine umfassende Aufarbeitung an, mit der er niemand Geringeren als die Top-Historiker Michael Wolffsohn und Sönke Neitzel beauftragte. Deren Ergebnis nach mehr als einem halben Jahr Aktenstudium: Berger Senior war ein hochrangiger Nazi und zugleich Profiteur des Regimes. Wer hätte das gedacht?

In einem Gastbeitrag für die „Welt am Sonntag“ stellte Wolffsohn nun die Ergebnisse im Detail vor, was so erfreulich wie irritierend zugleich ist. Erfreulich, weil der Historiker offenbar in allen wichtigen Punkten den Handelsblatt-Darstellungen folgt: Ja, Georg Berger sei „kein Mann des Widerstandes“ gewesen.

Ja, „man kann ihn nicht, wie sein Sohn, als NS-‚Opfer‘ oder NS-‚Verfolgten‘ bezeichnen“. Ja, auch die Fachleute kommen zu dem Schluss: Georg Berger trat schon 1931 in die NSDAP ein, als man diesen Schritt noch aus schierer Begeisterung unternahm, nicht erst 1933, wie der Sohn gern behauptet hatte. Und ja, er verließ die Partei auch nicht aus Protest gegen die „Reichskristallnacht“, wie der Junior später erzählte, sondern zahlte bis 1944 brav seine Mitgliedsbeiträge.

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    Berger Senior wurde 1936 zum Reichskassenverwalter der Hitlerjugend ernannt, ab 1940 leitete er eine vorher „arisierte“ Großbäckerei in Wien, wo er in einer ebenfalls vorher von einer jüdischen Familie beschlagnahmten Villa bis 1942 herrschaftlich residierte. Mehr konnte man sich in der Nazi-Zeit als Insignien der Macht kaum wünschen. Auch Wolffsohn bestätigt diese NS-Karriere nun.

    Rätselhaftes Fazit

    Irritierend wird es, wo Wolffsohn glaubt, Vorwürfe widerlegen zu müssen, die das Handelsblatt nie ausgesprochen hat. So schreibt er etwa: „Georg Berger hatte kein ‚Blut an den Händen‘, er war kein ‚Täter‘.“ Und auch wenn man zumindest als Laie womöglich lange über Definitionen von Täterschaft im Dritten Reich sinnieren könnte: Das Handelsblatt hat diese Formulierungen nie gebraucht.

    Ähnlich fehlerhaft (oder geschickt?) verfährt Wolffsohn, der es besser wissen müsste, beim Thema „Arisierung“: An keiner Stelle hat das Handelsblatt je behauptet, Georg Berger habe die „Entjudungen“ seiner Fabrik und Dienstvilla selbst vorgenommen. Trotzdem tut Wolffsohn so, wenn er schreibt: „Er hat das Haus nicht ‚arisiert‘, denn das war bereits zuvor geschehen.“

    Das arg verständnisvolle Fazit des Historikers bleibt vor diesem Hintergrund rätselhaft: Georg Berger sei „ein Profiteur“ gewesen, „der die Funktionsweise des NS-Systems nicht verstand oder nicht verstehen wollte“. Ein naiver Mitläufer also? Auf die Idee muss man erst mal kommen. Insofern bleibt es spannender denn je, wie Roland Berger die Trümmer seines Vater-Bildes neu zusammensetzen wird.

    Immerhin hat sich der Unternehmensberater auch bei seinem alljährlich verliehenen „Preis für Menschenwürde“ gern auf das moralische Vorbild seines Vaters berufen. Und mehr denn je darf, ja: muss gefragt werden: Welches Vorbild meint er da?

    Roland Berger hat in den vergangenen Jahren vieles über seinen Vater behauptet, was fragwürdig bis falsch war. Der „Welt“ verriet er 2009: „Von meinem Vater habe ich gelernt, Geradlinigkeit auch unter schweren Umständen zu leben.“ Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er 2018, sein Vater sei 1944 „einen Monat ins Konzentrationslager Dachau“ gekommen, was nachweislich falsch ist. Dem „Tagesspiegel“ erklärte er schon 2003, sein Vater sei nach der Reichskristallnacht „aus religiöser Überzeugung“ aus der NSDAP ausgetreten. Ebenso falsch.

    Hat sich da jemand selbst etwas vorgemacht… oder wissentlich getäuscht? Diese Frage wird auch durch Wolffsohns Bericht nicht wirklich beantwortet. Im Oktober gestand der mit den Recherche-Ergebnissen konfrontierte Roland Berger im Interview: „Ich bin dem Handelsblatt gewissermaßen dankbar, dass Sie in mir diese schmerzhaften Zweifel an meinem Vaterbild geweckt haben und so die Wahrheit näherbringen.“

    Es wäre an der Zeit, sich nicht weiter hinter selbst bestellten Historikern, Medienanwälten und PR-Beratern zu verstecken, sondern einfach mal Fehler einzugestehen. Sonst müsste man noch annehmen, Roland Berger sei unbelehrbar. Und das wäre über einen so prominenten Unternehmensberater dann doch kein schönes Urteil.

    Mehr: Schönfärberei oder Selbstbetrug? Roland Berger stellt sich der Wahrheit über seinen Vater Georg. Ein Interview.

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