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Kommentar Die neue „Spiegel“-Affäre schafft Raum zur Veränderung

Was bedeutet die Affäre um den Reporter Claas Relotius für den „Spiegel“, aber auch den Journalismus in seiner Gesamtheit oder gar die Demokratie an sich?
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Der Fall des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius erschüttert die Branche. Quelle: AFP
„Spiegel“-Verlagshaus

Der Fall des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius erschüttert die Branche.

(Foto: AFP)

DüsseldorfWas Harvey Weinstein für den älteren, überwiegend weißen, immer aber durch seine Machtfülle definierten Mann, aber auch für die Geschlechterdebatte in toto wurde, könnte Claas Relotius nicht nur für die Stilform Reportage, sondern für den Journalismus als solchen werden: ein Fanal mit geradezu kathartischer Wirkung. Ein Paradigmenwechsel. Ein Umbruch.

Da droht in nächster Zeit viel zerstört zu werden, was aber auch Raum für eine neue Offenheit und Veränderung schaffen könnte. Die Frage ist nur, wie #MeToo im Journalismus aussieht und ob wir das überhaupt steuern können. Erste Ansätze gibt es unter dem Hashtag #sagenwasist.

Der vielfach ausgezeichnete Journalist Claas Relotius hat über Jahre hinweg und „in großem Umfang“ eigene Geschichten in großen Teilen erfunden. Jetzt wird es Kritik hageln an unserem gesamten Metier. Und diese Kritik wird nicht nur aus dem leider schon alltäglichen AfD- und „Lügenpresse“-Lager kommen, sondern von ganz normalen Leserinnen und Lesern, die uns mit neuer Schärfe begleiten und betrachten werden. Das ist gut so.

Es wird aber außerdem PR-Leute, Konzerne, Personen des öffentlichen Lebens und von unserer täglichen Arbeit Enttäuschte oder Attackierte aller Art geben, die selbst saubere Geschichten künftig allein dadurch diskreditieren werden, dass sie diese unter Manipulationsverdacht stellen. Das wird auf den kritischen Journalismus generell Auswirkungen haben, die momentan noch gar nicht abschätzbar sind – nicht nur für jene Kriegs- und Krisenreporter, die in vielen Weltregionen täglich ihr Leben riskieren, um die Welt ein bisschen wahrhaftiger zu machen.

Ein trauriger Kollateralschaden könnte schon der ohnehin unter allerlei Druck stehende Lokaljournalist sein, der gerade Unregelmäßigkeiten im städtischen Haushalt aufgedeckt hat. Enthüllung? Pah, ist doch alles manipuliert!

In dieser Situation sollten wir uns einerseits nicht wichtiger nehmen, als wir sind. Andererseits beinhaltet die Katastrophe auch eine Chance: Dass wir uns eigene, bessere Arbeitsregeln geben – im täglichen Geschäft wie in Journalistenpreis-Jurys. Zu diesen Regeln, zu diesen NEUEN Regeln gehört auch ein gerütteltes Maß an Selbstkritik. Aber die allein reicht natürlich nicht.

Eine erste Grundregel unserer Arbeit könnte ganz einfach sein (oder wieder werden): jedem Reportage-Text die richtigen Fragen zu stellen. Wo wird das Geschriebene verdächtig, weil einfach zu stimmig? Wo wird man als Leser Zeuge etwa von Gedanken, Worten und Werken der Protagonisten, die der Berichterstatter allenfalls vom Hörensagen kennen kann?

Das alles sind keine Beweise für Fehlverhalten, aber doch wichtige Indizien. Und ganz ehrlich: Da fallen mir plötzlich noch ganz andere Namen hochdekorierter Kollegen ein.

Wenn sich etwa der Nannen-Preis zugutehält, dass sich bislang auch im Nachhinein kein prämierter Text als gefälscht erwiesen hat, dann ist das sicher richtig, aber vielleicht auch einfach nur Glück gewesen? Glauben wir wirklich, dass gerade in der vermeintlichen „Königsdisziplin“ Reportage nicht auch früher schon der eine oder andere Kollege manipuliert hat? Es flog halt nur nie auf. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Claas Relotius ist kein verirrter Einzeltäter

Weinstein war auch nicht allein. Diese Männer haben Regeln bestimmt, indem sie diese Regeln gemacht haben. Da gab es ein bisschen Gemurre und Geraune, aber gewehrt hat sich öffentlich niemand. Bis alles zusammenbrach, weil sich eine Frau mal mutig aus der Deckung getraut hat.

Apropos Kronzeugen: Sollte man nicht eh erwägen, den „Spiegel“-Reporter Juan Moreno, der nun die Fälschungen seines Kollegen enthüllt hat, für die Investigativ-Kategorie des Nannen Preises einzureichen? Ich hoffe zwar inständig, dass er es nicht selbst tut, aber wer hat dieses Jahr eine derart gewaltige Welle losgetreten – und dabei anfangs sogar die eigene berufliche Existenz aufs Spiel gesetzt?

Die Reportage ist als Stilform jedenfalls auf lange Sicht diskreditiert. Braucht man sie überhaupt noch? Keine Ahnung. Aber muss man sie wirklich derart überhöhen, wie das einige Journalistenpreise tun? Ist sie nicht jene Kategorie, die Tatsachenkosmetik, Manipulation und komplette Lüge am einfachsten macht? Und hat nicht „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo völlig recht, wenn er jüngst eine bestimmte Reportage-Gattung mit der „Überzüchtung von Hunden und Pferden“ verglich?

Claas Relotius ist kein verirrter Einzeltäter. Er hatte Ressortleiter, Chefredakteure, Förderer und Fans, die ihm einen Weg zum Erfolg zeigten. Er war ein außerordentlich gelehriger Schüler. Und er wurde auch deshalb so groß, weil Journalistenpreis-Jurys ihn wieder und wieder für eine bestimmte Stilform ausgezeichnet haben.

Und waren nicht auch in unseren Reihen etliche begeistert von der Perfektion seiner Arbeiten? Von der Eleganz seiner Sprache, den Details seiner Beobachtungen, dem unfassbaren Reporterglück? Haben wir nicht auch oft die „Kunstfertigkeit“ solcher Arbeiten bewundert oder sie gleich zur Kunstform erklärt?

Das Problem ist: Kunst darf fast alles. Die Fiktion, die Manipulation, ja, selbst die Lüge gehört selbstverständlich in ihren Instrumentenkoffer. Die Kunst erschafft damit eine neue Dimension von Wahrheit. Journalismus, der sich für Kunst hält, erschafft dagegen nur Lügen, denn eigentlich ist er ja der Wahrheit verpflichtet. Er ästhetisiert die Realität bis zu deren Unkenntlichkeit.

Wer wollte es der nachwachsenden (Journalisten-)Generation da verübeln, dass ihr angesichts solcher Vorbilder die eigenen Maßstäbe allmählich verrutschen oder gleich abhanden kommen? Sie ist mit Fake News aller Art aufgewachsen, mit Inszenierungs-Plattformen wie Instagram, mit „Politikern“ wie Trump – und mit Journalistenstars wie Relotius.

Da mag die Existenzvernichtung, die hier nun auch betrieben wurde neben aller berechtigten Kritik, wie eine Teufelsaustreibung wirken. Aber sie reinigt und bereinigt noch nichts. Der Dichter und seine Henker ändern noch nichts. Die Affäre kann wie im Fall Weinstein nur der Anfang von etwas Neuem, Besserem sein, das hoffentlich kommt.

Da sind auch die Journalistenschulen gefordert, aber im Prinzip jeder von uns. Es geht ja eben nicht um uns, sondern um die Zukunft unseres Metiers. Eigentlich geht es sogar um die Zukunft einer in jeder Hinsicht aufgeklärten Demokratie.

Thomas Tuma ist stellvertretender Chefredakteur beim Handelsblatt und hat rund 17 Jahre selbst für den „Spiegel“ gearbeitet. Zudem sitzt er in den Jurys mehrerer Journalistenpreise, unter anderem in der Vorjury des renommierten Nannen-Preises, der seit Jahrzehnten auch und gerade die nun diskreditierte Stilform der Reportage pflegt.

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