Kommentar: Die Osram-Übernahme ist für AMS hochriskant
AMS braucht bei der Übernahme des Lichttechnikspezialisten die Hilfe der Aktionäre.
Foto: ReutersDer Zeitpunkt für die Übernahme von Osram durch den österreichischen Sensorikkonzern AMS hätte nicht ungünstiger sein können. Der schwarze Montag an den Börsen hat viele Investoren schwer getroffen. Die Folgen des sich weiter ausbreitenden Coronavirus auf die Weltwirtschaft kann derzeit niemand vorhersagen.
Genau in diesem Augenblick größter ökonomischer Ungewissheit muss die in der Schweiz börsennotierte AMS bei ihren Aktionären in den nächsten beiden Wochen stolze 1,65 Milliarden Euro einsammeln, um die hart erkämpfte Übernahme des Lichttechnikkonzerns Osram zu finanzieren.
Um die Aktionäre zu locken, bieten die Österreicher einen außergewöhnlichen Rabatt an. Die Aktie soll nur 9,20 Schweizer Franken kosten. Das entspricht nicht einmal der Hälfte des aktuellen Aktienkurses.
Das bis Ende März laufende Angebot für die Aktionäre ist nur auf den ersten Blick verlockend. Denn die weitere Geschäftsentwicklung steht in den Sternen. Der größte AMS-Kunde Apple steht angesichts der Produktionsausfälle in China vor einem Desaster. Weltweit wurden die Mitarbeiter des Giganten im Silicon Valley nach Hause geschickt.
Hinzu kommt die schwere Krise in der Autoindustrie. Es gehört in dieser unwägbaren Zeit daher viel Mut als Kleinaktionär oder Großinvestor dazu, sich auf das Angebot einzulassen. Die AMS-Aktionäre sind in den vergangenen Wochen ohnehin bereits auf eine harte Probe gestellt worden. Innerhalb eines Monats hat sich der Wert der Aktie fast halbiert.
Unberechenbare Marktlage
Für AMS geht es in diesen Wochen um alles oder nichts. Denn die Österreicher sind auf die Verdreifachung ihres Grundkapitals angewiesen, um die 4,6 Milliarden Euro teure Übernahme von Osram über die Bühne zu bringen. Bislang galt das Verschmelzen der beiden in ihrer Größe, Ausrichtung und Tradition sehr unterschiedlichen Konzerne als die größte Herausforderung.
Doch in dieser unkalkulierbaren Börsensituation könnte sich die Finanzierung des Milliardencoups als Kernproblem entpuppen. Selbst wenn die anvisierte Kapitalerhöhung klappt, wird AMS mit der unberechenbaren Marktlage zu kämpfen haben.
Nach Unterzeichnung des Beherrschungsvertrags sitzt der Konzern aus der Steiermark auf einem gewaltigen Schuldenberg. Der kann für einen Mittelständler existenzgefährdend werden. Es gibt ein mahnendes Beispiel. Mit dem Kauf des Automobilzulieferers Conti blickte das fränkische Familienunternehmen Schaeffler auch schon mal in den Abgrund. Damals hatte niemand die Pleite einer New Yorker Investmentbank und ihre globalen Folgen auf dem Radar. Geschichte wiederholt sich zum Glück nicht – brandgefährliche Situationen für Unternehmen allerdings schon.