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Kommentar Die Politik hat den Neubau der Finanzwelt verpasst

Zehn Jahre nach der Finanzkrise steht die Welt nicht besser da als zuvor. Das liegt vor allem an den politischen Eliten.
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Nach dem Lehman-Brothers-Zusammenbruch 2008 ist es an den Notenbanken hängen geblieben, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Quelle: Reuters
Finanzdistrikt von London

Nach dem Lehman-Brothers-Zusammenbruch 2008 ist es an den Notenbanken hängen geblieben, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

(Foto: Reuters)

Schon Franz Josef Strauß wusste von der heilsamen Wirkung einer schweren Krise: „Erst muss es zum totalen Offenbarungseid und zum Schock kommen. Erst dann kann man erfolgreich mit einem neuen Aufbau beginnen.“

Ein solcher Offenbarungseid – und ein Schock ohnehin – jährt sich an diesem Samstag zum zehnten Mal: der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008, mit dem die Weltfinanzkrise ihren Höhepunkt erlebte und das globale Weltwirtschaftssystem vor einem Kollaps zu stehen schien.

Vieles ist seitdem passiert: Die G20-Staaten waren in dieser gefährlichen Notlage näher zusammengerückt denn je zuvor und hatten auf ihrem Treffen 2009 in Pittsburgh eine tiefgreifende Reform des Bankensystems beschlossen, die in den Folgejahren auch größtenteils umgesetzt wurde.

Die großen Banken sollten durch diese Beschlüsse deutlich wetterfester gemacht werden. Sie müssen heute unter anderem mehr flüssige Mittel vorhalten, Abwicklungspläne vorlegen, schärfere Eigenkapitalvorschriften einhalten und Boni restriktiver gestalten.

Die Deregulierung des Bankensektors aus den Vorjahren wurde also wieder zurückgedreht. Das ist zunächst einmal ein Erfolg. Doch wurde der Einsturz des Finanz-Kartenhauses 2008 im Strauß’schen Sinne auch dazu genutzt, wirklich Neues aufzubauen?

Nach dem Lehman-Brothers-Zusammenbruch 2008 ist es an den Notenbanken hängen geblieben, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Quelle: dpa
Händler vor Dax-Kurve

Nach dem Lehman-Brothers-Zusammenbruch 2008 ist es an den Notenbanken hängen geblieben, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

(Foto: dpa)

Nicht wirklich. Im Gegenteil: Mit der Regulierung der Banken haben die Politiker lediglich einige der Spielkarten wieder aufgestellt, die vor zehn Jahren umgefallen sind. Die Chance für einen grundlegenderen Neubau des Finanzsystems und der Weltwirtschaft mit festeren Baumaterialien wurde verpasst.

Die Welt steht heute weder politisch noch ökonomisch auf solideren Füßen als 2007. So ist die globale Verschuldung um weitere 72 Billionen Dollar gestiegen, getrieben von der staatlichen Schuldenaufnahme und von den zunehmend kredithungrigen Unternehmen. Relativ zur Wirtschaftsleistung ist die öffentliche Verschuldung allein der westlichen Industrienationen von 69 Prozent im Jahr 2007 auf 105 Prozent zehn Jahre später explodiert.

Gleichzeitig hat sich die ökonomische und gesellschaftliche Ungleichheit verschärft, was zusammen mit der Angst vor Einwanderung den Aufstieg der Populisten befördert hat. Viele Menschen können weder finanziell noch mental mit den großen Umwälzungen dieser Zeit Schritt halten.

Die Notenbanken kämpfen mit immer kleinerem Erfolg

In die Zukunftschancen dieser Abgehängten wurde seit der Finanzkrise nicht investiert. Nicht nur in Deutschland gaben die Regierungen lieber Geld für schuldenfinanzierten Konsum wie etwa die Rente mit 63 aus, anstatt es in Bildung zu investieren.

Wieder ist es seit 2008 an den Notenbanken hängen geblieben, die Welt vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Seit Jahrzehnten versuchen die Zentralbanker, mit immer niedrigeren Zinsen die Wirtschaft am Laufen zu halten – mit immer kleinerem Erfolg und immer größeren und gefährlicheren Nebenwirkungen.

Mithilfe ihrer Wertpapierkäufe haben die westlichen Notenbanken ihre Bilanzen auf mittlerweile rund 15 Billionen Dollar aufgebläht und dadurch enorme Blasen an zentralen Stellen des Weltfinanzsystems aufgepumpt: Dazu gehören Vermögenswerte wie Immobilien, Aktien, Anleihen und Kryptowährungen.

Manche dieser Risiken dürften auch heute in den etwas besser kapitalisierten Bilanzen der Banken schlummern. Viele andere sind längst auf verschlungenen Pfaden bei anderen Investoren gelandet: Pensionsfonds, Hedgefonds, Versicherungen. Einen wirklichen Überblick darüber hat keiner. Nur eines ist sicher: Kleiner werden die Risiken dadurch nicht.

Ebenso wie vor der Krise – nur dieses Mal in noch deutlich größerem Ausmaß – haben die Zentralbanken Märkte ohne Risikobewusstsein geschaffen und Schuldner, die nicht pleitegehen dürfen. Auch die unheilige Verbindung zwischen Banken und Staaten wurde nicht aufgebrochen – im Gegenteil: Die Geldhäuser kaufen weiterhin munter regulatorisch als risikolos angesehene Staatsanleihen. Und schlussendlich wurde auch das Problem zu großer Banken nicht gelöst. Nur die Hybris der Banker, die ist verschwunden. Sie wurde durch die Allmachtsfantasien der Silicon-Valley-Stars ersetzt.

In den 70er- und 80er-Jahren brach die Politik auf, um den Markt von den Fesseln des Staates zu befreien. Wo sind heute die neuen Ideen für einen Paradigmenwechsel? Wo sind die Rezepte, um aus der Spirale der mit immer höheren Schulden finanzierten Booms und Busts auszubrechen?

Zehn Jahre nach Lehman Brothers hat sich kaum ein Politiker im Westen an wirklich grundsätzliche Reformen herangetraut. Dazu braucht es keine Revolution. Sondern pragmatische und konkrete Konzepte: beispielsweise Investitionen in Bildung und Infrastruktur statt in den Konsum.

Oder den Grundsatz, den großen Banken einfach nur deutlich höhere Eigenkapitalquoten vorzuschreiben, statt sie durch bürokratische Detailregulierung zu gängeln. Und ganz einfach den Willen, gemeinsam wieder Neues aufzubauen.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Die Politik hat den Neubau der Finanzwelt verpasst"

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  • Herr Schäfer stellt die aktuelle Situation zu „undifferenziert“ da (!) – es ist sicherlich richtig, dass die globale Verschuldung um weiter 72 Billionen US$ gestiegen-dem stehen jedoch auch Vermögenszuwächse gegenüber, die er NICHT genannt hat. Auch ist die Verschulung NICHJT „gleichverteilt“ gestiegen, sondern unterschiedlich in den Wirtschaftsregionen -z.B. vorwiegend bei den Schwellenländern & bei den bisherigen „Schuldnerländern“ wie Italien & Frankreich – viele Länder haben auch die aktuelle Niedrigzinsphase zur Entschuldung genutzt – darauf weisst Herr Schäfer LEIDER NICHT hin! Es ist sicherlich richtig, dass die teueren SPD- Aktionen der Frühpensionierungen fiskalpolitisch NICHT sinnvoll waren – aber nun die SPD steht oftmals den Menschen näher als der Sachen selbst! Sicherlich führt die Niedrigzinsphase der EZB zu Problemen bei den Pensionsfonds & Versicherungen, weil diese vorwiegend mit Staatsanleihen & Zinspapieren abgesichert sind-aber ein Wechsel zu Dividendenpapieren würde hier Änderungen zum Positiven herbei führen. Kluge Pensionsfonds & Versicherungen haben da schon lange reagiert -soweit sie können (& es rechtlich erlaubt ist-BAFin-Vorgaben!) : gerade die EZB hat vornehmlich Staatsanleihen & Zinspapiere aufgekauft – aber kaum Dividendenpapiere und damit ihre Bilanzen mit NICHT gerade werthaltigen Papieren aufgebläht, die zudem NICHT vom Wirtschaftswachstum profitieren. Es liegt an einer fehlgeleiteten „Anlage-und Risikopolitik“ der EZB und einiger Notenbanken, die damit eine fehlgesteuerte Wirtschaftspolitik ihrer Regierungen unterstützen! Es wäre wünschenswert, wenn das HB zu diesem Thema differenzierter & qualifizierter berichten würde-mit pauschalen & wutgesteuerten „Dampfplaudereien“ ist dem Leser NICHT gedient! Mehr sachdienliche Analyse wäre angebracht & hilfreich!