Kommentar Die Politikverdrossenheit der Börse ist riskant

Anleger lassen sich von Trumps Eskapaden nicht mehr beeindrucken, sollten sich aber nicht zu sicher fühlen: Risiken für die Aktienmärkte gibt es genug.
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Donald Trump bringt die Welt in Aufruhr, doch an den Anlegern scheint dies abzuprallen. Quelle: dpa
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Donald Trump bringt die Welt in Aufruhr, doch an den Anlegern scheint dies abzuprallen.

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FrankfurtDie Welt bringt Donald Trump mit seinen jüngsten lautstarken Aktionen in Aufruhr. Doch an Anlegern scheint alles abzuprallen.

Ob der US-Präsident die Staatengemeinschaft der G7 mit seiner per Twitter zurückgezogenen Zustimmung zum Abschlusskommuniqué brüskiert, starken Exportnationen wie Deutschland mit weiteren Zöllen droht oder in Singapur mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un den Schulterschluss in Sachen atomarer Abrüstung probt. Es hagelt deutliche Reaktionen aus Wirtschaft und Politik: Der Chef der Welthandelsorganisation WTO, Roberto Azevêdo, sieht die globale Wirtschaft am Rande eines Handelskriegs. Als PR-Show mit dem Sieger Kim Jong Un wird das Treffen in Singapur kritisiert, die zu einer „Vereinbarung ohne Substanz“ führte, wie Beatrice Fihn, die Chefin der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, moniert.

Im Moment kann passieren, was will in der Welt – die Anleger scheint es nicht zu kümmern. Seit Tagen bewegen sich die führenden Aktienindizes leicht aufwärts oder stagnieren auf ihren vergleichsweise hohen Niveaus. Der deutsche Dax hat zwar in diesem bewegten Jahr unterm Strich leicht verloren. Der Leitindex liegt aber dennoch nur knapp unterhalb der viel beachteten Marke von 13.000 Punkten und damit lediglich gut 600 Punkte unterhalb seines Rekordniveaus.

Auch der US-Leitindex Dow Jones hält sich bei über 25.000 Punkten in der Nähe seines Allzeithochs, der Technologieindex Nasdaq hat gerade wieder ein Neues erreicht. Und der kleine deutsche Bruder Tec-Dax ist so hoch hinaus geklettert wie zuletzt vor 17 Jahren.

Ist das nun die Ruhe vor dem Sturm oder sind Investoren endlich so erwachsen geworden, dass sie sich unbeirrt von oft nur kurz wirkenden Polit-Konflikten lossagen und sich auf ihre Chancen konzentrieren? Investoren scheinen auf ihren Aktien zu hocken, auch weil sie kaum Alternativen sehen, aber auch nicht so panisch sind, dass sie die Papiere unbedingt loswerden wollen.

Darauf deutet die wichtigste monatliche Umfrage unter Großinvestoren der Bank of America Merrill Lynch hin: Die dort befragten Fondsmanager halten weiter gewichtig Aktien. Anleihen scheinen ihnen zu teuer. Aber die Luft nach oben scheint auch weitgehend verbraucht zu sein: Wer gekauft hat, ist drin. Aber raus will bisher offenbar keiner.

Das kann sich allerdings schnell ändern – denn es gibt weitere Konflikte: im Nahen Osten stehen sich der Russland-Freund Iran und der US-Verbündete Saudi Arabien gegenüber, in Italien schwelt die Euro-Schuldenkrise weiter. Vielleicht sind Investoren einfach eines Trump müde und inzwischen der Meinung, dass der twitternde Hund vor allem bellt.

Sobald es aber irgendwo eine überraschende Wendung gibt, dürften Investoren reagieren: Die holprige Regierungsbildung in Italien hat erst vor rund zwei Wochen gezeigt, wie groß die Sorgen um den Fortbestand der Euro-Zone sind: Der Dax ist in der Woche um 400 Punkte – oder deutliche drei Prozent – eingebrochen.

Und die Aussichten auf einen ruhigen Sommer können sehr schnell getrübt werden: Die jüngste monatliche Umfrage des Mannheimer Forschungsinstitutes ZEW offenbart, dass Finanzprofis die Konjunkturentwicklung so schwach einschätzen wie zuletzt 2012. Erklärungen für diesen Pessimismus lassen sich bei den Unternehmen finden. Zwar konnten viele Firmen ihren Gewinn steigern, aber wegen der Unsicherheit über Handelskonflikt und Italien halten sie sich mit ihren Investitionen zurück.

Auch steht, was einen anderen maßgeblichen Einflussfaktor auf die Kapitalmärkte angeht, die wohl wichtigste Woche des Jahres an: Die führenden Notenbanken, die seit der Finanzkrise mit ihrer Niedrigzinspolitik und Geldflut die Aktienmärkte nach oben treiben, geben Neues zu ihrem Normalisierungskurs bekannt.

Die US-Notenbank Fed ist auf dem Weg zu noch mindestens drei Zinsschritten in diesem Jahr, wie viele Strategen meinen. Und die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte sich am Donnerstag zum Ende ihres Anleihekaufprogramms äußern. Selbstverständlich werden sich die Notenbanker bemühen, quasi anti-trumpish ihre Politik möglichst geräuschlos umzusetzen.

Doch die Gefahr, dass Fehler passieren, nimmt zu: So wurde die starke US-Wirtschaft durch Trumps jüngste Steuerreform ohne Not extra angeheizt – die Wirkungen werden sich in den nächsten zwei Jahren zeigen. Das Ausmaß ist unklar – was es der Fed nicht leichter macht, die richtige Dosis Zinserhöhung zu finden. Und in der Euro-Zone schwelt mit Italien das nächste Störfeuer, ohne das die EZB auf dem Nullzinsniveau schon wieder Munition laden konnte. Es gibt jede Menge Potenzial für einen ungemütlichen Börsensommer.

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