Kommentar Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September

Nach dem kaltblütigen Anschlag von Paris lauern zwei Gefahren, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.
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Gabor Steingart  Quelle: Andreas Fechner für Handelsblatt
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Gabor Steingart

(Foto: Andreas Fechner für Handelsblatt)

Zweimal versuchten islamische Terroristen, Kurt Westergaard umzubringen, dessen Mohammed-Zeichnung den dänischen Karikaturenstreit entfacht hatte. In ihrer Festrede bei der Verleihung des europäischen Medienpreises an Westergaard sagte Angela Merkel 2010: „Europa ist ein Ort, an dem ein Zeichner so etwas darf.“

Die Kanzlerin wurde gestern auf grausame Weise widerlegt. Europa ist nicht länger ein Ort, an dem ein Karikaturist „so etwas“ karikieren und ein Verleger „so etwas“ verlegen darf. Das europaweit verbriefte Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, im deutschen Grundgesetz sogar mit einer Ewigkeitsgarantie ausgestattet, wurde gestern auf kaltblütige Art suspendiert. In der laufenden Redaktionssitzung mähten islamische Terroristen Mitarbeiter der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ nieder. Die westliche Pressefreiheit erlebte gestern ihren 11. September.

Einsamkeitsgefühle kommen auf. Die bittere Erkenntnis des gestrigen Anschlags lautet: Die Pressefreiheit kann von keinem Parlament, keinem Sicherheitsapparat, nicht von der Kanzlerin und nicht vom Präsidenten der französischen Republik garantiert werden. Es gibt für die Pressefreiheit nur ein Garantieren durch Praktizieren. Das publizistische Restrisiko bleibt. Es kann auch nicht von der EZB in die Bücher genommen werden. Das eben unterscheidet uns von den Bankern: Risiko und Verantwortung bleiben in unserem Fall gekoppelt.

Zwei Gefahren lauern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.

Die Extreme aller Länder sind heute Morgen in Empörung vereint. Munter wird das Abendland gegen das Morgenland, der Islam gegen das Christentum, das Fremde gegen das Bekannte in Stellung gebracht. Man könnte meinen, Pegida, Front National und die Salafisten arbeiten in derselben Munitionsfabrik. Ihr Ziel: Der religiöse Kulturkampf, ein Re-Import aus dem Mittelalter, soll auf den Marktplätzen des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden.

Doch die Pressefreiheit wird nicht mit der Kalaschnikow verteidigt. Wir dürfen nicht zurückhassen. Die Kriegserklärung, die uns islamische Extremisten zur Unterschrift vorlegen, muss unsigniert bleiben. Journalistische Unabhängigkeit verbietet den Vergeltungsschlag. Eine Zeitungsredaktion ist eben nicht die Fortsetzung des Kulturkampfes mit publizistischen Mitteln.

Die andere Gefahr ist das Angsthaben und das Flüchten in die Fabelwelt der Political Correctness. Ein Journalist, der Probleme, auch solche der Ausländerintegration und der Zuwanderer-Kriminalität, nicht mehr Probleme nennt, der mit getönter Brille die Wirklichkeit bereist, macht sich selbst überflüssig. Unsere Rolle im großen Gerichtssaal des Lebens ist so vielfältig wie eindeutig: Wir sind manchmal Ankläger und manchmal Richter. Aber immer sind wir Zeuge.

Und manchmal sind wir leider auch Opfer. Wir trauern um Chefredakteur Stéphane Charbonnier und seine Mitarbeiter, die für die Pressefreiheit ihr Leben gelassen haben. Sie wussten, was sie taten. Und wir wissen es heute Morgen auch. Es klingt pathetisch und ist doch nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit: Ihr Tod ist unsere Verpflichtung.

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21 Kommentare zu "Kommentar: Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September"

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    http://www.schweizmagazin.ch/panorama/21859-Ihr-seid-nicht-Charlie.html

    http://pravda-tv.com/2014/06/01/911-ex-cia-pilot-sagt-unter-eid-aus-das-die-zwillingsturme-nicht-von-flugzeugen-getroffen-wurden-Video

  • wie kann das eigentlich sein, dass jemand mit einer Kalaschnikow und einem Raketenwerfer in eine von der Polizei geschützte Redaktion eindringt??

  • Zitat: "Risiko und Verantwortung bleiben in unserem Fall gekoppelt."

    richtig! Risiko aber eben auch Verantwortung. Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung zu übernehmen. nicht nur Verantwortung für sich selbst sondern auch die Verantwortung andere nicht in ihrer Freiheit einzuschränken.

    Wenn eine Religion verzeert in der Satire dargestellt wird, dann verletzt das diejenigen die an diese Religion glauben. Muss das sein?
    Ich mah Satire - ich verstehe sie nicht immer - aber auch Satire darf nicht verletzen. Worte und Bilder können sehr verletzend sein. Es ist Sache der Journalisten verantwortlich mit der Freiheit umzugehen!
    Es sollte Sache des Staates sein das Risiko zu minimieren.

    Kein Mensch hat das Recht andere zu töten, auch eine verletzende Satire gibt niemandem das Recht dazu!

    Aber die Pressefreiheit gibt auch niemandem das Recht rücksichtslos zu verletzen.

  • "Die andere Gefahr ist das Angsthaben und das Flüchten in die Fabelwelt der Political Correctness."

    Genau das wurde ja schon seit Jahren praktiziert.
    Bei Gewalttaten von "Kültürbereicherern" wird die Herkunft der Täter immer verschwiegen, obwohl man im Internet Dutzende anderer Quellen dazu findet (z.B. pi). Ein Grund für die wachsende Wut der Bürger und die Ablehnung gegenüber den meisten Medien. Inzwischen gehe ich bei Straftaten IMMER davon aus, daß es Ausländer waren, denn bei "Biodeutschen bekämen wir das im 30min.-Takt um die Ohren gehauen...

  • War Hr. Wulff nicht Vorreiter im Kampf gegen die Pressefreiheit??

  • Jedenfalls KANN und WILL die Regierung die Deutschen vor den negativen Auswirkungen des Islam nicht schützen.

    Das muss man als Fakt begreifen. Wir werden nur gewarnt aber nicht geschützt. Weder bei der Einreise noch bei Sicherheit im Inneren. Maximal wird überwacht und wir werden gewarnt. Das ist die Realität in Deutschland. Dank De Maizaire - als Merkels "Mann für alle Lagen". Wie im "Freiland-Gefängnis" ist es.

    Merkel, Schäuble (Finanz-Desaster), und De Maizaire müssen dringend durch Kompetenz ersetzt werden. Leute, die auch ihren geleisteten EID ernst nehmen.

  • "Verschweigen" ist auch eine Unsäglichkeit der heutigen Presse. "Ausblendender Teil" bei der Propaganda. "Aussitzen, Verschweigen, Ablenken, Leugnen" ......alles vor 10 Jahren noch undenkbar gewesen in der deutschen presse-Landschaft.

    Warum wurde darüber nirgens berichtet ausser in der Alternativen Presse ?

    "Vermummte greifen Dienststelle der Leipziger Polizei an

    Rund 50 Maskierte haben eine Außenstelle der Polizei im Leipziger Stadtteil Connewitz angegriffen. Nach Angaben der örtlichen Polizeidirektion schleuderten sie Pflastersteine, Farbbeutel und eventuell auch Feuerwerkskörper gegen die Fensterfront. Es sollen viele Scheiben - auch aus Sicherheitsglas - stark beschädigt worden sein. Die dunkel gekleideten Angreifer, die wahrscheinlich der linken Szene angehören, hätten unerkannt flüchten können."

    Deutschland ein "Freiland-Gefängnis" mit lauter agressiven Gangs, die ungestört rumlaufen. WAS MACHT DE MAIZAIRE DAGEGEN ??? Als Innenminister total versagt !!

    http://www.augsburger-allgemeine.de/newsticker/Vermummte-greifen-Dienststelle-der-Leipziger-Polizei-an-id32550487.html

  • Mein Beileid den Hinterbliebenen dieser kriminellen Tat.
    Und dem Handelsblatt rufe ich zu: Lassen Sie mal die Kirche im Dorf und stellen sie die Zahlen der Graphik Ihrer Titelseite vom 8.Januar ins Verhältnis zu folgenden Zahlen: Laut AOK sterben jährlich in deutschen Kliniken rund 18.800 Menschen durch Behandlungsfehler (Focus 21.1.2014). 120.000 Tote irakische Zivilisten infolge Kriegshandlungen zwischen 2003-2013 (SZ 15.3.13). 600 Tote während der Kältewelle in Europa im Februar 2012. Laut WHO sterben weltweit jährlich etwa 1,2 Millionen (WHO 2003) Menschen an den Folgen von Verkehrsunfällen. Die Anzahl der Verletzten wird auf jährlich etwa 40 Millionen geschätzt (WHO). 3300 Verkehrstote in Deutschland (2013) - das sind neun Tote am Tag – warum lese ich davon nichts auf den Titelseiten ? Weil man gegen Autofahrer und Ärzte keine milliardenteuren Waffensysteme einsetzen kann ?
    Ein bewaffneter Angriff auf eine Zeitungsredaktion gefährdet doch nicht die freiheitliche Welt von Millionen Europäern.

  • "Schaut die BILD, WELT, Stern, FOCUS usw. an, soviel Müll-Videos, Lügen, Porno, Verdummung, Propaganda usw. Eine Schande für die deutsche Zeitungs-Landschaft."

    Ja Herr Traustein, so fängt es immer an mit dem Moralisieren. Das was die einen als Müll, Verdummung etc. bezeichnen, ist für die anderen vielleicht Kunst oder Meinungsfreiheit. Wenn Sie schon die 30-er Jahre erwähnen, bitte nicht vergessen, dass gerade in dieser Zeit künstlerische Schöpfungen zwar nicht als Müll bezeichnet wurden, aber als entartet. Was ist Lüge, was ist Wahrheit? Einige Foristen hier, die "Lügenpresse" geifern, halten es mit der Wahrheit auch nicht so genau. Z.B. die gestrigen Vorwürfe an Islamverbände, sie würden auf das Attentat nicht reagieren und es nicht verurteilen. Wer ein klein wenig recherchiert, dürfte sehr schnell das Gegenteil bewiesen haben.
    Sie haben etwas gegen BILD, Welt etc? Dann lesen Sie doch diese Zeitungen nicht. Anscheinend tun sie es doch, sonst würden Sie sich hier nicht so aufregen.
    Ich möchte auf jedenfall nicht eine Zeit erleben, in der eine moralische, weltanschauliche Institution entscheidet, was geschrieben werden darf und was nicht. Ich finde "Völkischer Beobachter" hat ausgereicht.

  • Merkel spricht auch immer wie im Kindergarten.

    Für die sind wir Kleinkinder.

    "Hass im Herzen" nein nei !

    Gegen alles "was uns lieb und teuer ist". Hätte sie mal gesagt gegen unsere Werte oder Rechtsstaat oder westliche Welt.

    Nein, sie spricht immer im Kleinkind . "dei-dei"

    Immer nur kurze primitive Sätze.

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