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Kommentar Die Reiseveranstalter spielen nach der Thomas-Cook-Pleite geschickt auf Zeit

Pauschalreisende bleiben auch im Jahr nach dem spektakulären Aus bei Megapleiten ungeschützt. Der Grund: Die Regierung greift nicht durch.
12.01.2020 - 18:51 Uhr Kommentieren
Der Reiseveranstalter war im Sommer 2019 pleite gegangen. Quelle: Reuters
Thomas Cook

Der Reiseveranstalter war im Sommer 2019 pleite gegangen.

(Foto: Reuters)

Buchen Sie auch wie Millionen Bundesbürger in diesen Tagen Ihren Sommerurlaub? Zu keinem Zeitpunkt im Jahr ist der Run auf Reisebüros üblicherweise so üppig wie in den ersten acht Wochen nach Weihnachten.

Wenn ja, können Sie in den Beratungsgesprächen belauschen, dass eines anders ist als noch vor zwölf Monaten: Mussten sich die Experten früher vorrangig Fragen nach sauberen Stränden, üppigen Büfetts in den Resorts oder einem deutschsprachigen Reisebegleiter stellen, steht nun erstmals eine ganz andere Sorge im Mittelpunkt: Wie sicher sind meine Urlaubsanzahlungen? Und von welchem Reiseveranstalter sollte man besser die Finger lassen? Zu tief sitzt bei vielen der Schock nach der Thomas-Cook-Pleite im September, die 660.000 Deutsche um ihr Geld bangen ließ.

Dass die Damen und Herren in den Reiseagenturen mit ihrer neuen Rolle meist überfordert sind, hat bei der Bundesregierung zu keiner Einsicht geführt. Das bittere Fazit lautet: Pauschalreisende bleiben auch im Jahr nach der Cook-Insolvenz bei Megapleiten ungeschützt. Getan hat sich seit dem Aus des zweitgrößten europäischen Urlaubsveranstalters in der staatlichen Regulierung buchstäblich nichts – obwohl Berlin für die Zahlung von 237 Millionen Euro an die Insolvenzopfer geradestehen muss.

Beruhigen mag da kaum, dass eine Wiederholungsgefahr laut Deutschem Reiseverband (DRV) rechnerisch nur bei den sechs größten der rund 2 000 deutschen Reiseveranstalter droht. Gerieten Tui, DER Touristik oder FTI in Schwierigkeiten, wäre die Schadenssumme durch Versicherungen nicht vollständig gedeckt. Ein ähnliches Risiko gilt für Alltours, Schauinsland und Aida. Auch dort übersteigen die angezahlten Kundengelder regelmäßig die Versicherungshöchstgrenze von 110 Millionen Euro.

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    Eine wirkungsvollere Absicherung der Kundengelder verhinderten Branchenvertreter zuletzt selbst. Am 9. Dezember trafen sie sich mit Abgeordneten und Regierungsvertretern zum „Positionsgespräch“, in dem sie darum baten, Pauschalreisen durch strengere Versicherungsregeln nicht unnötig zu verteuern. Die Haftungsbegrenzung habe dazu geführt, dass Pauschalreisen in den letzten Jahren günstig geblieben seien – so rühmte der mächtige DRV allen Ernstes die bisherige Unterversicherung. Kein Wort darüber, dass für die Lockangebote von Cook und Co. nun der Steuerzahler geradestehen muss.

    Bundesregierung steht in der Pflicht

    Doch Einsicht ist vielen in der Branche fremd. Die Versicherungssumme von 110 Millionen Euro reiche völlig aus, erklärte vor wenigen Tagen der Deutschlandchef von Tui – obwohl der Reiseveranstalter im Ernstfall deutschlandweit einen Schaden von einer Milliarde Euro hinterlassen würde, wie Versicherungen schätzen. Wozu überhaupt eine solch üppige Insolvenzabsicherung für Pauschalreisen, lamentieren andere hochrangige Tourismusmanager. So etwas gebe es schließlich auch nicht für Anzahlungen auf Waschmaschinen oder Neuwagen.

    Auch dies ist ein Ablenkungsversuch. Denn durch eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 1990 steht die Bundesregierung diesbezüglich in der Pflicht. Entsprechend bizarr ist die Situation, die sie nun selbst zu verantworten hat. Das BGB verpflichtet Reisebüros seit 1994, Urlaubern bei der Buchung das „Formblatt zur Unterrichtung des Reisenden“ auszuhändigen, den sogenannten Reisesicherungsschein. „Im Fall der Insolvenz des Reiseveranstalters (...) werden Zahlungen zurückerstattet“, verspricht das offizielle Dokument den deutschen Urlaubern.

    Eile scheint deshalb dringend geboten, sollte man meinen. Auch ein Papier der Grünen-Fraktion drängte schon vor einem Jahr – und damit Monate vor der Cook-Pleite – zum schnellen Handeln. Doch selbst der 237-Millionen-Euro-Schaden brachte die Große Koalition nicht aus der Ruhe.

    Im Februar soll es noch einmal eine Anhörung geben, vor der Sommerpause eine Neuregelung beschlossen werden. Ab Anfang November, so lautet die Planung, könnten deutsche Urlauber dann mit einer wirksameren Absicherung ihrer Gelder rechnen. Vielleicht. Noch aber sammelt man Ideen aus der Branche.

    Im munteren Wünsch-dir-was spielen die Reiseveranstalter geschickt auf Zeit. Denn solange der Gesetzgeber nicht nachbessert, besorgt der Steuerzahler weiter die Absicherung. Noch dreister bremsen die beiden Marktführer Tui und DER Touristik, deren Absicherung nicht einmal mehr den bisherigen laschen Gesetzen standhält. Unter Einschluss der Bahn-Tochter Ameropa hafteten die Reiseveranstalter jahrelang schlicht gegenseitig – und sparten sich damit die Versicherungsprämien.

    Die Finanzaufsicht Bafin erteilte ihnen deshalb eine Frist zur Nachbesserung, die kurz vor Weihnachten ablief. Nun gibt es eine Verlängerung bis Ende April, der womöglich noch einmal weitere drei Monate folgen. Alleingelassen werden auf die Weise die von den Kunden belagerten Reisebüromitarbeiter und die Pauschalurlauber, die mit Anzahlungen für den Sommerurlaub in Vorleistung gehen.

    Mehr: Der Bundestag soll die geplante Staatshilfe für Thomas-Cook-Urlauber absegnen, fordert die FDP. Die SPD will das Geld von den Unternehmen zurückfordern.

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