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Kommentar Die Stechuhr lässt sich zähmen

Der Gesetzgeber hat es in der Hand: Wenn das Arbeitszeiturteil des EuGH richtig umgesetzt wird, schadet es der Wirtschaft nicht.
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Ein Urteil verpflichtet die EU-Staaten, die Erfassung von Arbeitszeiten vorzuschreiben. Quelle: dpa
Zeiterfassung

Ein Urteil verpflichtet die EU-Staaten, die Erfassung von Arbeitszeiten vorzuschreiben.

(Foto: dpa)

Arbeit ist das halbe Leben, sagt ein altes Sprichwort. Und über dieses halbe Leben soll künftig genauer Buch geführt werden, wenn es nach dem Europäischen Gerichtshof geht. Jede Stunde Arbeit soll künftig exakt aufgezeichnet werden. Diese Hausaufgabe haben die Luxemburger Richter den nationalen Gesetzgebern mit auf den Weg gegeben.

Die Gewerkschaften sehen das Ende des „Zeitdiebstahls“ kommen – die Arbeitgeber den Untergang des Abendlands, wenn in jedem Betrieb nun die Stechuhr Einzug halten muss.

Aber ist die Aufregung gerechtfertigt?

Für knapp jeden zweiten Arbeitnehmer gilt schon heute eine betriebliche Zeiterfassung. Oft ist es der Schichtplan, der hier das Arbeitsleben bestimmt. Kranke wollen auch sonntags gepflegt, Maschinen auch nachts gewartet und mit Material versorgt werden. Rund jeder dritte Arbeitnehmer zeichnet selbst auf, von wann bis wann er arbeitet. Und nur gut ein Fünftel der Arbeitnehmer hat keine Zeiterfassung.

Hier stoßen wir in den Bereich der Vertrauensarbeitszeit vor. Die Arbeitsleistung muss erbracht werden, aber wann der Beschäftigte sie erledigt, ist dem Arbeitgeber relativ egal. Der klassische Nine-to-five-Job ist hier oft schon Geschichte.

Und je stärker Tablet und Smartphone zum Produktionsmittel werden, desto freier werden Beschäftigte auch in ihrer Arbeitszeitgestaltung. Das gibt mehr Freiraum für die Familie, für Freunde, für den Trainerjob im Sportverein oder den so lange aufgeschobenen Französischkurs.

Passt die alte Stechuhr in diese schöne neue Arbeitswelt? Sicher nicht, schon weil der Arbeitnehmer eben häufiger im Homeoffice arbeitet und seltener im Betrieb. Allerdings darf die Arbeit 4.0 auch nicht zur Arbeit ohne Grenzen werden.

Vertrauensarbeitszeit – der Name sagt es – setzt ein beiderseitiges Vertrauen voraus. Der Arbeitnehmer muss sich darauf verlassen können, dass sein Unternehmen ihm nur so viel Arbeit aufträgt, wie in der vereinbarten Zeit auch tatsächlich zu leisten ist.

Und der Arbeitgeber braucht die Gewähr, dass am Ende auch das fertige Produkt, der Text oder der neue Programmcode steht. Je öfter dieses Vertrauen missbraucht wird, desto größer wird das Bedürfnis werden, die Arbeitszeit korrekt zu erfassen. Erst wenn die Nachtschicht am heimischen Rechner zur Regel wird, weil sonst das Arbeitspensum nicht zu leisten ist, wird die Vertrauensarbeitszeit zum Problem.

Und wird eine Zeiterfassung wirklich zur Spaßbremse in der jungen digitalen Start-up-Welt, in der die Stechuhr wie ein Relikt aus dem Industriezeitalter wirkt? Richtig ist, dass viele junge Gründer und ihre Angestellten für ihre Arbeit brennen, dass sie etwas auf die Beine stellen, Erfolg haben wollen. Ein starres Arbeitszeitkorsett stört da nur.

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Wenn das Projekt fertig werden muss, wird eben mal drei Wochen und an den Wochenenden durchgearbeitet. Alles in Ordnung, solange es die Möglichkeit zum Ausgleich gibt und das Brennen für den Job nicht in Selbstausbeutung mündet. Die Arbeitsstunden zu notieren kann helfen, das zu verhindern.

Das Argument, dass mit der Arbeitszeiterfassung ein Bürokratiemonster drohe, sticht jedenfalls nicht. Wo sich Arbeit über Tablet oder Smartphone erledigen lässt, können per App auch die Arbeitszeiten erfasst werden. Nichts ist leichter als das. Dennoch stellen sich dem Gesetzgeber, der das Luxemburger Urteil jetzt in nationales Recht umsetzen muss, nun viele Fragen neu.

Wird auch die Zeit erfasst, wenn der Arbeitnehmer morgens in der U-Bahn die ersten Mails durchsieht? Und wenn er abends um elf noch schnell die Anfrage des Chefs beantwortet? Heißt das dann auch, dass er am nächsten Tag frühestens um zehn wieder ins Büro kommen darf, weil er sonst die elfstündige Ruhezeit nicht einhält?

Das alles sind Fragen, die der Arbeitsminister beantworten muss, wenn er sich jetzt ans Werk macht, das Luxemburger Urteil umzusetzen. Er hat es in der Hand, eine Lösung zu finden, die den Beschäftigten dient und der Wirtschaft nicht schadet.

Dazu gehört zuvorderst, die Regelung der Arbeitszeiterfassung wo immer möglich den Sozialpartnern zu übertragen. Arbeitgeber und Gewerkschaften haben in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen viele taugliche Modelle gefunden.

Auch Vertrauensarbeitszeit kann im Rahmen solcher Verabredungen geregelt werden. Um gerade kleinen Unternehmen die Anschaffung kostspieliger Zeiterfassungssysteme zu ersparen, sollten die Arbeitgeber die Erfassung auch künftig an die Arbeitnehmer delegieren können. Auch die Möglichkeit, dass Beschäftigte sich auf freiwilliger Basis gegen eine Zeiterfassung entscheiden können, sollte im Gesetz stehen.

Ob die Mehrarbeit dann künftig weniger wird, bleibt abzuwarten. Auch die beste Zeiterfassung nützt nichts, wenn Überstunden nicht abgebaut werden können, weil sonst keiner die Arbeit macht. Polizisten, Pflegekräfte oder Lokführer können ein Lied davon singen.

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