Kommentar Die Türkei in der Sanktionsfalle – Erdogan wird mit unbequemen Mitteln zur Vernunft gebracht

Der Druck Washingtons wird den türkischen Präsidenten dazu zwingen, wieder mit dem Westen zu kooperieren. Denn Erdogans Rückhalt schwindet.
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Nato-Verbündete erzielen bei Verhandlungen keinen Durchbruch Quelle: dpa
Erdogan und Trump

Der türkische Präsident könnte schon bald dazu übergehen, mit dem Westen zu kooperieren.

(Foto: dpa)

Selbst glühende Unterstützer des türkischen Präsidenten verlieren langsam die Nerven. Hinter verschlossenen Türen beschweren sich immer mehr Anhänger des Regierungslagers über Erdogans Kurs in der Wirtschaftspolitik. Kein Wunder: Die Lira hat seit Jahresbeginn zum US-Dollar fast 30 Prozent an Wert verloren, die Inflation ist auf 15 Prozent pro Jahr geklettert. Der Lohn der Menschen im Land verliert stündlich an Wert, im selben Maße nimmt die Zuversicht ab.

Jetzt drohen auch noch weitere Sanktionen aus den USA. Der Druck aus Washington wird seine Wirkung entfalten: Erdogan, der mit seinem antiwestlichen Kurs auf Wählerjagd ging, lenkt bereits ein. Die Zeichen stehen auf Kooperation – gut so!

Hintergrund ist ein Streit über einen in der Türkei gefangenen US-Pastor. Washington verlangt seine Auslieferung, während Ankara ihn der Terrorunterstützung bezichtigt. Doch da in den USA im Herbst Kongresswahlen anstehen, lassen US-Präsident Trump und sein Vize nicht locker.

Der Druck auf die türkische Wirtschaft hat jedoch auch mit dem Nachbarn Iran zu tun. Die USA wollen das Regime in Teheran unter Druck setzen und haben daher neue Sanktionen gegen den Iran eingeführt. Das betrifft auch alle Länder, die Geschäfte mit dem Land machen. Die Türkei deckte ihren Ölbedarf zuletzt fast zur Hälfte aus dem Iran. Der zweitgrößte Öllieferant der Türkei ist Russland – das ebenfalls mit US-Sanktionen belegt ist.

Doch selbst jetzt, da der internationale Druck auf Moskau, Teheran und Ankara gleichermaßen wächst, will Erdogan daran nichts ändern. Die Alternative wären nämlich höhere Energiepreise. Und das kann sich Erdogan in seiner gegenwärtigen Situation – 15 Prozent Inflation, eine taumelnde Lira, unzufriedene Bürger – schon gar nicht leisten.

Deshalb wird der türkische Präsident schon bald dazu übergehen, wieder mit dem Westen zu kooperieren. Anzeichen dafür gibt es schon jetzt. So wird Erdogan Ende September nach Berlin kommen, um über eine weitere Kooperation unter anderem beim Flüchtlingspakt zu sprechen. Auch hat seine Rhetorik gegenüber dem Westen spürbar an Aggressivität verloren.

Erdogan riskiert damit einen Vertrauensverlust bei einem Teil seiner Wähler, rettet aber womöglich sich selbst vor weiteren Attacken aus Washington. Und auch in der Türkei werden spätestens im kommenden Frühjahr Bürgermeister und Distriktgouverneure gewählt. Erdogans AKP drohen erhebliche Verluste, sollte die Währung weiter den Bach runtergehen.

Der türkische Präsident, der glaubte, er könne der Finanzwirtschaft seine eigenen Regeln oktroyieren, wird mit unbequemen Mitteln zur Vernunft gebracht.

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