Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Die Windbranche steht vor einer Bewährungsprobe

Der größte deutsche Windkonzern Enercon macht die deutsche Politik für seine Krise verantwortlich. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
1 Kommentar
Windkraftindustrie: Existenzsorgen trotz Ökostrom-Rekorden Quelle: ZB
Windkraftpark in Brandenburg

Der deutsche Markt für Windenergieanlagen steckt in einer Krise.

(Foto: ZB)

Es gehört schon eine gute Portion Mut dazu, die deutsche Politik für das gesamte Geschäft eines Konzerns mit knapp 18.000 Mitarbeitern verantwortlich zu machen. Der Windturbinenhersteller Enercon hat genau das getan. „Die Politik hat uns den Stecker gezogen“, sagte Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig.

Kurz zuvor hatte der Windanlagenbauer aus Ostfriesland verkündet,  3000 Stellen abbauen zu wollen. Zum ersten Mal in der Geschichte schreibt der Konzern rote Zahlen: 200 Millionen Euro Verlust allein im vergangenen Jahr. 2019 dürfte es noch mehr werden.

Es stimmt, der deutsche Markt für Windenergieanlagen steckt in der Krise. Eine Krise, die sich seit zweieinhalb Jahren immer weiter verschärft.

Auslöser waren neue Rahmenbedingungen. Erst wurde das System von festen staatlichen Vergütungen auf Ausschreibungen umgestellt, in denen nur noch die billigsten Anbieter den Zuschlag bekommen. Dann wurden Bürgerenergiegesellschaften zu den Auktionen zugelassen, ohne dass sie eine Genehmigung vorlegen müssen.

In der Folge fiel der Ausbau neuer Windräder im ersten Halbjahr 2019 auf ein historisches Tief. Gerade einmal 86 Anlagen sind neu dazugekommen – ein Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zugleich tobt weltweit ein heftiger Preiskampf in der Windindustrie.

Es sind Entwicklungen, die sich seit zwei Jahren anbahnen und die schon mehrere Zehntausend Jobs gekostet haben. In der Folge dürfte das von der Bundesregierung vorgegebene Ausbauziel von 2500 Megawatt für 2019 haushoch verfehlt werden, und das Klimaziel von 65 Prozent erneuerbarer Energie bis zum Jahr 2030 wird so auch nicht erreicht werden können.

Grafik

Schon gar nicht, wenn die viel diskutierte Abstandsregelung von 1000 Metern zu Wohngebieten tatsächlich eingeführt wird, sie soll die Akzeptanz fördern. Denn immer mehr Bürger wehren sich gegen die über 200 Meter hohen Mühlen in ihrer Nachbarschaft und klagen gegen beinahe jedes Projekt. Fatal für das Energiewende-Land Deutschland.

Hälfte aller Windräder in Deutschland stammen von Enercon

Enercon galt mit seiner ans Silicon Valley erinnernden Entstehungsgeschichte lange als Ikone der grünen Szene. Aus einer Auricher Garage machte Gründer Aloys Wobben die Windfirma zum deutschen Marktführer und baute ein Windkraftimperium auf.

Mehr als die Hälfte der knapp 30.000 Windräder hierzulande kommen aus seinen Werken. Eine grüne Erfolgsgeschichte. Jetzt droht der einstige Branchenprimus den Anschluss zu verlieren.

Während Siemens Gamesa, Nordex und damals auch noch der nun insolvente Turbinenhersteller Senvion schon vor zwei Jahren Tausende Stellen strichen und sich auf ihre Expansion ins Ausland konzentrierten, hielt Enercon sich zurück. Zu lange schien sich die Konzernführung in Aurich darauf zu verlassen, dass die Politik es schon richten werde.

Drei Viertel seines Geschäfts machte der Windriese lange Zeit in Deutschland. Dass die veränderte Situation hierzulande Enercon am schlimmsten trifft, wundert da kaum. So hart hätte es aber nicht kommen müssen.

Anders als viele Konkurrenten produziert Enercon fast alle Teile seiner Wertschöpfungskette selbst und fast ausschließlich in Deutschland. Im Ausland probierte sich das norddeutsche Unternehmen zwar aus, konzentrierte sich aber weiterhin auf den heimischen Markt.

Verständlich, immerhin konnte sich Enercon genauso wie der Rest der Branche fast zwanzig Jahre lang auf üppige Vergütungen verlassen. Wirtschaftlich zu produzieren war da nicht schwer. Im beinahe freien Markt der Ausschreibungen zeigt sich nun, wer seine Hausaufgaben gemacht hat. Oder wer schneller gelernt hat.

Siemens und Nordex haben den Wandel besser hinbekommen als Enercon. Sie verlegten Teile der Produktion ins Ausland und haben sich zusätzlich internationale Partner ins Boot geholt, mit Gamesa und Acciona (Nordex) zufällig Partner aus Spanien.

Die Unternehmen stehen heute deutlich besser da als Enercon. Siemens Gamesa kämpft zwar mit sinkenden Margen, schreibt aber weiterhin Gewinne, und Nordex kann sich über ein Auftragswachstum in wichtigen Märkten wie Nordamerika freuen.

Grundsätzlich ist die deutsche Politik in Sachen Windenergie mit Blick auf das Erreichen der Klimaziele eine Katastrophe. Für die deutschen Windanlagenkonzerne ist diese Politik allerdings auch hilfreich. Die Einführung der Ausschreibungen hat die Branche zum Umdenken gezwungen. Ohne mehr Effizienz hätten die Hersteller im internationalen Wettbewerb keine Überlebenschance gehabt. Und weil das Potenzial des deutschen Windmarktes begrenzt ist, braucht die Industrie das Geschäft im Ausland, wenn sie weiter wachsen will.

Viel zu lange hat sich die Ökostrombranche von hohen Subventionen blenden lassen, Innovationen vernachlässigt und es versäumt, das Geschäft ausreichend zu globalisieren. Den Stecker hat die Politik jedenfalls nicht allein gezogen.

Mehr: Senvion insolvent, Enercon angeschlagen: In der Windindustrie sind bereits tausende Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Konzerne müssen sich schnell auf andere Märkte ausrichten.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Kommentar - Die Windbranche steht vor einer Bewährungsprobe

1 Kommentar zu "Kommentar: Die Windbranche steht vor einer Bewährungsprobe"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Enercon ist möglicherweise ein Einzelschicksal, aber wenn wir immer wieder vom Klimawandel sprechen und auf grünen Strom setzen, dann frage ich mich schon, wie wir die Klimaziele erreichen wollen. Die Politik sorgt mit veränderten Rahmenbedingungen dafür, dass kaum noch Windräder gebaut werden, ganz davon abgesehen davon, dass auch die Bestandsanlagen sukzessive rückgebaut werden. Aber bitte nicht nur die Politik anprangern. Wenn wir Menschen den Klimawandel ernst nehmen, kann es nicht sein, dass wir grünen Strom fordern, aber bitte nicht vor der eigenen Haustür produzieren. Es gibt in Deutschland viele Haustüren.