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Kommentar Die Wirtschaft ist Erdogans Achillesferse

Der türkische Präsident will in der Weltpolitik mitreden. Dabei lässt er die heimische Wirtschaft außer Acht. Das könnte sich noch rächen.
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Türkei: Die Wirtschaft ist Erdogans Achillesferse – ein Kommentar Quelle: AP
Recep Tayyip Erdogan

Erdogan hat es geschafft, dass sich die großen und mächtigen Staatschefs einmal mehr mit der Türkei beschäftigen.

(Foto: AP)

Die Nachricht war zu schön, um wahr zu sein, zumindest aus türkischer Sicht. Seit mehr als zwei Jahren fordert die türkische Führung die USA auf, den islamischen Prediger Fethullah Gülen auszuliefern. Die türkische Regierung und ein Großteil der Bevölkerung des Landes machen den 77-jährigen Sektenführer für den Putschversuch verantwortlich, bei dem im Juli 2016 über 250 Zivilisten starben.

Und auf einmal, ganz plötzlich, ist es so weit? Der türkische Außenminister sagte am Sonntag, US-Präsident Donald Trump habe Erdogan die Auslieferung Gülens zugesagt. Einen Tag später wollte das Weiße Haus von dieser angeblichen Abmachung nichts mehr wissen. Und das, obwohl Trump Mitte November noch selbst angekündigt hatte, nun aktiv an einer Auslieferung Gülens an die Türkei zu arbeiten.

Doch eines ist klar: Erdogan hat es geschafft, dass sich die großen und mächtigen Staatschefs einmal mehr mit der Türkei beschäftigen. Das Vorgehen hat Methode. Der türkische Präsident, der es vom Hafenjungen bis an die Verhandlungstische der globalen Mächte geschafft hat, will in der Weltpolitik mitreden. Bei aller Bewunderung für den Thron, auf dem er längst sitzt, lässt der türkische Präsident jedoch eines außer Acht: die Wirtschaft. Das könnte sich noch rächen.

Vor 15 Jahren noch tourte Erdogan durch die Welt, um seine Partner im Westen von seinen liberalen Absichten zu überzeugen. Gleichzeitig arbeitete er daran, seinen Einfluss zu festigen und auszubauen. Auch dann noch, als sich die Vorzeichen für Erdogans Machtagenda verschlechterten: Der Krieg im Nachbarland Syrien etwa hat die Türkei direkt getroffen.

Terroristen verübten blutige Anschläge, der Tourismus brach ein. Erdogan wusste diese Bürde in geopolitisches Kapital umzumünzen. Im Syrienkrieg gehört die Türkei zu den drei Schutzmächten.

Auch die Massenproteste im Sommer 2013 nutzte Erdogan letztlich, um seine Unterstützer hinter sich zu vereinen. Außerdem ist die Türkei derzeit das Land, das weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Das ist eine Last für den Staatshaushalt und die Einheimischen, die die „Gäste“ lieber wieder auf der anderen Seite des Grenzzauns sähen. Doch Erdogan nutzt auch diese humanitäre Geste geschickt, um Beistand zu erlangen – und Geld.

Im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi ist es wieder Erdogan, der den Fall geschickt für sich nutzt und damit den Hegemon Saudi-Arabien vor sich hertreibt. Gleichzeitig handelte Erdogan aus, die Türkei von den neuen Sanktionen der USA gegen den Iran zu verschonen. Ein Kunststück.

Auch in Moskau steht der Schwarzmeerpartner immer häufiger auf der Agenda. In der letzten umkämpften syrischen Provinz Idlib haben beide Seiten unterschiedliche Ansichten. Weiter östlich marschiert türkisches Militär dort ein, wo kurz zuvor amerikanische Truppen patrouillierten. Doch denkt Erdogan nicht im Traum daran, vor den großen UN-Vetomächten einzuknicken.

Offenbar hat er mit diesem Querulantenkurs auch noch Erfolg. Russlands Präsident Putin fliegt regelmäßig in die Türkei. Trump sagte kürzlich noch, es gebe keine Probleme mit Erdogan.

Und nun Gülen. Ob der Sektenführer, der seit 1999 in den USA lebt, am Ende wirklich ausgeliefert wird oder nicht, steht noch nicht fest. Klar ist, dass Erdogan Trumps Entgegenkommen innenpolitisch bereits als Sieg feiern darf. Die penetrante Sturheit hat Erdogan am Ende viel Spielraum verschafft.

Der Drang türkischer Spitzenpolitiker, sich in der Welt Gehör zu verschaffen, ist nicht neu. Turgut Özal etwa, der Vater des türkischen Wirtschaftswunders der 1980er-Jahre, gab einmal in einem Interview zu, sich über eine Woche in einem Hotel in Washington einquartiert zu haben, weil der damalige US-Präsident Bush senior ihm partout keinen Termin geben wollte. Am Ende trafen sich die beiden im Oval Office.

Erdogans Problem: Bei ihm spielt die Wirtschaft nicht mit. Das Wachstum hat nachgelassen, die Währung leidet wie die vieler Schwellenländer unter dem starken Dollar, die Inflation hat zwischenzeitlich fast 25 Prozent erreicht.

Um die Wirtschaft des Landes auf Vordermann zu bringen, braucht es Reformen, Modernisierung und Innovation. Machtpolitik öffnet auch Unternehmern Türen, beschert aber noch lange keine Hochkonjunktur. Denn dafür braucht Erdogan Modernisierungspartner. Und die findet er vor allem bei seinen alten Verbündeten.

Die Abwanderung junger Uni-Absolventen ist schlimmer als nur ein Aderlass. Die kreditfinanzierte Einkaufstour türkischer Großkonzerne in den vergangenen Jahren müssen die Firmenchefs nun teuer bezahlen. Da hilft auch keine Machtpolitik.

Schafft Erdogan es, die jüngste Krise schadenfrei zu überstehen, räumt er damit eines seiner letzten Probleme beiseite. Schafft er es nicht, droht bei der Kommunalwahl im März ein weiterer bitterer Denkzettel von der Basis. Die Wirtschaft ist Erdogans Achillesferse.

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