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Kommentar Dieselskandal: Warum der VW-Deal mit Winterkorn und Co. falsch ist

Konzerne wie VW lassen ihre Vorstände zu glimpflich davonkommen, wenn sie Schäden zu verantworten haben. Oft müssen Topmanager nur symbolische Beiträge leisten.
21.07.2021 - 09:33 Uhr Kommentieren
VW-Logo Quelle: dpa
Volkswagen

11,2 Millionen Euro soll der ehemalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn wegen des Dieselskandals an seinen früheren Arbeitgeber überweisen. Nie zuvor zahlte ein Manager in Deutschland mehr. Bei Heinrich von Pierer waren es infolge des Schmiergeldskandals bei Siemens fünf Millionen Euro, nach der Kirch-Affäre der Deutschen Bank zahlte deren ehemaliger Chef Rolf Breuer 3,2 Millionen Euro.

Volkswagen übertrifft diese Zahlen um ein Mehrfaches. Mit 18 Millionen Euro sollen Winterkorn und andere Spitzenmanager insgesamt büßen. Doch was wie ein Weckruf für mehr Verantwortungsbewusstsein in deutschen Chefetagen aussieht, ist ein Freifahrtschein.

Deutsche Konzerne gehen viel zu nachsichtig mit ihrem einstigen Führungspersonal um, wenn unter dessen Leitung große Schäden passieren. Bei Volkswagen zieht sich die voreilige Exkulpation wie ein roter Faden durch die Dieselaffäre. Winterkorn war im Herbst 2015 kaum zurückgetreten, da gab das Aufsichtsratspräsidium von Volkswagen eine Ehrenerklärung für ihn ab.

Die Kontrolleure verkündeten im Brustton der Überzeugung, dass „Herr Professor Dr. Winterkorn keine Kenntnis hatte von der Manipulation von Abgaswerten“. Dann dankten sie ihm für „seine überragende Leistung in den vergangenen Jahrzehnten und für die Bereitschaft, in der derzeit kritischen Situation Verantwortung zu übernehmen“.

Heute ist Winterkorn wegen Betrugs angeklagt, der Strafprozess beginnt in wenigen Monaten am Landgericht Braunschweig. Ehemalige Audi-Manager sitzen in München auf der Anklagebank. Einer von ihnen ist der frühere Unternehmenschef Rupert Stadler. Obwohl Audi im Zentrum des Dieselskandals stand, konnte sich Stadler bis 2018 im Amt halten. Stadler hatte die Aufarbeitung der Affäre schon für beendet erklärt, als er vier Monate lang in Untersuchungshaft kam.

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Stadler und Winterkorn die Unschuldsvermutung. Selbst Volkswagen ist aber überzeugt, dass die Manager fahrlässig ihre aktienrechtlichen Sorgfaltspflichten verletzten. Aufsichtsrat und Vorstand ließen die Sache von den Kanzleien Gleiss Lutz und Linklaters begutachten. Auf dieser Grundlage forderten sie das Geld.

Volkswagen lässt Milde walten

Als im April publik wurde, dass Volkswagen seine Ex-Vorstände in Anspruch nehmen wollte, war von Milliardenbeträgen die Rede. Dann kreißte der Wolfsburger Berg und gebar eine Maus. Die Millionen, die Winterkorn und Stadler zahlen sollen, sind für die meisten Menschen sehr viel Geld. Für die beiden Manager sind es nicht einmal Jahresgehälter.

Warum diese Milde – ausgerechnet bei einem Konzern, der bekannt dafür ist, etwa seine Zulieferer bis auf den letzten Cent auszuquetschen? Man sehe die Lebensleistung von Winterkorn und wolle ihn nicht in den Ruin treiben, hieß es von Volkswagen.

Man fragt sich, ob in Wolfsburg eine andere Mathematik gilt als im Rest der Republik. Winterkorn hätte auch 20, 30 oder 50 Millionen Euro zahlen können, ohne ruiniert zu sein. Und warum soll ein Mann nicht für den Schaden aufkommen, für den er verantwortlich ist?

Aber nicht einmal mit dieser Frage will Volkswagen Winterkorn belasten. Der Vergleich sieht vor, dass die Zahlung keinerlei Eingeständnis bedeutet. Sie geschehe „ohne Anerkenntnis einer Schadensersatzpflicht“ und „ohne Anerkenntnis einer Pflichtverletzung“.

Es bleibt also bei einem kleinen Klaps für Winterkorn, nachdem Volkswagen in seinen Grundfesten erschüttert worden ist. 32 Milliarden Euro kostete die Dieselaffäre den Konzern. Dabei ist die letzte Rechnung für Volkswagen noch gar nicht geschrieben. Trotzdem will der Konzern Winterkorn von sämtlichen Schadenersatzforderungen freistellen.

Wattiert durch ein altes Netzwerk

Der VW-Deal zeigt vor allem eines: Topmanager brauchen sich nicht darum zu scheren, welche Schäden unter ihrer Führung geschehen. In ihrer Amtszeit verdienen sie Millionen, danach sind sie wattiert durch ein altes Netzwerk: zartfühlige Aufsichtsräte und Versicherer, die Gelder zahlen, die sie nicht zahlen müssten.

30 Versicherungsgesellschaften haben sich mit Volkswagen darauf geeinigt, insgesamt 270 Millionen Euro an Volkswagen zu überweisen. Dabei schließen ihre D&O-Policen in aller Regel aus, Schadensersatz zu zahlen, wenn die versicherten Manager den Schaden durch ein grob fahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten selbst verschuldet haben.

Genau dies, die Schuld, soll in wenigen Monaten vor Gericht geklärt werden. Die Versicherungsgesellschaften zahlen vor dieser Klärung. Ob es daran liegen mag, dass sie den Großkunden Volkswagen mit all seinen gut zu versichernden Managern nicht verlieren wollen?

Für Winterkorn, Stadler und die anderen Dieselgate-Manager jedenfalls hätte es nicht besser laufen können.

Mehr: Warum die Abschaffung des Compliance-Ressorts bei VW ein großer Fehler wäre

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