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Kommentar Diess will VW mit aller Härte umbauen – doch der langfristige Erfolg ist zweifelhaft

Der VW-Chef will und muss den Konzern sanieren. Diess wählt dafür den Schnelldurchgang. Das könnte sich bald rächen.
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Der Chef des Autobauers sitzt seit drei Jahren im Vorstand. Quelle: imago images / Susanne Hübner
Herbert Diess

Der Chef des Autobauers sitzt seit drei Jahren im Vorstand.

(Foto: imago images / Susanne Hübner)

Der Volkswagen-Konzern hat unter allen deutschen Automobilherstellern sicherlich den größten Nachholbedarf. Die Marge der Kernmarke VW dümpelt seit Jahren vor sich hin, und wirklich integriert hat sich das Unternehmen mit seinen zwölf Markennamen bis heute nicht. Durch diese Missstände verliert der Autobauer jedes Jahr einige Milliarden Euro. Die Ursachen für die Probleme sind vielfältig, die Lösung für alle Schwierigkeiten scheint einen Namen zu tragen: Herbert Diess.

Der 60-Jährige sitzt seit drei Jahren im Vorstand von Volkswagen und steht seit nunmehr einem Jahr an der Spitze des Wolfsburger Konzerns. Es ist einer der wichtigsten Jobs in der deutschen Industrie.

Diess ist Chef von 650.000 Mitarbeitern, von denen keiner so ganz genau weiß, wer seinen Job in einigen Jahren noch haben wird. Um möglichst vielen Beschäftigten eine Zukunft zu bieten und um Volkswagen an der Spitze der Branche zu halten: Für diese Aufgabe haben die Großaktionäre, also die Familien Porsche/Piëch und das Land Niedersachsen, Diess in Absprache mit dem Betriebsrat zum Vorstandsvorsitzenden gemacht.

Diess nimmt die Herausforderung an. Stärker als wahrscheinlich jeder seiner Vorgänger greift er ein in das Gefüge von Volkswagen. Diess will und muss den Konzern sanieren. Seitdem er auf dem Chefsessel Platz genommen hat, ist kein Bereich vor Veränderungen sicher. Er will den Umbau im Schnelldurchgang. Wenn Diess in spätestens drei Jahren aus Altersgründen den Posten räumen wird, dann sollen in Wolfsburg die Weichen gen Zukunft gestellt sein.

Um den Umbau unter diesem Zeitdruck zu stemmen, geht Diess mit aller Härte vor. Gegen das eigene Management und den Betriebsrat – beiden Gruppen wirft er vor, nötige Veränderungen zu blockieren. Aber auch gegen die Wettbewerber, denen er indirekt mit einem Ausstieg aus dem Branchenverband VDA droht.

Vergangene Woche lästerte er auf einer Betriebsversammlung über die angeblichen Defizite der Konkurrenten. Ford und Opel bekamen ihr Fett weg, aber auch BMW und Daimler: Die beiden Letztgenannten würden nur aus der Not heraus eine Zusammenarbeit bei selbstfahrenden Autos und beim Fahrzeugbau anstreben.

Eine Betriebsversammlung ist keine rein interne Veranstaltung, vieles von dem Gesagten wird nach außen getragen. Diess muss sich dessen bewusst gewesen sein. Seine abfälligen Sätze in Richtung der Konkurrenz dürften also wohl gewählt sein. Sie sind eine gewollte Provokation und damit ein Bruch der bisherigen Umgangsformen in diesem stolzen Industriezweig. Der oberste Chef von Volkswagen hat damit einen weiteren Konfliktschauplatz eröffnet und noch mehr Menschen gegen sich aufgebracht.

Sicher, mit seiner Härte beschleunigt Diess überfällige Entscheidungen, weil er die Menschen zu Veränderungen zwingt. Zweifelsohne setzt er mit dieser Methode den einen oder anderen in Bewegung, der sonst im alten Trott weiterarbeiten würde. Beim Management und dem Betriebsrat kann er so vielleicht härtere Einschnitte bei den Kosten durchdrücken.

Auch das Land Niedersachsen wird diese womöglich akzeptieren. Setzt sich Diess durch, dann wird er Erfolge bei der Sanierung der VW-Gruppe vorweisen können. Aber sie werden nicht reichen.

Angesichts des doppelten Branchenumbruchs durch Digitalisierung und Elektromobilität ist es nämlich die falsche Strategie, neues Denken mit alten Methoden erzwingen zu wollen. Mit seiner Lust an der Provokation ignoriert der VW-Chef eine wesentliche Veränderung: In der Automobilindustrie geht es nicht mehr jeder gegen jeden. Die Hersteller sind ebenso aufeinander angewiesen wie Manager und Mitarbeiter – und das mehr als je zuvor.

Kein Unternehmen kann auf Dauer aus eigener Kraft die Investitionen in neue Technologien stemmen. Die Firmen brauchen einander, und sie brauchen ihre Mitarbeiter, egal, auf welcher Hierarchiestufe diese stehen. In den Führungsetagen von Daimler und BMW haben die Verantwortlichen diesen Paradigmenwechsel erkannt.

Natürlich müssen auch BMW und Daimler sparen und ihre internen Arbeitsabläufe verändern. Aber Daimler-Chef Dieter Zetsche und BMW-Boss Harald Krüger machen dies im Einvernehmen mit dem Betriebsrat. Sie können damit vielleicht nicht den letzten Euro bei den Kosten herausquetschen. Aber sie erhalten sich das Vertrauen ihrer Mannschaften. Und auf deren Tatendrang und deren Ideen sind die Konzerne zwingend angewiesen.

Die Bereitschaft zu Veränderungen kann aber nur wachsen, wenn die Mitarbeiter nicht befürchten müssen, vom obersten Chef für schnelle Sparerfolge geopfert zu werden.

Diess hat das Vertrauen bei vielen Beschäftigten verloren, und er hat die Wettbewerber gegen sich aufgebracht. Eine Folge daraus könnte sein, dass der von ihm kritisierte Ford-Konzern eine geplante Kooperation beim autonomen Fahren platzen lässt. VW müsste dann mehr Geld in die Entwicklung stecken. Für die langfristige Entwicklung wäre das fatal.

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