Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Digitalpolitik in Europa: Endlich dafür, statt immer nur dagegen

Europas Digitalpolitik bestand viel zu lange nur in Verteidigungsmaßnahmen gegen US-Konzerne. Frankreichs Präsident Macron macht Hoffnung auf einen Neustart.
22.06.2021 - 17:20 Uhr Kommentieren
Die Gefahr, von Frankreich abgehängt zu werden, dürfte in Deutschland noch Ehrgeiz entfachen. Quelle: Reuters
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Die Gefahr, von Frankreich abgehängt zu werden, dürfte in Deutschland noch Ehrgeiz entfachen.

(Foto: Reuters)

Nichts anderes als pure Angst hat die Politik in Europa für die Digitalindustrie in den vergangenen Jahren mehr angetrieben. Datenschutzschilde oder das Kartellverfahren gegen Google zeigen dies sinnbildlich. Dabei entstand bisher oft der Eindruck: Europas Wettbewerbshüter können den Druck der US-Giganten auf kleine europäische Digitalfirmen zwar ein bisschen abmildern. Aber für viele ist das nur eine Maßnahme für den temporären Lebenserhalt.

Und jetzt kommt Emmanuel Macron! Der französische Präsident geht die Sache anders an. Führende Digitalkonzerne will er in Europa aufbauen, sieben sollen schon bis 2030 mehr als 100 Milliarden Euro wert sein. Und das ist nur eins der Ziele, für das er auch andere EU-Staaten gewinnen will, wenn Frankreich Anfang nächsten Jahres die EU-Präsidentschaft antreten wird. Seine digitale Mission hat bereits vorab begonnen.

Nun lässt sich einwenden: Reden ist einfach. Visionen haben viele. Aber wer so denkt, hat Macron noch nicht erlebt. Die halbe deutsche Gründerszene ist kürzlich nach Paris gereist. Alle wollten dabei sein, ihre Investoren und Geschäftsfreunde mitbringen – vom Quantenunternehmer zum Digitalversicherer, vom Start-up-Präsidenten zum Raketenfirmengründer. Denn Macron hat die Gründer in Europa gefragt, was er tun soll für Start-ups und die schon reiferen Scale-ups in Europa.

So haben sie diskutiert in den letzten Wochen. Der deutsche Gründer, die spanische Unternehmerin, die Weltraummanagerin aus Italien – und auch Investoren aus Großbritannien. Das europäische Start-up-Ökosystem geht über die Grenzen der EU hinaus.

Herausgekommen ist bei den Diskussionen der Gründer- und Digitalszene ein 21 Empfehlungen umfassendes Manifest, das Macron jetzt als seine Agenda umzusetzen versucht.

Macrons Botschaft ist nicht zu unterschätzen

Demnach muss es für Start-ups einfacher werden, überall in Europa Mitarbeiter einzustellen. Vor allem für forschungsintensive Innovationen soll es mehr Förderung geben. Europäische Fonds sollen mit staatlicher Unterstützung groß genug werden, um Finanzierungsrunden über Hunderte Millionen souverän aus Europa zu stemmen. Und natürlich müssen die Steuern für Mitarbeiterbeteiligungen runter – damit auch Manager aus dem Silicon Valley nach Europa kommen, die schon wissen, wie man Tech-Riesen aufbaut. Diese Diskussion wird in Deutschland besonders hitzig geführt.

Nun hat Macron noch kein Gesetz geändert und noch keinen Cent mehr für Technologieentwicklung in Europa bereitgestellt. Bei genauerem Hinsehen scheint es sogar utopisch, die ein oder andere Empfehlung in der EU umzusetzen. Ist das verrückt? Oder genial? Viele in der Szene votieren für Letzteres.

Denn für die Gründer ist völlig egal, wer mit der Umsetzung zuerst anfängt: die EU, einzelne Staatschefs oder nur Bürgermeister. Ihr Manifest enthält sogar Empfehlungen, die die Branche ganz allein anpacken kann oder sogar muss – mehr Transparenz über den Erfolg von Wagniskapitalgebern etwa, die das Vertrauen in und Verständnis für das Risikokapitalgeschäft stärken.

Diese Botschaft hat Macron schon vermittelt mit seiner Initiative und sie ist nicht zu unterschätzen: Es geht nicht länger darum, Schutzwälle zu bauen, sondern innere Barrieren niederzureißen. Wer erst mal zu debattieren anfängt, wer wofür zuständig ist und an welchen Punkten man gar nicht erst anzufragen braucht, kann den Versuch auch gleich unterlassen.

Es geht um Investitionen in die nächste Generation von Dax-Konzernen

Ermutigend dabei ist zu sehen, wie sehr vor allem junge deutsche Unternehmer an die Stärke Europas glauben – an Fortschritt und Innovation durch den Wettbewerb zwischen den Industrien und politischen Systemen.

Aber mit manchen Forderungen kommen sie in Berlin einfach nicht weiter. Das beste Beispiel ist der Frust über die vergleichsweise hohe Besteuerung für Mitarbeiterbeteiligung. Zwar wurden dort inzwischen sogar Reformen erreicht, aber viele Gründer werfen der Regierung vor, sie habe das Problem überhaupt nicht verstanden. Es geht hier nicht um Maßnahmen der Kategorie Kinderfreibeträge, die gerecht verteilt werden sollen, sondern um Investitionen in die nächste Generation von Dax-Konzernen.

Frankreich und Macron sind da schon weiter. Und so ist die Präsenz deutscher Start-up-Unternehmer beim Treffen in Paris auch ein Signal an die Bundesregierung. Der Verweis auf Bedingungen im Silicon Valley mag nur noch für Schulterzucken sorgen. Aber die Gefahr, von Frankreich abgehängt zu werden, dürfte in Deutschland endlich den benötigten Ehrgeiz entfachen.

Mehr: Die neuen deutschen Einhörner: Wo sie stark sind – und auf welche Start-ups Investoren in Zukunft setzen

Startseite
Mehr zu: Kommentar - Digitalpolitik in Europa: Endlich dafür, statt immer nur dagegen
0 Kommentare zu "Kommentar: Digitalpolitik in Europa: Endlich dafür, statt immer nur dagegen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%