Kommentar Draghis Feuerschutz hält nicht lange vor

Die Entscheidung der EZB, den Leitzins zu drücken, ist richtig. Aber sie bringt nur einen kleinen Zeitgewinn. Deshalb wird EZB-Präsident Mario Draghi schon bald wieder aktiv werden.
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EZB-Chef Mario Draghi im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Mario Monti. Quelle: dapd

EZB-Chef Mario Draghi im Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Mario Monti.

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Mario Draghi hatte heute die Chance, den Märkten einen etwas ruhigeren Sommer zu bescheren. Er hat sie genutzt - und das ist gut so. Wenn keine großen Überraschungen dazwischen kommen, haben die Euro-Länder durch die EZB-Entscheidung etwas Zeit gewonnen. Dazu tragen auch die entschlossenen Schritte der Zentralbanken in China und Großbritannien bei. Bald wird vorrausichtlich die amerikanische Notenbank folgen und eine weitere Runde der quantitativen Lockerung einleiten.

Zeit ist in der Krise ein wichtiges Gut: Je schneller Entscheidungen getroffen werden müssen, desto größer ist die Gefahr von Fehlschüssen. Allein die Umsetzung der Gipfelbeschlüsse vom vergangenen Freitag braucht mehrere Monate. Dagegen ist der Zeitgewinn durch die EZB-Entscheidung klein.

Mallien Jan

Jan Mallien, geldpolitischer Korrespondent.

Mario Draghi steht vor einem schwierigen Problem: Seine Zinspolitik ist weitgehend wirkungslos. Die EZB hat die Zinsen seit der Finanzkrise bereits drastisch gesenkt. Dies wirkt sich aber nur dort aus, wo es am wenigsten bringt: In den Nordländern der Eurozone. In Deutschland zum Beispiel boomt die Baubranche, weil immer mehr Haushalte die niedrigen Zinsen nutzen und neue Häuser bauen. Dagegen müssen Unternehmen und Privathaushalte in den Südländern nach wie vor sehr hohe Zinsen für Kredite hinblättern - wenn sie überhaupt welche bekommen. Das liegt daran, dass die Sparer in den Südländern Angst um die Zukunft des Euro haben. Sie fliehen mit ihrem Kapital in die Kernländer der Eurozone.

Kleine Effekte bringt die Zinssenkung aber dennoch. Erstens dürften die Zinsen der Krisenländer am Anleihemarkt nun ein wenig sinken. Zweitens schwächt die Zinssenkung den Wechselkurs des Euro: Für Anleger wird es nun noch attraktiver, Kredite in Euro aufzunehmen und in anderen Währungsräumen anzulegen. Drittens sinkt auch der Zins für die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte, mit denen die EZB im Dezember und Februar die Banken im Euroraum mit Liquidität versorgt hat.

Außerdem hat die EZB auch den Einlagezinssatz auf Null gesenkt, den die Banken bekommen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parken. Derzeit liegen fast 800 Milliarden Euro in der Einlagenfazilität der EZB. Die Zinssenkung erhöht den Anreiz für die Banken, dieses Geld stattdessen anderweitig zu verleihen.

Zwar steigt durch die Zinssenkung das langfristige Inflationsrisiko, doch dieses Risiko ist leichter kontrollierbar als die Angst um den Euro. Seit Jahrzehnten haben die Notenbanken weltweit ihre Instrumente im Kampf gegen die Inflation getestet. Wie man aber mit der komplizierten Psychologie einer Währungskrise umgehen soll, ist viel schwieriger zu beantworten.

Deshalb dürfte der heutige Zinsschritt nicht die letzte Maßnahme gewesen sein, die EZB-Chef Draghi zur Rettung des Euros in die Waagschale wirft.

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5 Kommentare zu "Kommentar: Draghis Feuerschutz hält nicht lange vor"

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  • Sparer haben kein Einkommen sondern Kosten. Denn wenn keine Kreditnehmer da sind müssen sie ihr Geld beispielsweise vor Taschendiebstahl schützen indem sie wieder beispielsweise einen Tresor anschaffen und einen Wachdienst bezahlen.

  • Kuendigungsschutz?

    Higher & Flyer!

    Weise erstmal nach daß Du nicht scheinselbständig bist indem Du mehrere Monate autonom von Zahlungseingängen deines größten Kunden überlebst!

  • Vergessen wird nur, dass das Realeinkommen vieler Millionen Sparer drastisch sinkt

  • Fakt ist, dass Baudarlehen steigen und Spareinlagen fallen.
    Für den Arbeitnehmer ist die Senkung des Leitzinses reine
    Vermögensvernichtung langfristig( Überschussbeteiligungen von
    Lebensver. fallen, Dispozinsen sind Wucherzinsen).
    Steigt noch die Inflation,ist unterm Strich nichts zu holen wie
    negative Rendite. Welcher junger Mensch möchte in einer solchen
    unübersichtlichen Lage in Altersvorsorgeprodukte investieren.
    Langfristig ist Altersarmut angesagt oder sie heiraten einen
    reichen Partner.

  • Die Zinssenkung bewirkt, dass weniger private Anleger in Anleihen investieren, denn sie erwarten Inflationraten ueber den Marktzinsen. Da Staaten dann nicht ausreichend Privatgelder bekommen, muss die EZB (oder FED usw.) mit neuen Liquiditaetsfluten den Markt ueberschwemmen und wird letztendlich damit genau die Inflation ausloesen, die die Anleger jetzt schon erwarten. Der kluge Anleger versucht seine liquiden Mittel in Rohstoffe, Aktien und Immobilien zu lenken. Neue Blasen sind die Folge. Insbesondere steigende Rohstoffpreise werden die Inflation ebenso anheizen. Ach ja, um gleich einem gern vorgebrachten Argument vorzubeugen, bei lauer Nachfrage koenne es keine Inflation geben: Falsch! Kein Unternehmer kann dauerhaft seine Produkte unter seinen Gestehungskosten anbieten. Er stellt die Produktion ein! Sinkendes Gueterangebot fuehrt selbst bei gleichbleibender Geldmenge zu steigenden Preisen.

    Herr Draghi gewinnt Zeit? Zeit fuer was?

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