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Kommentar Drohende Krisen: Tumult in der Weltwirtschaft

Unsicherheit gibt den Takt der Weltwirtschaft vor, ökonomische Gesetze scheinen außer Kraft. Aktuell steht die internationale Gemeinschaft einer neuen Krise wehrlos gegenüber.
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Die globale Konjunktur ist im Abschwung. Quelle: dpa
Hamburger Hafen

Die globale Konjunktur ist im Abschwung.

(Foto: dpa)

Erinnerungen an die Finanzkrise 2009 werden derzeit wach. Kurz vor Ende des Jahrzehnts befindet sich die Weltwirtschaft wieder mitten in einem Abschwung. Wie damals kämpfen auch heute fast alle Staaten auf der ganzen Welt gleichzeitig mit fallenden Wachstumsraten.

Wie damals sind erneut hohe Schulden eine Gefahr für die Finanzstabilität, diesmal weniger auf der Banken- und Staaten-, dafür aber auf Unternehmensebene. Und wieder blicken alle Beobachter und Akteure bei der Bekämpfung der Wirtschaftskrise vor allem auf die Notenbanken.

Doch auch wenn es einige Parallelen zu 2009 gibt, ist die Welt zehn Jahre später eine völlig andere. Während die Finanz- eine Jahrhundertkrise war, befindet sich die Weltwirtschaft heute in einem normalen Abschwung. Vergleiche mit der Situation vor zehn Jahren sind deshalb unverhältnismäßig. Und es gibt weitere Unterschiede zu damals – die sind beunruhigend.

2009 reagierten die G20-Staaten schnell und entschlossen auf die Finanzkrise. Ob die Runde der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) heute aber die Kraft besäße, geschlossen zu handeln, ist mehr als fraglich. Zu sehr rüttelt US-Präsident Donald Trump an der multilateralen Nachkriegsordnung, eine Krise würde er mit protektionistischen Alleingängen womöglich eher verschlimmern.

Die G20 ist damit just in einer Zeit schwach, in der nicht nur ein Abschwung ins Haus steht, sondern alte ökonomische Gesetzmäßigkeiten und Gewohnheiten der Weltwirtschaft außer Kraft gesetzt werden. Die Welt steht einer neuen Krise ziemlich wehrlos gegenüber.

Schon jetzt hat die protektionistische US-Handelspolitik viel Schaden angerichtet, sie hat die globale Konjunktur im Alleingang Richtung Abschwung gestoßen. Sollten die Handelskonflikte nicht gelöst werden, würde dies die Weltwirtschaft allein im nächsten Jahr weitere 700 Milliarden Dollar kosten.

Die Inflation hat als ökonomische Richtgröße vorerst ausgedient

Dabei sind Zölle nicht einmal das Hauptproblem. Viel schwerer lastet die Unsicherheit, die die Zollschranken mit sich bringen, auf der Weltwirtschaft. Im August kletterte der „Globale Unsicherheitsindex“ auf Rekordstand. Die Welt befindet sich in einem Zustand der Dauerunsicherheit.

Das zweite Wesensmerkmal dieser neuen Wirtschaftsunordnung ist neben Protektionismus ein neues ökonomisches Phänomen: Die Inflation als ökonomische Richtgröße hat vorerst ausgedient. Trotz aller Versuche, die Teuerungsrate mit immer neuen geldpolitischen Maßnahmen zu stützen, liegt sie in fast allen westlichen Industriestaaten unter dem Ziel der Notenbanken oder krebst an der Nulllinie.

Das Neue dabei: Anders als zur Zeit der „Stagnation“ in den 1970- und 1980er-Jahren geht die geringe Inflation heute nicht mit hoher Arbeitslosigkeit einher. Die Politik muss sich daher auf eine neue Art von Konjunkturkrisen einstellen.

Die niedrige Inflation einfach hinzunehmen wäre hochgefährlich. Auf Dauer schaden zu geringe Teuerungsraten einer Volkswirtschaft genauso wie zu hohe. Den Unternehmen, weil ihre Schulden real weniger stark sinken.

Den Notenbanken, weil ihre Glaubwürdigkeit leidet, wenn sie ihr Mandat der Preisstabilität nicht einlösen. Investoren, weil sie durch die Niedrigzinsen in risikoreiche Anlagen getrieben werden. Und der Politik, weil sie nun über höhere Ausgaben die niedrige Inflation bekämpfen muss, weil die Notenbanken ihr Pulver bereits verschossen haben – und das trotz teils heute schon hoher Schuldenstände.

Neben dem Protektionismus und dem vorläufigen Ende der Inflation gibt es einen dritten Unsicherheitsfaktor. Hat China in den vergangenen Jahren die globale Konjunktur mit seiner boomenden Wirtschaft stets nach oben gezogen, scheint das Wachstumsmodell der Volksrepublik nun an seine Grenzen zu stoßen. Das Wachstum wird in diesem Jahr so niedrig ausfallen wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr, eine Rückkehr zu alter Stärke ist unwahrscheinlich.

Der Hunger nach Maschinen „made in Germany“ dürfte im nächsten Jahrzehnt geringer ausfallen als im ausklingenden. Dies, gepaart mit den Strukturveränderungen der Automobilindustrie, wird insbesondere die deutsche Industrie und den deutschen Mittelstand vor Probleme stellen, die kein Konjunkturprogramm der Welt lösen kann.

Beim IWF-Treffen in Washington versuchten Finanzminister und Notenbanker, Optimismus zu verbreiten. Eine Abrüstung des Handelskriegs würde die globale Konjunktur schnell wieder beleben, wovon insbesondere Deutschland profitieren würde. Das ist sicher richtig. Doch die anderen Probleme werden selbst in diesem „Best-Case-Szenario“ nicht verschwinden. Und sie sind schwieriger zu lösen. Die G20 muss schnell Antworten finden, wie sie mit der neuen Unordnung der Weltwirtschaft umgehen will.

Mehr: Der Internationale Währungsfonds sieht die Wirtschaft fast aller Länder im Abschwung. Der globalen Wirtschaft droht demnach das schwächste Wachstum seit der Finanzkrise.

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