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Kommentar Ein Jahr im Amt: Die magere Bilanz von VW-Chef Herbert Diess

Das Jahr 2019 wird für den Volkswagen-Chef zur Bewährungsprobe. Die hohen Erwartungen der Großaktionäre hat Diess bis jetzt noch nicht erfüllt.
5 Kommentare
VW: Die magere Bilanz von Volkswagen-Chef Herbert Diess Quelle: Bloomberg
Herbert Diess

Der Manager hat viele Akteure ausgemacht, die für die Misere von VW verantwortlich sind. Sich selbst klammert er aus.

(Foto: Bloomberg)

Herbert Diess ist als Vorstandsvorsitzender von Volkswagen gescheitert. Zumindest am heutigen Stand gemessen. Vor einem Jahr hat er auf dem Chefsessel Platz genommen – und er tat dies mit einem Versprechen: Er wollte den Autohersteller in eine sichere Zukunft führen, die Herausforderung Elektromobilität und Digitalisierung meistern und dabei auch noch die Rendite erhöhen.

Das hatten sich die Großaktionäre Porsche und Piëch, das Land Niedersachsen und der Betriebsrat von ihm versprochen. Dafür warfen sie seinen Vorgänger Matthias Müller aus dem Amt und installierten ihn auf dem Posten.

Diess hat die Erwartungen bislang nicht erfüllen können. Der Autohersteller mit Sitz in Wolfsburg ist zwar gemessen am Absatz unverändert Weltmarktführer, allerdings blieb das Ergebnis im vergangenen Jahr hinter den Erwartungen zurück. Auch für dieses Jahr ist keine Besserung zu erwarten. Im Gegenteil, gerade bei der Kernmarke VW droht eine weitere Erosion des Gewinns.

Die Gründe dafür sind vielfältig: etwa externe Gründe – wie die vorgezogene Umstellung auf das Testverfahren WLTP, mit dem die Abgaswerte besser gemessen werden können. Auch mögen die Absatzschwäche in einigen Weltregionen und die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Importzölle für deutsche Autos die Bilanz von VW und Diess belasten.

Schwerer wiegen aber hausgemachte Themen. Augenfällig ist ebenjene Umstellung auf WLTP, die den Konzern bisher mit rund 3,6 Milliarden Euro belastet hat. Weil die Entwickler die Motoren nicht rechtzeitig genehmigungsfähig machen konnten, verkaufte VW weniger Autos.

Das muss sich Diess persönlich ankreiden lassen. Seit Mitte 2015 ist er für die Kernmarke VW verantwortlich, und als oberster Leiter muss er dafür Sorge tragen, dass die Menschen ihren Job in der gebotenen Zeit erledigen können. Notfalls durch den Austausch von Führungskräften.

Überhaupt ist die Entwicklung in Wolfsburg die Problemzone des Konzerns. Dort sitzen zwar die besten Ingenieure Europas. Aber bei den Arbeitsabläufen hakt es, was sich nicht nur bei der WLTP-Umstellung zeigt. Intern geht die Sorge um, dass wichtige Modelle wie der Golf 8 und der Elektroflitzer I.D. nicht fristgerecht auf den Markt kommen können.

Die Folgen wären fatal. VW würde nicht nur an Absatz verlieren, sondern es drohten für das kommende Jahr Strafgelder. Ohne E-Autos gelänge es VW nicht, den Kohlendioxidausstoß der in Europa veräußerten Fahrzeuge auf das geforderte Maß zu senken.

Volkswagen muss sich bewegen

Die Probleme in der Entwicklung sind nicht der einzige Grund für die trübe Bilanz. Diess steht sich mit seiner Lust an der Provokation selbst im Weg. Gerade in den vergangenen drei Monaten hat der 60-Jährige nahezu jeden gegen sich aufgebracht: den Betriebsrat mit dem mächtigen Bernd Osterloh an der Spitze, das Land Niedersachsen als zweitgrößten Aktionär nach den Familien Porsche/Piëch, die Wettbewerber und die Politik. Damit aber nicht genug. Auch Manager stellen sich gegen ihn, viele verweigern Diess die Gefolgschaft.

Angesprochen auf diesen Unmut verweist das Umfeld von Diess auf die Notwendigkeit der Umbauten. Volkswagen muss sich bewegen, ohne Frage. Diess packt die richtigen Themen an. So hat er eine schlüssige Strategie für die Umstellung von Verbrennern auf den Elektroantrieb. Eine solche Veränderung geht aber nicht über Konfrontation. Das wird ihm nur im Konsens gelingen.

Volkswagen ist ein Koloss, der aus einer Allianz aus Familieneigentümern, dem Land Niedersachsen, und Arbeitnehmern bislang geführt wird. Das macht es nicht einfach. Aber es gilt grundsätzlich: Der tief greifende Umbau gelingt nur, wenn alle mitziehen.

Der nötige Konsens liegt momentan allerdings in weiter Ferne. Was auch in der Natur von Herbert Diess begründet liegt. Er provoziert, um Leute in Bewegung zu setzen. Auf einer Tagung stempelte er kürzlich die meisten seiner Topleute zu Minderleistern. Auf diesem Boden wächst keine Loyalität.

Auch die Politik fordert Diess heraus, indem er der Regierung Untätigkeit beim Aufbau einer Ladeinfrastruktur für E-Autos vorwirft. Dass dafür in erster Linie die Industrie zuständig ist, verschweigt er.

Diess hat viele Akteure ausgemacht, die für die Misere von VW verantwortlich sind. Sich selbst klammert er aus – trotz der Pannen in der VW-Entwicklung oder der Krise bei der Tochter Audi. Zwar hat die Premiummarke einen Umbau angekündigt, der Erfolg ist aber zweifelhaft. Ein Grund für diese Missstände ist, dass Diess sich zwar hart gibt, personelle Konsequenzen aber scheut.

Diess hat noch drei Jahre Zeit, um seine Bilanz als VW-Chef zu verbessern. Das Fundament dafür ist da. Seine Strategie, den Konzern voll auf Elektroautos auszurichten, ist richtig. Damit der Plan aufgeht, muss er die einzelnen Akteure aber überzeugen, anstatt zu provozieren. Er muss sie zu Mitstreitern machen oder sich von ihnen trennen.

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5 Kommentare zu "Kommentar: Ein Jahr im Amt: Die magere Bilanz von VW-Chef Herbert Diess"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ja Frau Kah
    VW hat gute Ingenieure und jetzt wohl auch fähige Hellseher.
    Wenn Sie mal ein Tesla Model 3 gefahren sind dann erahnen Sie die zukünftigen Kundenwünsche.
    Was war das meistverkaufte Auto in der Schweiz im März 2019 ?

  • Sehr geehrter Herr Murphy,

    reden wir einmal über das Großrisiko "Einführung der Elektromobilität". Dass sie grundsätzlich notwendig ist, ergibt sich aus den künftigen Abgasgrenzwerten der EU. Auf der anderen Seite sind die Elektrofahrzeuge in der Herstellung deutlich teuer. Und in den Verkaufsstatistiken führen sie trotz hoher staatlicher Kaufanreize bislang ein Nischendasein. Wieviele Kunden zu welchem Zeitpunkt dafür gewonnen werden können, steht in den Sternen. Deshalb meine ich, dass Investitionen in die Umrüstung der Modelle und Fabriken ein Großrisiko für die Hersteller sind.

    Die meisten Hersteller sind sich dessen bewußt. Sie weiten ihr Angebot an Elektrofahrzeugen mit maßvollem Tempo und eher zögerlich aus. Wollen vor allem ihre Flexibilität bewahren. Beispielsweise durch die Entwicklung von Plattformen, die je nach künftigem Bedarf wahlweise mit Verbrennungs- oder Elektroantrieben bestückt werden können. Oder mit Hybridantrieben, die von vornherein beide Antriebsarten haben.

    Und VW? Stürzt sich mit Hurrageschrei auf die Elektromobilität und investiert riesige Summen. Da fragt man doch, kennen die die Kundenwünsche? Haben die vielleicht Hellseher an Bord?

  • Der Volkswagenkonzern muss bitterlich erkennen, dass es nicht möglich ist, weiterhin auf globaler Basis Fahrzeuge mit auschl. Verbrennungsmotoren in so großer, sogar noch steigender Zahl zu verkaufen. Der Konzern meinte lange WLTP völlig ignorieren zu können -- irgendeine politische Intervention würde schon helfen. Und der Konzern gleubt immer noch aus dem Dieselskandal durch agressives ''brachialjuristisches'' Verhalten entkommen zu können. Ein vorsichtiger Abstieg aus diesem Größenwahn ist eine mächtige Herausforderung

  • ... die besten Ingenieure Europas? ...mussten bei der Abgasreinigung betrügen!

  • Volkswagen ist drauf und dran unter der Führung von Hr. Diess trotz der riesigen Altlasten und des größten Veränderungsdruckes durch E-Mobilität und autonomes Fahren wieder ein sportliches Unternehmen zu werden. Logischerweise entsteht dabei Reibung.

    Nahezu 30 Mrd. hat der Volkswagenkonzern Mittlerweile für den selbsterzeugten Dieselskandal aufgewendet, wurde gleichzeitig mit dem WLTP Verfahren konfrontiert und muss ohne Verzögerung die Geschäftsmodelle aufgrund der extrem verschärften CO2 der EU umstellen. Das Ganze geschieht bisher ohne Kapitalerhöhungen und bei steigenden Dividenden.
    Ich bin ein Aktionär dieses Unternehmens aber auch der Deutschen Bank und weiß einige Unterschiede zu schätzen. Ihr Kommentar ist für mich nicht stimmig und nicht gerecht Hr. Murphy.