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Kommentar Ein starkes Europa braucht starke Kapitalmärkte

Die strategische Bedeutung sicherer Anleihen wird unterschätzt. Europa braucht einen wesentlich stärkeren Kapitalmarkt, um machtpolitisch auf Augenhöhe mit den USA verhandeln zu können.
16.02.2021 - 15:49 Uhr 1 Kommentar
Die Amerikaner zeigen: Geld kann auch geopolitisch Macht bedeuten. Quelle: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe
Dagobert-Figur – als Sinnbild des Reichtums

Die Amerikaner zeigen: Geld kann auch geopolitisch Macht bedeuten.

(Foto: OSTKREUZ - Agentur der Fotografe)

Kraftvolle Kapitalmärkte sind geostrategisch genauso wichtig wie wirkungsvolle Waffensysteme. Das gilt besonders in der heutigen Zeit, wo die Staaten sich kaum noch auf große Kriege einlassen, weil sie deren mögliche Folgen zu Recht für unkalkulierbar halten.

Die USA setzen, wie am Beispiel Iran deutlich wurde, die Übermacht ihres Kapitalmarkts ungeniert ein, um Banken weltweit zur Kooperation bei Sanktionen zu zwingen. Selbst Notenbanker fürchten diesen Einfluss.

James Carville, Bestsellerautor und Berater von US-Präsident Bill Clinton, sagte einmal, er habe sich lange Zeit gewünscht, als Papst, US-Präsident oder genialer Baseballspieler wiedergeboren zu werden. „Aber jetzt“, fügte er hinzu, „käme ich lieber als Bondmarkt zurück: Da kannst du jeden einschüchtern.“

Auch Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der USA, wusste die strategische Bedeutung von Kapitalmärkten zu schätzen. Er hatte als aktiver Teilnehmer am Unabhängigkeitskrieg hautnah erlebt, wie die Kolonialmacht ihre Finanzierungsreserven in militärische Stärke umsetzen konnte.

Er hatte zunächst Mühe, seine Idee einer zentralen Schuldenfinanzierung über Anleihen durchzusetzen. Auf lange Sicht haben sich die USA aber für dieses Konzept entschieden und sind damit zur weltweiten finanziellen Supermacht geworden.

China holt auf

Das heißt: Europa braucht einen wesentlich stärkeren Kapitalmarkt, um machtpolitisch auf Augenhöhe mit den USA verhandeln zu können – als notwendige, nicht als hinreichende Bedingung. Langfristig hat auch China mit seiner Wirtschaftskraft und seiner zentralen Führung das Potenzial, eine große Machtposition auch auf den Kapitalmärkten zu entwickeln. Das Vertrauen vieler amerikanischer Investoren in die finanzielle Kompetenz der Führung in Peking ist recht hoch.

Die Europäische Union hat sich das Ziel gesetzt, die Rolle des Euros zu stärken. Aber ehrlicherweise muss man sagen: Einen starken Euro-Kapitalmarkt wird es nur geben, wenn die Investoren weltweit in ausreichender Menge als sicher geltende Wertpapiere bekommen. Bleibt es bei der nationalen Zersplitterung des Euro-Anleihemarkts, dann werden die Europäer immer gern gesehene Gäste am Tisch der Großmächte sein, aber dort eher zur Unterhaltung als zur Entscheidungsfindung beitragen.

Zurzeit gelten praktisch nur die deutschen Anleihen als wirklich sicher, als „Safe Assets“. Davon gibt es aber zu wenige – ein Grund für die deutlich negativen Renditen der „Bunds“. Mit dem Corona-Wiederaufbaufonds gibt es erstmals eine nennenswerte Ausgabe von Anleihen auf EU-Ebene. Zugleich startet die Diskussion, der EU im Gegenzug mehr eigene Finanzquellen, etwa durch eine Digital- und eine Finanztransaktionssteuer zu verschaffen.

Das kann aber nur ein Anfang sein, wenn man wirklich von einem „Hamilton-Moment“ sprechen will.

In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob Europa noch mehr Projekte gemeinsam finanziert und damit auch einen deutlich leistungsfähigeren Kapitalmarkt schafft. Oder ob es dabei bleibt, von der ganzen EU getragene Bonds nur in Notsituationen zu begeben. Diese Entscheidung wird den Weg weisen, ob Europa wenigstens wirtschaftlich eine Großmacht wird oder eine Ansammlung zwar wohlhabender, aber unbedeutender Staaten bleibt.

Mehr als eine neue Sektsteuer

Kein Zweifel: Die Schaffung europäischer Einheitsbonds wirft auch Probleme auf, weil es immer Streit über die Verwendung der Mittel und Bedenken wegen einer De-facto-Vergemeinschaftung von Schulden geben wird, auch wenn beim neuen EU-Fonds formal jedes Land nur anteilig je nach Wirtschaftsleistung haftet. Nur: Wenn man sich dagegen entscheidet, sollte man sich auch den politischen Preis vor Augen führen.

Was unweigerlich scheitern wird, ist der Versuch, noch mehr „Safe Assets“ zu schaffen, aber auf jede Art gemeinsamer Haftung zu verzichten. Die Investoren werden sich in dem Punkt durch keine trickreichen Konstruktionen überzeugen lassen. Auf lange Sicht und bei größeren Volumina europäischer Bonds wird es zudem darauf ankommen, diese Assets auch mit entsprechend voluminösen Finanzquellen zu verknüpfen.

Hier bietet die deutsche Geschichte Anschauungsmaterial, wie schwierig, aber auch wie wichtig das ist. Das Kaiserreich galt als „Kostgänger der Länder“, hatte also zwar Großmachtambitionen, aber kaum eigene Finanzquellen, was letztlich zur Hyperinflation nach dem verlorenen Krieg führte. Zur Finanzierung der Flotte wurde zwar die Sektsteuer eingeführt, die den Untergang der Schiffe und zwei Weltkriege bis heute überdauert hat.

Aber erst Matthias Erzberger hat nach dem Krieg mit seiner Finanzreform – der größten der deutschen Geschichte – die Regierung in Berlin auf eine solide Grundlage gestellt. Das war die Voraussetzung dafür, nach der Inflation wieder eine stabile Währung zu starten.

Was heißt das für die heutige Lage? Wir sind bei der Sektsteuer und brauchen mehr Erzberger. Bis zu einem starken Kapitalmarkt ist es ein langer Weg, und er führt in erster Linie über sinnvolle Projekte, die gemeinsam finanziert werden.

Mehr: Das Gerede von Fiskalunion gefährdet den Euro.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Ein starkes Europa braucht starke Kapitalmärkte"

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  • Ein starkes Europa braucht
    - starke Kapitalmärkte
    - starke DIGITALE UNTERNEHMEN
    - starke Energieunternehmen, Rohstoffunternehmen,
    - vernünftige, intelligente, selbstbewusste Politiker

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