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Kommentar Ein Virus spaltet die Gesellschaft

Die jüngsten Coronafälle in einer Berliner Mietskaserne und auf einem westfälischen Schlachthof zeigen, wie die sozialen Risse durch die Pandemie verstärkt werden.
18.06.2020 - 22:02 Uhr Kommentieren
Schlachthöfe gelten als Hotspots der Corona-Pandemie. Quelle: dpa
Geschlachtete Scheine in einem Schlachthof in Niedersachsen

Schlachthöfe gelten als Hotspots der Corona-Pandemie.

(Foto: dpa)

In einem Wohnblock in Berlin-Neukölln stecken sich mehr als 70 eng beieinander wohnende Menschen mit dem Coronavirus an – viele davon gehören zu den sozial Schwächeren. Auf einem Schlachthof in Westfalen werden über 650 Mitarbeiter positiv getestet – viele davon Werksarbeiter, die in Sammelunterkünften leben.

In derselben Woche stellt die Bundesregierung ihre neue Corona-Warn-App vor – viele einkommensschwache Bürger bleiben ohne Warnung, weil sie sich kein Smartphone der neueren Generation leisten können. Auf den ersten Blick haben diese Meldungen nichts miteinander zu tun. Bei näherem Hinsehen zeigen sie, wie das Coronavirus die Gesellschaft sozial spaltet.

Anfangs dachten viele noch, die Pandemie treffe jeden und kenne keine Grenzen – weder zwischen Ländern noch Schichten. Spätestens jetzt wissen wir, dass auch im sozialen Deutschland längst nicht alle in einem Boot sitzen.

Der Unterschied zwischen Homeoffice und Schlachthof ist so groß, wie er klingt. Finanziell, gesundheitlich, sozial. Je länger die Pandemie andauert, desto größer werden die sozialen Risse. Auch in anderen Ländern verstärkt das Virus die Spaltung in der Gesellschaft.

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    In den Industriegebieten im Nordwesten Englands sind die Coronazahlen inzwischen deutlich höher als im dicht besiedelten, aber eben wohlhabenden London. In der vor allem von Afroamerikanern bewohnten New Yorker Bronx lagen die Ansteckungsraten schon zu Beginn höher als an der poshen Upper East Side oder im bürgerlichen Brooklyn. In New York, aber auch in Paris packten die Reichen ihre Sachen und suchten Schutz im Ferienhaus, während die Ärmeren ihren Dienst für die Gesellschaft tun mussten.

    „Unverzichtbare Alltagshelden“

    Erste Studien aus vielen Ländern zeigen, dass sozial schwächere Schichten nicht nur ein höheres Gesundheitsrisiko tragen müssen, sondern auch von den Folgen der Coronakrise viel härter getroffen werden. Dienstleistungsbranchen wie Friseurgeschäften, Gastronomie und dem Hotelgewerbe wurde quasi über Nacht die Geschäftsgrundlage entzogen – und dort arbeiten vor allem Menschen mit geringen Gehältern.

    Viel ist über die „unverzichtbaren Helden“ während der Krise geschrieben worden – über Krankenschwestern, Pflegekräfte, Müllmänner und Kassiererinnen. Vielerorts gab es abendliche Standing Ovations von Balkonen für all jene, die unter hohem persönlichem Risiko und für vergleichsweise wenig Geld ihren Job gemacht haben.

    Daraus hätte sich eine Debatte über den gesellschaftlichen Wert dieser Tätigkeiten entwickeln können: darüber, unter welch schwierigen, manchmal auch unzumutbaren Bedingungen diese Arbeit getan wird. Darüber, dass diejenigen, die uns schützen, oft selbst schutzlos sind. Und darüber, welche finanzielle, aber auch moralische Anerkennung wir gegenüber den namenlosen Alltagshelden zeigen.

    Die Marktwirtschaft sieht sich gern als Leistungsgesellschaft. Allzu oft betrachten wir jedoch den Gehaltszettel als Leistungsnachweis. Die Coronakrise zeigt jedoch, dass der Preis der Arbeit längst nicht alles über ihren Wert aussagt. Das ist kein Aufruf an den Staat, die Gehälter über einen Mindestlohn hinaus vorzuschreiben. Allerdings sollten wir uns schon fragen, warum der Markt viele essenzielle Leistungen so schlecht belohnt, deren Wert wir oft erst in Krisenzeiten schätzen lernen.

    Arroganz der Eliten

    Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass sich der Bewusstseinswandel nicht nur im Portemonnaie, sondern durch mehr Gemeinsinn im Alltag bemerkbar macht. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel warnt vor einer „meritokratischen Überheblichkeit“, die man auch als Arroganz der Leistungseliten beschreiben könnte.

    Gemeint ist damit die Überzeugung vieler sogenannter Leistungsträger, dass sie ihren herausragenden Status in der Gesellschaft nicht nur finanziell, sondern auch moralisch verdient hätten. Dabei vergessen sie allerdings allzu oft, dass sie ihren Erfolg auch einer Gesellschaft verdanken, zu deren Funktionieren viele Namenlose beitragen.

    Diese Missachtung ist ein Grund dafür, warum Wutbürger in vielen Ländern schon vor der Pandemie gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten auf die Barrikaden gegangen sind. Oft sind es die gleichen Leute, die später gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße protestierten.

    „Es ist schwer zu sagen, an welchem Punkt Ungleichheiten die Solidarität in einer Gesellschaft zerstören. Sicher aber ist, dass keine Gesellschaft es sich ungestraft leisten kann, eine beträchtliche Zahl von Menschen auszuschließen“, schrieb der liberale Vordenker Ralf Dahrendorf bereits Ende der Neunzigerjahre und wies darauf hin, „dass eine solche Gesellschaft nicht mehr überzeugend verlangen kann, dass ihre Mitglieder sich an die Regeln von Recht und Ordnung halten“.

    Mehr: EU-Sozialkommissar will Missstände in deutschen Schlachthöfen stoppen

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