Kommentar Eine Lanze für Markus

Im Internet macht eine Online-Petition für die Absetzung Markus Lanz' die Runde. Das ZDF und der Moderator können die Petition derjenigen, die Lanz nicht mehr sehen wollen, jedoch getrost ignorieren. Eine Einordnung.
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Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.
Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Manchmal frage ich mich, ob ich zu denen von gestern zähle. Ich frage mich das, wenn ich in Kategorien wie „Das gehört sich nicht“ denke. Ich frage mich das, wenn ich einen Gedanken für mich behalte, anstatt ihn zu teilen. Ich frage mich das, wenn Menschen anonym und online andere unter Druck setzen und glauben damit jene Freiheit optimal zu nutzen, die ihnen das Netz schenkt. Ich frage mich das, wenn Tausende ein Häkchen hinter einen Aufruf setzen, der das ZDF dazu bringen soll, seinen Moderator Markus Lanz zu feuern.

Wir Journalisten steckten einst im Zeitalter der Verwirrung. Sie stammte daher, dass wir erstaunt zur Kenntnis nahmen, dass unsere Leser, Zuhörer, Zuschauer und auch unsere User - dem Netz sei Dank - mit uns diskutieren wollten und dies durchaus auf Augenhöhe taten. Unsere hergebrachte Sicherheit, dass wir unseren Job machen, egal was die darüber denken, für die wir ihn machen, war dahin. Unsere User, so stellten wir fest, waren schlaue Köpfe, manchmal schlauer als wir. So etwas verunsichert.

Doch diese Phase ist vorbei. Die Irritation über die Vielfalt der Meinungen, die uns erreicht, ist der Inflation der Worte gewichen, die auf uns einprasseln und deren schiere Masse dazu führt, das jedes einzelne an Gewicht verliert. Das Netz lässt Meinungen zu. Das ist sein großer Gewinn. Aber es vervielfältigt sie ins unendliche und entwertet sie dadurch. Das ist sein großer Fluch. Den Vorteil zu nutzen und dem Fluch auszuweichen - darin besteht unsere Daueraufgabe. Wir versuchen uns als Dompteure eines Mediums, in dem Gewichtiges und Geschwätziges nahtlos miteinander verschmelzen, in dem die klügste Bemerkung und die dümmste Latrinenparole wie in Stein gemeißelt gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Eine Online-Petition gegen einen einzelnen, die die Absender weder Kraft noch Aufwand kostet, die für den Adressaten aber weitreichende Konsequenzen fordert - so etwas ist eine Anmaßung der Mutlosen. So etwas ist nicht mal ein Shitstorm, in dessen Wirbel sich stets auch einige Gedanken finden, die nicht nur so dahin geworfen sind. Markus Lanz und das ZDF können sie getrost ignorieren.

Sie können stattdessen die Quote messen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Sie können die Kritik jener Zuschauer ernstnehmen, die sich trauen, ihre Meinung mit dem eigenen Namen zu versehen. Sie können Verbesserungen einbauen oder die Sendung von mir aus am Ende absetzen. Was sie nicht können, ist einer sogenannten Petition von Menschen nachzugeben, von denen viele nicht wissen, was sich gehört.

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41 Kommentare zu "Kommentar: Eine Lanze für Markus"

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  • Jörges war schwer zu ertragen. Lanz war unanständig: Gäste lässt man ausreden, fällt ihnen nicht ins Wort. Anstand lernt man bei seinen Eltern, ersatzweise im Kindergarten. Wer hat bei lanz versagt?

  • Richtig, Herr Coenen, Lanz hat sich entschuldigt, aber wie? Seine ständige, inquisitorische Dazwischenrederei
    war für ihn lediglich "energisches Nachfragen". Wie billig! Das ist augenfälliger Mangel an Souveränität gepaart mit dem beliebten Versuch, Übles zu verniedlichen. Hat sich der eine rüpelhaft benommen, war der andere (Joerges) als Schreihals tätig. So macht man aus einem Gast - wenn ich der jeweiligen Begrüßung folgen darf - eine Angeklagte.
    Übrigens: Wer mit "anonym" seine Meinung bekundet, darf getrost als feige bezeichnet werden. Demokratie lebt auch vom offenen Visier!

  • Wenn man die Petition auf openpetition unterzeichnet, ist standardmäßig vorgesehen, dass man Namen, Adresse und E-Mail angibt, da hat rrppp absolut recht. Optional kann man anonym unterschreiben, was natürlich nicht viel Sinn macht. Daneben gibt es andererseits aber auch die Option, die Unterschrift sogar mit e-Ausweis verifizieren zu lassen. Ich wundere mich wirklich, dass hier ein ausführlichen Kommentar zum Thema veröffentlicht wird, der 227.000 Unterzeichner diffamiert, offensichtlich ohne dass der Autor recherchiert hat, worüber er schreibt. Die Fragen seien gestattet: Haben Sie denn die Sendung überhaupt gesehen? Oder die Petition im Wortlaut gelesen? - Die Sendung wurde aus der ZDF-Mediathek gelöscht, und Lanz hat sich bei Wagenknecht entschuldigt. Es wird wohl objektiv etwas Substantielles an den Vorwürfen dran sein.

  • Werter Herr Stock, wenn Sie schreiben "Ich frage mich das, wenn Menschen anonym und online andere unter Druck setzen" dann muß ich annehmen, dass Sie die Petition nicht (richtig) gelesen haben. Denn sehr viele Unterzeichner haben mit Namen und nicht etwa "anonym" ihre Meinung vertreten.

  • "......Anmaßung der Mutlosen......"

    Herr Stock es reicht. Halten Sie Ihre Verteidigung für einen der schlimmsten Dünnbrettbohrer der ÖRR-TV GEZocker eigentlich für Mut, persönlichen Mut oder bei einiger Überlegung nicht doch für Einfältigkeit, die Ihnen eigentlich nicht steht. Herr Lanz ist ein unbedarfter, von jedweder Sachkenntnis befreiter, weisungsgebundener aber offensichtlich nicht austauschbarer Mietdampfplauderer, der in jedem anderen als dem eigenen Ratespiel so dümmlich wirkte, wie er eben ist. Auf der Suche nach der Mikrobe der menschlichen Dummheit ist man bei Herrn Lanz ganz nahe am Fundort derselben. Und wenn nun zigtausende leidende TV-geknechtete, sich anschicken den unantastbaren TV-Machern ihre Meinung zu sagen, denunzieren Sie das als Anmaßung, Anmaßung der Mutlosen. Dies ist nicht korrekt, nicht fair, sondern nur arrogant, herablassend und schäbig. Welche anderen Wege sollte man (die Mutlosen)Ihrer Meinung nach beschreiten, um denen oben in den abgeschotteten Funkhauskommandokapseln ihre medial minderbemittelten, überbezahlten Bildschirmschranzen samt ihren grottenschlechten TV-Programmen um die Ohren zu hauen? Vielleicht überdenken Sie auch einmal Ihr offensichtliches Missverständnis, dass Herr Lanz ein Journalist sei. Sie würden sich dabei selbst nicht eben mir Ruhm bekleckern, ihn in Ihrer beruflichen Nähe zu wissen.

  • Das Interview führt tiefer ins Thema hinein. Man will die Kompetenz des Interviewten nutzen. Im Diskurs kann sich Tiefe entwickeln. Frage und Antwort zeigen, ob es sich lohnt.Den Dingen auf den Grund gehen. Lanz hat keine Tiefe. Er will nirgends hin, wo er nicht bereits ist. Das will er schnell, gegeelt & plakativ. Vorurteile, vor allem eigene, bedienend.Der Spiegel und der Stern ticken ähnlich. Beim Lesen des Spiegels und seiner Leserkommentare erfasst mich tiefste Angst. Dort siedeln sie,die Erben Deutscher Kleingeistigkeit. Die Petition mischt das auf. Sie ist ein Schrei nach medialer Kompetenz. Wer die Petition jetzt so vehemnet kritisiert fürchtet diese Ansprüche. Man reiht sich ein hinter Lanz. So soll die Deutsche Medienlandschaft bleiben:plakativ, flach, vorgefasst, unkritisch, noninvestiagativ. So sind sie, die Lanzer.ie Petition unterschreibt, ist doch nicht bewaffnet, er schießt doch nicht gewalttätig. Er hat nur eine Meinung. Ist doch o.k. Kann man doch mit um. Karl Walther
    Wer d

  • Herr Fugger das war sehr gut. Ich als Chefredakteur würde mir angesichts meiner billigen Aussagen jetzt so blöd vorkommen, dass ich Ihren Beitrag in DDR-Manier zensieren würde. Ob Herr Stock für seinen Job studiert hat? Zum Glück ist er kein Mediziner geworden. Wahrscheinlich würde er hin und wieder ein Skalpell im Körper des Patienten vergessen.

  • Die Argumente von Hr. Storck sind recht interessant. Wenn die Anonymität einer Stimmabgabe, diese als "wenig wert" erscheinen lässt, dann gilt das selbstverständlich auch für sämtliche Wahlen in einer Demokratie. Also kann es das nicht sein. Für Herrn Strock kommt es aber scheinbar auch auf den Aufwand an, den ein Stimmberechtigter betreiben muss, um an der Abstimmung teilzunehmen. Nun, dummerweise ist es nunmal eine Eigenart des Internets, dass man es über Kabel/Satellit direkt ins heimische Wohnzimmer bekommt. Das wurde, glaube ich, mal durchaus als Fortschritt gefeiert. Also, wieviel Aufwand müssen wir betreiben, damit eine abgegebene Stimme bei einer Online Petition als gleichwertig zu einer z.B. Briefwahlstimme angesehen wird?
    Ich möchte ein Beispiel geben: unterstellen wir die 100% Sicherheit des Internets. Kein Bit wird manipuliert. So könnte man anonyme Wahlen abhalten, z.B. auch zum Bundestag. Was wenn Hunderttausende anonym und ohne Aufwand den Rücktritt eines ganzen Kabinetts fordern? Wäre das dann schlimm? Oder ein Fortschritt?

  • Zitat : Das Netz lässt Meinungen zu. Das ist sein großer Gewinn.

    - beim Handelsblatt werden Meinungen nur begrenzt zugelassen, H. Stock !

    Sie haben ein wunderbares Instrumentarium implementiert, um NICHT genehme Meinungen zu entfernen und unliebsamen Kommentatoren aus ihren Foren zu entfernen.

    Das Instrument heisst bei Ihnen NETIQUETTE !

    Ihr Blatt ist heuchlerisch und verlogen !

    Und Ihre Beteuerungen sind Dampfblasen.

  • "Eine Online-Petition gegen einen einzelnen, ..., die für den Adressaten aber weitreichende Konsequenzen fordert"

    Das wollen wir doch schwer hoffen, dass das Konsequenzen für den Einzelnen bringt. Wir wollen nicht vergessen, dass der Gebührenzahler das üppige Gehalt dieses Moderators zahlt. Der Fall Lanz könnte eine gute Warnung für die Medienvertreter sein, die der Meinung sind, dass sie zwar gerne Zwangsfinanziert werden, aber dafür nichts leisten wollen. Zum Ignorieren aufrufen, würde ich mal als äußerst Fahrlässig bezeichnen. Hin und wieder mal ein bisschen in Demut an die denken, denen man sein Gehalt verdankt, kann nicht schaden. Ein Firmenchef könnte sich so eine Äußerung, das alles einfach zu ignorieren garnicht leisten. Der Kunde reklamiert ein Produkt und der Geschäftsführer sagt "Die Reklamation können wir getrost ignorieren". Sowas kann auch nur ein Chefredakteur von einer Zeitung von sich geben. Aber nicht vergessen. Eure Abonnenten sterben weg!

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